Kommentar

Twitter-Schlaflosigkeit

„Habeck schließt sich dem Trend der digitalen Entschleunigung an. Detox your life – entgifte dein Leben, auch digital.“

Alexander Kohnen

Robert Habeck hat genug. Steigt aus. Macht nicht mehr mit bei Twitter und Facebook. In einer Zeit, in der ein Politiker, der nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, als gestrig gilt, entscheidet sich der Grünen-Chef für die digitale Entschleunigung. Der Grund: Habeck hat, wie er sagt, in der Nacht zum Montag kein Auge zugemacht. Sein verunglücktes Internetvideo ließ ihm keine Ruhe. Er hatte zur Landtagswahl in Thüringen, die im Oktober stattfindet, gesagt: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“ Ist das Bundesland etwa nicht demokratisch? Die Kritik am Grünen-Chef war massiv. Und Habeck spart auch nicht mit Selbstkritik. „Ich beiß mir in den Arsch“, sagt er. Und: „Ich bin von mir selber entsetzt.“ Mit anderen Worten: Habeck sieht ein, dass er die sozialen Medien nicht beherrscht. Hinzu kommt, dass der Grünen-Chef eines der größten Opfer des Datenanschlags auf Politiker ist . Schlaflos in Twitter-Land.

Habeck hat Literatur und Philosophie studiert, Romane und Theaterstücke geschrieben. Er trägt manchmal zu dick auf, doch das Image des nachdenklichen Mannes hat einen wahren Kern: Er ist kein Holzhammer-Politiker. Es ist aber nicht nur eine Entscheidung, die zu ihm passt. Sondern auch eine, die wahrscheinlich viele Grünen-Wähler nachvollziehen können. Habeck schließt sich dem Trend der digitalen Entschleunigung an. Detox your life – entgifte dein Leben, auch digital. Es wird sich zeigen, ob es ihm am Ende gelingen wird, seinen Fehler in einen Vorteil umzumünzen.

Doch der Rückzug hat, zumindest in der Theorie, auch eine Kehrseite. Wenn sich jetzt Politiker der gemäßigten Parteien aus Twitter und Facebook zurückziehen, überlassen sie das Netz ein Stück weit den Extremisten von rechts und links – und den Verschwörungstheoretikern.

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