Niedersachsen hat bereits 24 Wolfsrudel

Hannover.  Umweltminister Lies setzt auf Lockerungen im Bundesnaturschutzgesetz, um bei Problemrudeln eingreifen zu können.

Ein Wolf streift durch ein Gehege im Wolfcenter Dörverden. Niedersachsens Landtag debattierte im September erneut über den Abschuss von Wölfen.

Ein Wolf streift durch ein Gehege im Wolfcenter Dörverden. Niedersachsens Landtag debattierte im September erneut über den Abschuss von Wölfen.

Foto: Foto: Ingo Wagner / dpa

Die Antwort nach dem Datum der jüngsten Sichtung von „GW717m“ musste Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) schuldig bleiben. Doch alle rhetorischen Fallen und möglichen Fallstricke, ob ausgelegt von Grünen, FDP und AfD oder gar vom Koalitionspartner CDU, umging Lies am Donnerstag im Landtag geschmeidig. Die Botschaft des Ministers war eindeutig: Ohne den Bund geht in Sachen Wolf wenig, und die Schwierigkeiten in Niedersachsen sind immens.

Seit der Rückkehr des Wolfs auch nach Niedersachsen hat die Diskussion pro und contra Wolf hohe Wellen geschlagen - vor allem angesichts zahlreicher Wolfsrisse von Nutztieren, aber auch durch Annäherungen an Menschen. „Das Thema Wolf beschäftigt uns intensiv“, versicherte Lies und meinte damit Bemühungen hinter den Kulissen, die Situation besser in den Griff zu bekommen. „Wir haben jetzt wahrscheinlich 24 Rudel in Niedersachsen“, sagte der Minister in der Debatte im Landtag. In Brandenburg gebe es ein Wachsen von 34 auf 50 Rudel. „Das zeigt, wie groß der Anstieg ist“, so der SPD-Politiker.

Wölfe gehen nicht in die Fallen

Während zur Amtszeit des Grünen Umweltministers Stefan Wenzel der genehmigte Abschuss eines - allerdings mit einem Sender versehenen - Wolfes gelang, jagt das Land immer noch dem Rodewalder Rüden (GW717m) hinterher. „Die letzte Sichtung - durch eine Fotofalle - von einem adulten Wolf im Territorium des Rodewalder Rudels war diese Woche, letzter nachgewiesener Riss von GW717m am 14. Juli 2019“, erklärte eine Sprecherin des Umweltministeriums unserer Zeitung. Die Abschussgenehmigung für den Wolf, durch Gerichtsentscheidungen bestätigt, wird regelmäßig verlängert. Der Wolf wird laut Lies allein nach der ersten Genehmigung zum Abschuss für mehr als 10 weitere Risse verantwortlich gemacht. Im Bereich des Rudels soll es am Donnerstag einen Angriff auf ein Rind gegeben haben.

Weiterhin ist es dem Land bislang nicht gelungen, auch nur einen einzigen Wolf mit einem Sender zu versehen. Damit aber gewönne man auch wichtige Erkenntnisse über das Revierverhalten der Tiere - und könnte sie im Bedarfsfall leichter orten. Weder in Kasten- noch in Schlingenfallen seien Wölfe trotz zahlreicher „Fangnächte“ gegangen, berichtete Lies dem Parlament von der bislang erfolglosen Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Die bisher gescheiterte „Entnahme“ des Rodewalder Wolfsrüden führte Lies auch auf eine große Zahl von Störern zurück. Auch mangelnde Revierkenntnis der Wolfsjäger sei ein Problem. Da Jäger massiven Anfeindungen ausgesetzt sind, greift das Land auf anderes Personal zurück. Der Wolf MT6 („Kurti“) war 2016 von einem Scharfschützen der Polizei getötet worden. Fachleute gehen aktuell von 230 Wölfen in Niedersachsen aus - zu den 24 Rudeln kommen noch vier Paare und ein Einzelwolf. Ende Februar waren es 22 Rudel, ein Jahr zuvor 14 Rudel.

Ganze Rudel im Visier

Der FDP-Abgeordnete Hermann Grupe forderte eine niedersächsische Wolfsverordnung sowie die Möglichkeit, ganze Rudel ins Visier zu nehmen. Grupe sprach von „Staatsversagen“. „Es wird eine spannende Frage sein, ob sich eine Einzelfallentscheidung immer auf ein einzelnes Tier beschränken muss“, hatte auch Minister Lies bereits im Frühjahr gesagt. Lies setzt darauf, dass das Bundesnaturschutzgesetz wie angekündigt bald erweiterte Spielräume setzen könnte. Das gilt zum einen für die Hürden zum Abschuss von klar identifizierten Einzelwölfen. In der neuen Gesetzgebung des Bundes sei auch vorgesehen, dass einzelne Tiere entnommen werden könnten, um dann zu sehen, ob sich die Situation verbessere, so Lies. Das hieße für den Fall des Rodewalder Rudels, dass es nicht zwingend der Anführer sein müsste, den man tötet. Eine Landesverordnung soll aber keinesfalls vor den Berliner Regelungen kommen, sondern danach.

„Das ist nicht die Ausrottung der Wölfe“, sagte Lies an die Adresse der Grünen im Parlament. Zum Gesamtwolfsbestand in Niedersachsen wollte der AfD-Abgeordnete Stefan Wirtz wissen: „Wieviele Tiere wollen wir haben?“ Die Grenze für einen günstigen Erhaltungszustand festzulegen sei Sache des Bundes, hielt sich Lies bedeckt. Der Niedersachse machte auch deutlich, dass dabei die Verteilung der Wölfe eine Rolle spielen müsse. „Um problematische Wölfe zu entnehmen, brauchen die zuständigen Behörden mehr Rechtsklarheit und auch -sicherheit bei der Anwendung der unbestimmten Rechtsbegriffe“, hatte Lies schon früher erklärt - und war über den Bundesrat aktiv geworden. Der Staat laufe dem Handlungsbedarf hinterher, räumte er im Landtag ein.

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