Leitartikel

App als Hoffnung

„Jeder entscheidet selbst, ob und wie lange er seine anonymen Daten freigibt, um andere zu warnen.“

Hoffnung ist wertvoll. Die Hoffnung dieser Tage ist klein, aber real und ein Kind ihrer Zeit: eine App. Sie ist keine Einbildung, sondern begründet, sogar empirisch belegt. Südkorea und Singapur machten es vor: Die Ausbreitung des Coronavirus wurde mit Handy-Ortungs-Apps eingedämmt.

Ein Leben nach Sars-CoV-2 ist nicht in Sicht – nur eine Rückkehr zur Normalität mit dem Virus. Das setzt voraus, dass sich alle über eine längere Zeit schützen, neue Infektionsketten entdeckt und unterbunden werden. Handy-Tracking hilft, Kontaktpersonen zu orten und schnell zu warnen. So eine App kann aber auch ein Überwachungstool sein. Das System, das ein Netzwerk von Wissenschaftlern gestern vorgestellt hat, zerstreut diese Sorge, weil es Freiwilligkeit, Anonymität und Staatsferne verspricht. Jeder entscheidet selbst, ob und wie lange er seine anonymen Daten freigibt, um andere zu warnen. Im Moment rüstet sich der Staat für den absoluten Notfall. Ihre Stärken würde eine App aber erst ausspielen, wenn wir wieder zur Normalität zurückkommen und die Zahl der Neuansteckungen sinkt. Dann würde sie helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Mit ihr würde man Zeit gewinnen.

Der Gesamterfolg hängt aber nicht von einer Applikation ab, sondern von der Strategie. Es gibt zwei im Kampf gegen Corona: Unterdrückung und Abschwächung. China hat sich für den ersten Ansatz entschieden. Welche die Bundesländer und die Bundesregierung verfolgen, ist so klar nicht. Erst Abschwächung, zuletzt Unterdrückung, indes nicht mit letzter Konsequenz: In Bayern gibt es Ausgangssperren, woanders Kontaktauflagen, an der Grenze nach Luxemburg gilt ein strenges Regime, nach Holland nicht. Wir sind zu halbherzig. Es fehlt an Konsequenz. Und die App, die da Abhilfe schaffen könnte, die muss erst noch erfunden werden.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (4)