Brauchen wir neue Beratungs-Regeln zum Thema Sterbehilfe?

Hannover.  Das Verfassungsgericht hatte das alte Gesetz gekippt. Bei der Neuausrichtung herrscht Uneinigkeit – etwa zur Beratungspflicht für Ärzte.

Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, plädiert für eine aktivere Rolle von Ärzten bei der Sterbehilfe in Deutschland.

Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, plädiert für eine aktivere Rolle von Ärzten bei der Sterbehilfe in Deutschland.

Foto: Philipp von Ditfurth / dpa

Der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Ralf Meister, hält die Hilfe zur Selbsttötung aus theologischer Perspektive für zulässig – und plädiert dabei für eine aktivere Rolle von Ärzten.

In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) sagte der 58-Jährige: „Wenn mir Gott das Leben schenkt, gibt er mir auch die Berechtigung zu dessen Gestaltung.“ Dies beinhalte die Möglichkeiten, sich selbstständig für ein Ableben zu entscheiden. Ärzten, so Meister weiter, sollte es daher künftig erlaubt sein, ein tödliches Medikament zu verschreiben und auch zu verabreichen: „Darüber müssen Gesetzgeber und Bundesärztekammer sprechen.“

Bundesverfassungsgericht: Sterbehilfe als „Akt autonomer Selbstbestimmung“ – Gesetz muss neu geregelt werden

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatte im vergangenen Februar das in Paragraf 217 des Strafgesetzbuches verankerte Verbot organisierter Sterbehilfe. Verfassungsrichter erlauben geschäftsmäßige Sterbehilfe Die Entscheidung, „dem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen“, sei als „Akt autonomer Selbstbestimmung“ von Staat und Gesellschaft zu akzeptieren, hieß es unter anderem in der Begründung.

Das umfasse gleichermaßen „die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen“. Der Gesetzgeber behalte aber durchaus Spielraum, was genaue Regelungen betreffe. Seit dem Urteil wird nun über eine entsprechende Neuregelung zur Sterbehilfe diskutiert.

Sterbehilfe: Hannovers Landesbischof Meister pro Beratungspflicht für Ärzte – Kritik von Patientenschützern

Bischof Meister sprach sich im NOZ-Interview jedoch gegen geschäftsmäßige Suizidassistenz, wie sie etwa vom Verein Dignitas angeboten wird, aus. Denkbar sei eher „eine Beratungspflicht, wenn möglich zusammen mit Angehörigen und Ärzten“, so der Theologe, der seit 2011 an der Spitze der Landeskirche Hannovers steht.

Die Bundesverfassungsrichter hatten in ihrem Urteil von Februar hervorgehoben, dass niemand dazu verpflichtet werden könne, Sterbehilfe zu leisten. Eine Pflicht zur Beratung gilt ebenso wenig. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz mit Sitz in Dortmund, bezeichnete Meisters Aussagen nun als „leichtfertig“. Er betonte: „Die Beratungspflicht würde Suizid zur selbstverständlichen Therapieoption machen.“

Stiftung Patientenschutz macht eigenen Vorschlag zur Neuregelung der Sterbehilfe

Neue Regeln dürften zudem nicht nur für sterbende, leidende und schwerkranke Menschen gelten. „Das Bundesverfassungsgericht hat ausdrücklich festgestellt, dass es keine Alters- und Leidenskriterien für die organisierte Hilfe zur Selbsttötung geben darf“, so Brysch.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat mittlerweile einen eigenen Vorschlag zur Neuregelung der Sterbehilfe veröffentlicht. Hier sind etwa eine Erhöhung der Haftstrafe bei gewerbsmäßiger Assistenz auf fünf Jahre (bislang drei) oder Straffreiheit bei langjährigem engen Verhältnis zum Betroffenen inbegriffen.

Lesen sie mehr: Niedersachsens Sozialministerin für Recht auf Selbsttötung

  • Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/1110111 und 0800/1110222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.
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