Historikerin: Autofahrerinnen lange nicht ernst genommen

Wolfsburg.   „Frau am Steuer“: Zwei Forscher analysieren in Wolfsburg die Vorstellungen der weiblichen Mobilität.

Foto: UHU / Sächs. Landesbibliothek - Staats- u. Universitätsbibliothek Dresden

Misslungene Einparkversuche, Schminken im Rückspiegel, völlige Hilflosigkeit bei kleinsten Pannen: Wer „Frau am Steuer“ googelt, gewinnt eine Vorstellung davon, dass das Auto nicht nur Fortbewegungsmittel und Statussymbol ist, sondern auch ein Gegenstand, über den Klischees definiert werden. Filme über vermeintlich ungeschickte Frauen im Straßenverkehr sind ein Renner auf Youtube und kommen auf Millionen Klicks.

Wie kann das sein? Schließlich verursachen Frauen weniger Unfälle als Männer, fahren wesentlich seltener unter Alkoholeinfluss. Selbst die Unfälle, die auf ihr Konto gehen, sind im Schnitt weniger folgenschwer als die von Männern. So steht es in einem Bericht des Statistischen Bundesamts von 2017.

Das Bild der autofahrenden Frau ist geprägt von Vorurteilen und Stereotypen. Und die wurzeln in der Geschichte. Bei einer Historikertagung zur Konsumgeschichte des Autos im Volkswagen-Konzernarchiv nahmen zwei Forscher – eine Frau und ein Mann – unter die Lupe, wie Autofahrerinnen früher gesehen wurden. Erstaunlich dabei: In den zwanziger Jahren des
20. Jahrhunderts war das Bild der „Frau am Steuer“ offenbar weitaus moderner als dreißig Jahre später, in der frühen Bundesrepublik.

„Die Frau am Steuer hatte einen schweren Stand“

Andrea Benesch promoviert über autofahrende Frauen in den fünfziger und sechziger Jahren. Zuletzt hat die 28-Jährige die „ADAC Motorwelt“ als Quelle untersucht und präsentierte in Wolfsburg ihre Ergebnisse. Da die Zeitschrift vor allem von Männern für ein überwiegend männliches Publikum geschrieben wurde, lasse sich an ihr zeigen, wie fahrende Frauen damals „von außen“ gesehen wurden.

Autofahrerinnen seien lange nicht ernst genommen worden, fasst die Historikerin von der Universität Siegen die Ergebnisse ihrer „Motorwelt“-Lektüre zusammen. Außer in den wenigen von Frauen verfassten Texten wurden Fahrerinnen meist bespöttelt oder als Kuriosum abgetan. Dabei wuchs ihr Anteil an den neuerteilten Führerscheinen von 5 Prozent im Jahr 1950 auf 35 Prozent im Jahr 1969.

Andrea Benesch hat verschiedene negative Frauen-Stereotypen herausgearbeitet, die immer wieder auftauchen: „die unfähige, unfallanfällige Frau, das Modepüppchen, das das Auto als Accessoire betrachtet, die Hausfrau, die nie auf die Idee käme, sich ins Autofahren einzumischen und die körperlich oder geistig zum Autofahren ungeeignete Frau“. Als Beispiel für das letzte Klischee verweist die Historikerin auf die Rubrik „Arzt und Auto“, in der sich der Arzt Gerhard Denecke 1958 medizinischen Fragen rund ums Autofahren zuwandte. Zwar habe sich Denecke grundsätzlich anerkennend über Autofahrerinnen geäußert, aber, so Benesch, „diesen Eindruck machte er wieder zunichte, indem er diverse Gründe anführte, aus denen Frauen seiner Meinung nach besser nicht fahren sollten: die Menstruation, die Schwangerschaft und die Gefahr der Fettleibigkeit.“

Pseudowissenschaftliche Argumente. Erinnern sie nicht an die Gründe, aus denen Frauen in Saudi-Arabien das Autofahren lange verboten wurde? Andrea Benesch findet den Vergleich nicht ganz passend: „Eines der Argumente, die in Saudi-Arabien angeführt werden, ist ja, dass autofahrende Frauen für Homosexualität bei Männern sorgen. So krass war es hier zum Glück nicht.“ Fragwürdig waren Deneckes Argumente gleichwohl: „Etwa war er der Meinung, dass die Frauenkleidung gefährlich sei, weil sie die Blutversorgung der äußeren Extremitäten abschnüre, wenn Frauen lange am Steuer säßen. Warum das auf dem Beifahrersitz nicht der Fall gewesen sein soll, blieb sein Geheimnis.“

Als besonders prägend für die Sichtweise autofahrender Frauen erachtet Benesch die von 1966 bis 1968 in der „Motorwelt“ erschienene Karikaturen-Serie „Frau am Steuer“. Aus ihrer Sicht hat diese Rubrik, die sich über Autofahrerinnen lustig machte, „die negativen Stereotypen zementiert“. Nur eine einzige Zeichnung aus der Serie sei ihr positiv aufgefallen, weil sie das Klischee sprengte: „Da fährt eine Frau ein Auto mit einer großen Delle. Dran gepappt ist ein Zettel, auf dem steht: Er war’s!“

