Corona-Skeptiker in Hannover: „Wollt ihr die DDR 2.0?“

Hannover.  In Hannover haben etwa 1100 Menschen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie protestiert. Unser Reporter war dabei.

In Hannover protestierten Corona-Skeptiker für Grundrechte, besonders für die Meinungsfreiheit. Das sie das unter dem Schutz der Polizei taten, irritierte sie nicht.

In Hannover protestierten Corona-Skeptiker für Grundrechte, besonders für die Meinungsfreiheit. Das sie das unter dem Schutz der Polizei taten, irritierte sie nicht.

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Sie sitzen auf Decken, haben Kuchen dabei. Viele haben ihre Kinder mitgenommen. Andere sitzen ganz lässig mit Sonnenbrille im Haar auf dem Asphalt des Georgsplatzes in Hannover. Wer sitzt, darf seine Maske abnehmen. Von der Bühne säuseln sogenannte Liederfinder selbst komponierte Anti-Corona-Maßnahmen-Songs.

Weniger friedlich ist das, was die Redner der Abschlusskundgebung von der Bühne rufen. Eine Rednerin spricht von einer „reinen Fake-Pandemie“. „Sie nehmen uns völlig grundlos unsere Menschenrechte ab“, sagt sie mit Blick auf die Bundesregierung. Steuergelder würden einfach verprasst, weil etwa teure Beatmungsgeräte ins Ausland verschenkt würden, die in Deutschland keine Verwendung fänden – weil die Infektionszahlen so niedrig seien, weil kaum einer ernsthaft an Corona erkranke.

Die zentrale Demo für Norddeutschland versammelt 1100 Skeptiker

1100 Corona-Skeptiker haben sich am Samstag in Hannover versammelt, um zu protestieren. Sie beklagen unangemessene Eingriffe in die Grundrechte und staatliche Willkür. Nur 1100, möchte man sagen – obwohl es die zentrale Kundgebung für ganz Norddeutschland ist. In München kommen gleichzeitig zehnmal so viele Corona-Skeptiker zusammen.

Zwei Wochen nach der großen Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Berlin bleibt es dafür in Hannover weitgehend friedlich. Am Abend teilt die Polizei auf Anfrage mit, dass die Einsatzkräfte größere Störungen „durch konsequentes Einschreiten verhindert“ hätten.

„Gegen Impfpflicht, Maulkorb, Staatsgewalt, Lügenpresse, Volksverräter“

Es sind – anders als in Berlin – auch keine Reichsflaggen oder Reichskriegsflaggen zu sehen. Stattdessen werden Regenbogenflaggen gezeigt und Transparente etwa mit dem Slogan „Inzwischen sind mehr Menschen an Corona verblödet als gestorben“.

Unter den Gegnern der Corona-Maßnahmen sind auch Mütter der Initiative „Eltern stehen auf“. Kinder seien die Leidtragenden der Einschränkungen, sagt eine Teilnehmerin. Auf T-Shirts stehen Sprüche wie „Corona ist ein Raubzug“ oder „Gegen Impfpflicht, Maulkorb, Staatsgewalt, Lügenpresse, Volksverräter“.

Vorsichtshalber ist die Polizei mit Wasserwerfern in Hannover vor Ort

Um der Maskenpflicht zu entgehen, legen laut Polizei 70 Teilnehmer Atteste vor. Die Polizei geht davon aus, dass einige dieser Bescheinigungen gefälscht sind. Das wird nicht folgenlos bleiben. Die Beamten leiten Ermittlungen ein.

Die Polizei ist mit mehreren Hundert Beamten im Einsatz, mehrere Wasserwerfer stehen in den Straßen der Landeshauptstadt, ein Hubschrauber kreist, auch die Reiterstaffel ist vor Ort.

Nach den Ereignissen in Berlin ist die Polizei vorbereitet – und zeigt am Landtag Präsenz

Kritischer ist die Lage, als der Protestzug beim Marsch durch die Innenstadt gegen 15.30 Uhr in der Nähe des Landtags vorbeizieht, wo sich rund 100 Angehörige des linken Spektrums versammeln. Dort kommt es aber nicht zu Störungen der Demonstration.

Vor dem Landtag haben sich zahlreiche Polizisten postiert, um zu verhindern, dass Demonstrationsteilnehmer in das Gebäude gelangen. Im Anschluss an die Demonstration in Berlin hatten Ende August nach Polizeiangaben etwa 300 bis 400 Demonstranten Absperrgitter am Reichstagsgebäude überrannt und sich lautstark vor dem Besuchereingang aufgebaut.

