Transportieren Zugvögel das Zecken-Virus?

Braunschweig.  8 Viruserkrankungen in 3 Jahren: Das Emsland ist offiziell FSME-Risikogebiet – ein Titel, auf den der Landstrich wohl gerne verzichtet hätte.

Ein Warnschild mit dem Piktogramm einer Zecke hängt an einem Baum in einem Wald nahe Wilkenburg in der Region Hannover. Das niedersächsische Gesundheitsamt hat in den vergangenen Jahren eine Zunahme der hauptsächlich von Zecken übertragenen Hirnhautentzündung FSME beobachtet.

Ein Warnschild mit dem Piktogramm einer Zecke hängt an einem Baum in einem Wald nahe Wilkenburg in der Region Hannover. Das niedersächsische Gesundheitsamt hat in den vergangenen Jahren eine Zunahme der hauptsächlich von Zecken übertragenen Hirnhautentzündung FSME beobachtet.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Die Zecken sind nicht im Norden angekommen, sie sind schon da. Das teilt das Robert-Koch-Institut (RKI) mit. Anlass für diese Aussage ist die Veröffentlichung der FSME-Risikogebiete für Deutschland. Erstmals gehört auch eine Region in Niedersachsen dazu.

Im Emsland, ganz im Westen des Bundeslandes, haben sich in den letzten drei Jahren acht Menschen mit dem schwer krankmachenden FSME-Erreger angesteckt. Ein signifikanter Anstieg, wenn man bedenkt, dass es im Untersuchungszeitraum zwischen 2002 bis 2018 niedersachsenweit gerade einmal 24 Fälle der Viruserkrankung gab.

Experten wie Masyar Monazahian, Koordinator für Gesundheits- und Infektionsschutz beim Landesgesundheitsamt, spricht hier von sogenannten „autochthonen Fällen“. Dabei handele es sich um Personen, die an ihrem Wohnort erkrankten und sich nicht im Urlaub in einem anderen Risikogebiet infiziert hätten. Übertragen wird das Virus auf den Menschen in der Regel durch die Zeckenart „Ixodes ricinus“, den „Gemeinen Holzbock“.

„Die Gefahr an FSME zu erkranken, ist weiterhin in Süddeutschland höher als in anderen Regionen Deutschlands. Es ist zu vermuten, dass die Anzahl der Wirtstiere dort wesentlich höher ist“, sagt Monazahian. Bei den „Wirten“ könnte es sich um Nagetiere oder Rehe handeln, die das Virus in sich tragen und an denen sich die Zecken anstecken, erklärt er.

Bei FSME, der Frühsommer-Meningoenzephalitis, handelt es sich um eine Virus-Erkrankung, die mit grippeähnlichen Symptomen, Fieber und bei einem Teil der Patienten mit einer Meningoenzephalitis, der Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten, verläuft. Auch am Blutbild des Patienten zeichnet sich die Erkrankung deutlich sichtbar und mitunter lebenslänglich ab. Beim Großteil der infizierten Personen treten jedoch keine Krankheitsanzeichen auf.

Fälle von FSME treten quantitativ weit weniger oft auf als Fälle von Borreliose, einer bakteriellen Infektionskrankheit, die auch durch Zecken übertragen werden. Borreliose ist im Gegensatz zu FSME medizinisch therapierbar. In der Regel erhält der Patient Antibiotika. Das RKI beziffert die Zahl der Borreliose-Fälle in Deutschland im Jahr auf mindestens 150 000.

Sowohl das niedersächsische Gesundheitsamt in Hannover als auch das Robert-Koch-Instituts in Berlin vermuten, dass das Emsland nicht zufällig das erste niedersächsische FSME-Risikogebiet geworden ist. Als regionsüberwindenden Transporteur des Erregers machen beide Institutionen Zugvögel aus, die das Emsland auf ihrem Weg überfliegen würden. Zecken könnten auf diesem Weg im Fell der Tiere „mitreisen“ und so in ganz Deutschland heimisch werden. „Es ist schon interessant, dass es parallel zum Anstieg dort auch einen Anstieg in den grenznahen, niederländischen Nachbargemeinden gegeben hat. Auch diese lagen auf der Flugroute der Zugvögel“, sagt Diplom-Biologe Monazahian. Das RKI empfiehlt Bewohnern von Risikogebieten, sich gegen FSME impfen zu lassen.

Und Landesgesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) erklärte gegenüber unserer Zeitung, sie unterstütze die Aufklärungsarbeit: Und dazu gehöre, an die Achtsamkeit der Bevölkerung zu appellieren. „Auch wer bereits geimpft ist, sollte sich nach einem Aufenthalt im Freien auf Zecken untersuchen“, sagt Reimann.

Ob der Klimawandel ein Grund für das Erstarken der gefährlichen Viruserkrankung ist, ist nicht wissenschaftlich belegt. Das sei heute Spekulation. Wärmere Temperaturen würden sich zwar positiv auf die Zeckenpopulation auswirken. „Wir wissen aber, dass es schon in den 1960er Jahren in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hohe Fallzahlen von FSME-Erkrankungen gegeben hat“, sagt Susanne Glasmacher vom RKI.

Wer einmal in den Katalog der Risikogebiete in Deutschland aufgenommen wird, benötigt Geduld. Eine Zurückstufung könne sich hinziehen, heißt es aus dem Landesgesundheitsamt. Der nächste Untersuchungszeitraum für FSME-Erkrankungen betrage bis zu 20 Jahre. Im Gegensatz zu anderen Deutschlandkarten stellt ein weißer Fleck auf dieser Karte einen Fort- und keinen Rückschritt dar.

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