Die Bewegung, die Mitte der sechziger Jahre in die deutsche Gesellschaft kam, forderte auch den Blick auf Autofahrerinnen heraus. 1968 druckte die „ADAC Motorwelt“ erstmals Briefe ab, in denen sich Frauen über das veraltete Rollenbild im Blatt beschwerten. Der damalige ADAC-Präsident Hans Bretz sah sich zu einer Reaktion genötigt. Er schrieb, die Männer seien schuld daran, wenn ihre Frauen schlecht fahren. Die ADAC-Ortsclubs forderte er auf, Frauen nicht mehr wie „Stiefkinder des Clublebens“ zu behandeln: „Das Wort von der ‚Frau am Steuer‘ gehört der Vergangenheit an. Tun wir etwas für sie, anstatt überheblich über sie herzufallen.“ Allerdings, sagt Benesch, habe der Artikel keine unmittelbaren Veränderungen im Blatt bewirkt.

Vorerst wurden die alten Stereotypen weiter verbreitet. Nach einem Aufruf an ihre Leserinnen veröffentlichte die Zeitschrift dann im Februar 1969 einen Artikel mit der Überschrift „Galantere Autos“. Dieser bestand aus Vorschlägen von Frauen für die Verbesserung von Autos. Leserinnen bemängelten den großen Abstand zwischen Fahrersitz und Pedalen und regten verstellbare Sitze an – ebenso wie Haltegriffe an der Decke. „Fast alle der vorgeschlagenen Neuerungen wurden tatsächlich eingeführt“, berichtet Benesch. Der Autor des Artikels jedoch, ein Mann, habe süffisant von einer „Klagemauer der Autofahrerinnen“ geschrieben. Auch eine Witzzeichnung durfte nicht fehlen. „Heute sind all diese Innovationen Standard“, sagt Nachwuchsforscherin Benesch, „aber damals wurden die Frauen dafür lächerlich gemacht.“

Will sie den Frauen späte Gerechtigkeit widerfahren lassen? „Irgendwo schon“, sagt sie. „Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, umso mehr fällt mir auf, wieviel davon heute noch da ist.“

Bubikopf und Topfhut – die Frau als Sinnbild von Modernität

Mitte der zwanziger Jahre dagegen, so scheint es, war es einmal anders, zumindest in der Autowerbung. Der Münchener Historiker Florian Triebel, der für BMW arbeitet, hat ebenfalls alte Zeitschriften gewälzt – solche aus der Zeit der Weimarer Republik. Damals – das Autofahren war in Deutschland noch Privileg wohlhabender Schichten – wurde die Frau als Kundin entdeckt.

In der Werbung schlug sich dies in besonderer Weise wider, erklärt Triebel: „Die Autofirmen setzten in ihren Werbeanzeigen auf die ,neue Frau’ – erkennbar an den Insignien schlanke Linie, Bubikopf, Topfhut.“ Zeitweise habe man in der Autowerbung in den Illustrierten mehr Frauen als Männer am Steuer gesehen. Triebel erklärt das damit, dass die selbstbestimmte, unabhängige „neue Frau“ das Sinnbild der Moderne, des Progressiven schlechthin war. Er wagt einen Vergleich: „Es ist wie mit den bärtigen jungen Männern heute – den Hipstern. Die gelten auch als progressives kommunikatives Leitbild. In der heutigen Werbung findet man sehr viele davon.“

Moderne Frauen in den Zwanzigern – dagegen platte Witze in den Sechzigern: Der Unterschied lenkt den Blick auf nach der Zeit dazwischen, die NS-Zeit. Allerdings sei es nicht erst 1933, sondern bereits um 1930 vorbei gewesen mit der „neuen Frau“ in der Autowerbung. Stattdessen habe sich der Nationalismus Bahn gebrochen: „Kauft deutsche Autos!“, habe es nun geheißen. Eine Ursache dafür sieht Triebel in der Weltwirtschaftskrise ab 1929.

Im Nationalsozialismus dann habe das Ideal der Hausfrau und Mutter, „der Gebärmaschine für Führer und Volk“ dominiert. „In der Autowerbung herrschte ein kantiger Männertypus vor – übrigens bis weit in die fünfziger Jahre.“ Dass sich die ganze Autoindustrie, wie in den Zwanzigern, über alle Marken – „vom Kommissbrot bis hin zu den großen Röhrs und Stoewers“ – derart mit der Frau als Kundin beschäftigt, habe er seither nicht gesehen.

Verstell­bare Autositze sind heute Standard. Einst wurden Frauen dafür lächerlich gemacht.
Andrea Benesch

Dass sich die Industrie, derart mit der Frau als Kundin beschäftigt, habe ich seither nicht gesehen.
Florian Triebel

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