Die Meinungsfreiheit deckt auch wüste Beschimpfungen im Internet

Braunschweig.  Serie: Freie Fahrt für Pöbelei? In den sozialen Medien lassen manche Menschen die Manieren vermissen. Ein Erklärversuch.

Ein Facebook-Nutzer hatte Polizisten bei einer Geschwindigkeitskontrolle fotografiert und das Bild in eine Lippstädter Facebook-Gruppe eingestellt. Unter dem Bild kam es zu diversen Beleidigungen.

Ein Facebook-Nutzer hatte Polizisten bei einer Geschwindigkeitskontrolle fotografiert und das Bild in eine Lippstädter Facebook-Gruppe eingestellt. Unter dem Bild kam es zu diversen Beleidigungen.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

„Stück Scheisse“, „Geisteskranke“, „Dreckschwein“. „Knatter sie doch mal einer so richtig durch, bis sie wieder normal wird!“. Und: „Drecks Fotze“. Für viele Zeitgenossen in den sozialen Medien fast schon normaler Umgangston. All diese Anwerfungen musste sich die Grünen-Politikerin Renate Künast gefallen lassen. Dort beschied man ihr, dass die Meinungsfreiheit all das decke – „Drecks Fotze“ allerdings sei ein Grenzfall.

Peter Altmaier stolpert nach einer Rede eine Treppe herunter. „Dann muss der Fettsack mal 1 paar Zentner abnehmen“, kommentiert ein Nutzer auf Facebook. „Dann muss man sie notschlachten“, schreibt einer unter einen Artikel, in dem es um einen Zitteranfall von Bundeskanzlerin Angela Merkel geht.

Mehrere Ansätze: Anonymität, die Echokammer, mangelnde Empathie

Waren wir Menschen schon immer so oder macht das Netz uns schlimmer? Diese Frage lässt sich kaum beantworten, denn niemand dürfte vor dem Einzug von Smartphones und sozialen Medien an jedem Stammtisch und in jedem Partykeller gesessen haben, wo derartige Entgleisungen im kleinen Kreise für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Heute findet die Kommunikation in einer diffusen Öffentlichkeit statt, und wer einen kurzen Blick auf Inhalt, Orthografie und Grammatik mancher Schreibenden wirft, der kommt zu dem Schluss, dass neben der Rechtschreib- noch diverse andere Kompetenzen eher mau ausgeprägt sind: Medien-, aber vor allem soziale Kompetenz.

Um die Ausfälle mancher Zeitgenossen in den sozialen Medien zu erklären, gibt es mehrere Ansätze: Anonymität, die Echokammer, mangelnde Empathie.

Ausbleibende Konsequenz senkt die Hemmschwelle

Mit der Anonymität im Netz ist es wie mit dem Auto: Der Protagonist ist allein. Die soziale Kontrolle durch andere Menschen entfällt, die Wirkung der eigenen Handlung entfaltet keine unmittelbare Konsequenz. Wer auf dem Fußweg einen anderen beleidigt, weil er ihn geschnitten hat, läuft Gefahr, sich einen Fausthieb zu fangen.

Wer im Auto den davonrasenden Rücklichtern hinterher pöbelt, wird wahrscheinlich nicht einmal registriert. Ähnlich ist es im Netz: Wer im Wohnzimmer sitzt, in der persönlichen Wohlfühlzone, sich sicher fühlt und vor allem keine unmittelbare Konsequenz zu befürchten hat, der ist weniger gehemmt. Kommt auch keine mittelbare Konsequenz in Form eines Gerichtsurteils, sinkt die Hemmnis weiter. Die meisten Hass-Kommentare werden nicht zur Anzeige gebracht. Die, die es werden, enden meist in eingestellten Ermittlungsverfahren. Und kommt es dann zu einem Urteil wie im Fall Künast, dann ist es verheerend – die Hemmschwelle des Pöblers ist dann wohl nicht mehr vorhanden.

„Likes“ für Vergewaltigungsfantasien

Soziale Medien sind Echokammern, Filterblasen, in denen wir uns bewegen und die uns zu Menschen führen, die uns ähnlich sind. Wer bei Facebook Tierbilder und Flachwitze mag, dem werden überwiegend solche Inhalte angezeigt. Wer die AfD liket, bekommt auch Pegida, Identitäre und NPD vorgeschlagen und wird sich sich in einer Echokammer paranoid-wütender Menschen wiederfinden.

Hier entsteht eine Dynamik der Grenzüberschreitung, verursacht durch Beifall der Gleichgesinnten. Viele Herzchen für ein Katzenbild sind kaum tragisch. Gehobene Daumen für Vergewaltigungsfantasien aber können wenig gefestigten Menschen suggerieren, es sei okay.

„Niemand denkt darüber nach, wie es ist, der andere zu sein.“

Wer seinen Selbstwert aus dieser Gruppenzugehörigkeit bezieht, geht weiter, überschreitet weiter Grenzen, will mehr Applaus. Dabei kann sich der moralische Kompass derart verschieben, dass er außerhalb der Echokammer ebenfalls nicht mehr funktioniert. „Drecksfotze“ ist vielleicht unter Wutbürgern und Neonazis normaler Sprachgebrauch. Unter zivilisierten Menschen nicht. Die Ablehnung dort dürften den Pöbler und seine Echokammer aber nur noch bestätigen.

Davon ausgehend, dass nicht alle Internet-Hater gefühlsbefreite Soziopathen sind, muss es doch aber spätestens bei der Empathie ein Ende haben. In „Joker“, einem aktuellen Kinofilm über einen Mann, der durch Erniedrigung und gesellschaftliche Isolation zu einem wahnsinnigen Verbrecher wird, sagt der Protagonist zum Ende des Films (frei übersetzt): „Niemand denkt darüber nach, wie es ist, der andere zu sein.“

Konsequenzen viel zu lasch

Wer in seiner sicheren Komfortzone sitzt, in seine Echokammer eintaucht und dort den Selbstwert durch Gleichgesinnte steigert – der denkt offenbar wirklich nicht mehr darüber nach, wie es auf eine Frau wirkt, wenn sie als „Sondermüll“ bezeichnet wird. Es geht nur noch um den Effekt in der Gruppe, den Applaus. Vielleicht denken sich viele der Agitatoren auch, dass das Ziel des Hasses keine Notiz davon nimmt.

Und in vielen Fällen mag das so sein. Andere aber nehmen Notiz – und wenden sich mit Grausen ab. Manche schließen sich zusammen und reden gegen, unterstützen sich gegenseitig im Kampf gegen den Hass. Die meisten Nutzer aber dürften bestimmte Bereiche des Internets abgeschrieben haben. Der vernunftbegabte Mensch meidet gewisse Kommentarbereiche und Foren. Das ist verständlich, aber so wächst die Echokammer des Hasses und auf einmal wirken die Hassposter größer und wirkmächtiger. Obwohl sie es eigentlich nicht sind, sind die Konsequenzen dennoch viel zu lasch.

Es bleibt zu hoffen, dass die nächsteund mittelfristig die Urheber der Hasstiraden empfindliche Strafen erhalten. Eine Beleidigung darf im Netz nicht weniger relevant sein als im wahren Leben.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (3)