Es löwt nicht mehr

„Das Denkmal, das sich der Bundes-Jogi in den Euphorie-Jahren, an deren Spitze der WM-Titel 2014 steht, gebaut hat, steht in der dunklen Ecke.“

Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:6 Deutschlands gegen Spanien, der höchsten Länderspielniederlage Deutschlands seit fast 90 Jahren.

Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:6 Deutschlands gegen Spanien, der höchsten Länderspielniederlage Deutschlands seit fast 90 Jahren.

Foto: Daniel Gonzales Acuna / dpa

Lange galt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als letztes Lagerfeuer der Nation. Wenn das DFB-Team spielt, so die Annahme, versammeln sich die Menschen vor dem Fernseher und fiebern, freuen oder leiden mit ihm. Dieses Lagerfeuer glimmte seit der verkorksten WM 2018 immer weniger beachtet vor sich hin und am Dienstagabend wurde es ganz ausgetreten - und zwar von den Akteuren selbst beim 0:6 gegen Spanien, das gut und gerne auch ein 0:10 hätte werden können. Was die Niederlage aber faktisch darstellte: eine Zäsur. Nur ein einziges Mal in der langen Historie des DFB gab es eine höhere Pleite: 1909 beim 0:9 gegen England.

Vielleicht hätte der DFB nicht nur Spieler, sondern auch den Trainer austauschen sollen

Was nun? Die Härte des 0:6 sprach den Beteiligten in Sevilla aus den Gesichtern. Manager Oliver Bierhoff sagte, es gebe keine Entschuldigungen dafür; Trainer Joachim Löw kündigte an, alles, aber wirklich alles auf den Prüfstand zu stellen. Dass die langjährigen Verantwortungsträger zunehmend dünnhäutig und genervt wirken von den ständigen Nachfragen zu den exmatrikulierten Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng, ist verständlich. Nur: Der Bundestrainer hat eine Entscheidung getroffen, an der er sich messen lassen muss und deren Konsequenz ihm nun um die Ohren fliegt. Die derzeitige Abwehr ist auf dem höchsten Niveau nicht wettbewerbsfähig, die zwei besten deutschen Verteidiger sitzen zu Hause auf dem Sofa und man könnte es ihnen nicht verdenken, würden sie sich ins Fäustchen lachen. Wenn‘s nicht so traurig wäre.

Löw hat sich ins Risiko begeben, diese drei gestandenen Profis nach der WM 2018 auszusortieren. Mittlerweile ist allen klar: Es war zu hoch, Hummels’ und Boatengs Nachfolger sind noch längst nicht so weit. Nur: Löw hat sich häufig stur verhalten und sich noch nie von öffentlichen Meinungen oder Strömungen treiben lassen. Nach dem bitteren Vorrunden-Aus in Russland war eine Runderneuerung der Nationalmannschaft alternativlos. Vielleicht aber hat der Verband damals den wichtigsten Schritt verpasst: nicht nur einige Spieler, sondern auch den Trainer auszutauschen. Es löwt nicht mehr. Das Denkmal, das sich der Bundes-Jogi in den Jahren der Euphorie, an deren Spitze der WM-Titel 2014 steht, gebaut hat, es steht in einer dunklen Ecke; nur noch spärlich beleuchtet von den langsam verglühenden Kohlen des letzten Lagerfeuers der Nation.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)