Kommentar

Wladimir der Starke

„Die Perspektiven für Putin sind nicht gerade rosig. Noch immer hängt Russlands Wirtschaft am Tropf der Öl- und Gasindustrie.“

Als Präsident hat Wladimir Putin schon bessere Zeiten erlebt. Die Corona-Pandemie hat Russland hart getroffen. Aber auch sonst war 2020 für den Kremlchef ein „Seuchenjahr“. Im benachbarten Belarus brach eine Freiheitsrevolte aus, die das geopolitische Gefüge in der Region erschütterte. Und das galt auch für den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien, durch den die Türkei ihre Position ausbaute. Zu allem Überfluss wählten die Amerikaner Donald Trump ab, einen der größten Putin-Fans. Das alles warf die Frage auf: Bricht im Kreml die Zarendämmerung an?

„Ich bin dafür zu alt“, sagte der 68-jährige Präsident am Donnerstag bei seiner Jahrespressekonferenz. Damit bezog er sich allerdings nicht auf sein Amt, sondern auf eine Corona-Impfung mit dem russischen Vakzin „Sputnik V“. Die Aussage ließ zwar tief blicken und verstärkte die Zweifel an dem Impfstoff. Putin selbst jedoch wirkte bei seinem Auftritt, als wäre er kurz zuvor in einen Jungbrunnen gehüpft. Und das nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich.

Zur Machtdemonstration geriet sein Kommentar zum Giftanschlag auf Kremlkritiker Alexej Nawalny. Zuletzt hatten sich die Hinweise auf eine Täterschaft des Geheimdienstes FSB erhärtet. Formal stritt Putin eine Beteiligung zwar ab. Die Spur führe vielmehr in die USA. Mit einem kurzen Satz aber machte er klar, dass Tötungen durchaus zum russischen Repertoire gehören: „Wenn wir gewollt hätten, hätten wir es zu Ende gebracht.“

Nur der Schwache zeigt Schwächen, der Starke zeigt seine Stärken. Das ist ein Leitsatz Putins. Allerdings funktioniert er nur, solange man tatsächlich stark ist. Die Perspektiven für Putin sind nicht gerade rosig. Noch immer hängt Russlands Wirtschaft am Tropf der Öl- und Gasindustrie. Die globale Umstellung auf Öko-Energien wird das Land daher schwer treffen.

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