Vorsicht beim Verkünden von Wundermitteln

Johannes Kaufmann

Eigentlich dürfte Krebs kein Problem mehr sein. Brokkoli, Backpulver, Rotwein, Tomaten – all das und mehr hilft angeblich, wenn man den reißerischen Überschriften dazu glaubt. Auch gegen Alzheimer, Aids oder Depressionen werden ständig neue Wundermittel gefunden. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich dann zumeist aber – wenn überhaupt – um Wirkstoffe, die in Zellkulturen oder Tiermodellen positive Effekte zeigten, aber noch Jahre oder gar Jahrzehnte von der Entwicklung zum Medikament entfernt sind.

Medizinjournalismus ist immer eine Gratwanderung. Laut dem Robert-Koch-Institut leben in Deutschland zurzeit etwa vier Millionen Menschen, die schon einmal an Krebs erkrankt sind. Das ist knapp einer von 20. Bei älteren Menschen ist die Quote höher. Das bedeutet, dass ein Artikel über Krebs bei mehreren tausend Lesern unserer Zeitung mit einer ganz persönlichen Leidensgeschichte verknüpft wird. Denen eine Überschrift wie „Forscher entdecken neues Mittel gegen Krebs“ auf den Frühstückstisch zu legen, ist in den meisten Fällen unverantwortlich.

Ähnlich ist es bei Mitteln gegen antibiotikaresistente Keime, an denen jährlich rund 30 000 Menschen in Deutschland erkranken. Phagentherapie, also die Behandlung mit Viren, die Bakterien infizieren und töten, ist ein vielversprechender Ansatz. Das Verfahren ist plausibel, der biologische Wirkmechanismus bekannt und experimentell belegt. Schon das ist mehr, als über die meisten Wundermittel gegen Krebs gesagt werden kann. Zudem gibt es eine Fülle klinischer Erfahrungen und dokumentierter Heilerfolge – wie die Geschichte von Florence Souchet, über die wir heute berichten.

Doch positive Erfahrungen allein reichen nicht. Die haben Ärzte auch mit dem Aderlass gemacht, über Jahrhunderte. Waren es allein die Phagen, die Souchets Bein geheilt haben? Hat sie zusätzlich Antibiotika bekommen? Wäre eine andere Therapie weniger erfolgreich gewesen? Um solche Fragen zu klären, gibt es ein aufwendiges und teures System klinischer Studien. Sie sollen die Wirksamkeit nachweisen, die beste Dosis ermitteln, Risiken und Nebenwirkungen aufzeigen. Aufgabe des Medizinjournalismus ist es, diesen manchmal quälend langsamen Prozess kritisch zu begleiten, nicht ihm davonzupreschen und die Ergebnisse vorwegzunehmen. Unsere Phagenserie hat dies versucht.

Ein antibakterielles Allheilmittel sind Phagen nicht. Aber vorausgesetzt, sie bewähren sich in methodisch sauberen klinischen Studien mit Kontrollgruppe, Verblindung und allem, was dazu gehört, dann können sie vor allem bei chronischen Infektionen eine wertvolle Alternative zu Antibiotika werden. Und dann kann auch der Journalismus vorpreschen: mit der Forderung an die Politik, endlich ein sinnvolles Zulassungsverfahren für die Phagentherapie zu entwickeln.

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