750 Gegendemonstranten hatten sich versammelt

Gegendemonstranten gibt es in Hannover auch. Der DGB, die Jusos und die Linksjugend riefen dazu auf. Auch sie liegen bei der Teilnehmerzahl hinter den Erwartungen zurück. Statt der angekündigten 2000 Gegendemonstranten sind es nur 750. Einer von ihnen ist der Grünen-Landtagsabgeordnete Detlev Schulz-Hendel. Er steht bei der Gegendemo der Linksjugend und den Jusos, sagt unserer Zeitung: „Wir haben es nicht mit Verschwörungen zu tun. Ich halte von den Thesen der Corona-Skeptiker überhaupt nichts. Wir müssen die Pandemie im Griff behalten, die Maßnahmen sind notwendig.“

Die sogenannten Pädagogen für Aufklärung, die Ärzte für Aufklärung und auch die Unternehmer für Aufklärung haben die Demo der Corona-Skeptiker mitorganisiert. Insgesamt sind es 25 Organisationen, darunter 10 „Querdenken“-Ableger aus ganz Norddeutschland, auch aus Braunschweig.

Demo-Teilnehmer nehmen Maskenpflicht und Abstandsgebot nicht sehr genau

Die Demo steht zwischenzeitlich auf der Kippe, wie ein Polizist durchs Mikrofon mitteilt. Die Polizei und die Versammlungsleiter einigen sich aber darauf, dass der Marsch seinen Endpunkt am Georgsplatz erreichen soll. Die Polizei muss immer wieder auf die Maskenpflicht hinweisen. Gerade im hinteren Drittel des Protestzuges halten sich viele Skeptiker nicht an die gerichtlich angeordnete Maskenpflicht. Die Teilnehmer umarmen sich immer wieder, reichen sich die Hand. Auch die Abstandsregel nehmen sie nicht genau.

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Aber nur ein einziger Teilnehmer erhält einen Platzverweis durch die Polizei, weil er sich weigert, eine Maske aufzusetzen. Er will die Namen der Polizisten wissen, die ihn vom Demonstrationszug ausschließen. Er ruft: „Ich zeige Sie an!“ Seine Stimme überschlägt sich fast, er fuchtelt mit den Händen.

Die Polizei erteilt einen Platzverweis: der Mann trägt keine Maske

Kurz zuvor wirft er sich auf den Boden. Er deutet auf die Polizisten, gibt vor, von ihnen verletzt worden zu sein und spielt den sterbenden Schwan. Das hätte Fußball-Exzentriker Neymar kaum besser hinbekommen.

Eine Gruppe von Studenten schaut sich das Schauspiel am Straßenrand an. Sie lachen laut, prusten fast schon.

Der Corona-Skeptiker, der einen Platzverweis bekommt, hält zuvor ein Megaphon in der Hand. Er bezichtigt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, sich durch die Corona-Krise persönlich zu bereichern, weil er eine Unternehmensberatung gehabt habe, die für die Pharmaindustrie tätig war.

Meinungsfreiheit gäbe es nicht, so viele Skeptiker – während sie unbehelligt demonstrieren

Eine Impfgegnerin spricht von Entmündigung. Sie fordert die Schaulustigen, die am Straßenrand stehen, auf, sich am Marsch zu beteiligen.

Die Frau spricht von der DDR-Diktatur, die sie selbst erlebt habe. „Wollt ihr die DDR 2.0?“, ruft sie den Umstehenden zu. Ein ganzes Volk werde vorgeführt.

Eine Passantin steht mit ihrem Mann zufällig am Rande der Demo, wie sie sagt. Heike Schulze heißt sie. Die Hannoveranerin schüttelt mit dem Kopf. Sie sagt zum Satz mit der DDR: „Da fällt einem nichts mehr zu ein.“ Auf einem Plakat wird die angeblich fehlende Meinungsfreiheit angeprangert. „Die gibt es doch“, sagt Schulze. „Die dürfen doch demonstrieren.“

Eine weitere Demonstrantin zeigt per Plakat, was sie von den Öffentlich-Rechtlichen hält. Rein gar nichts. Warum die ARD und das ZDF aber angeblich Falschmeldungen machen beziehungsweise worin diese bestehen, kann sie nicht sagen. Ihren Namen möchte sie auch nicht nennen.

Polizeipräsident Kluwe zeigt sich mit dem Ablauf zufrieden

Ein Ärzte-Paar aus Braunschweig ist auch unter den Demonstranten. Sie tragen Buttons mit dem Schriftzug „Impfgegner“. Er trägt eine Maske von Eintracht Braunschweig. Ihren Namen wollen auch sie nicht nennen, sie wollen auch nichts sagen. Gegen 16 Uhr kommt der Tross nach einem verkürzten Marsch durch die Innenstadt endlich am Georgsplatz zur Abschluss-Kundgebung an. Am Eingang verteilen Corona-Skeptiker das Grundgesetz.

Volker Kluwe, der Polizeipräsident der Polizeidirektion Hannover, ist zu diesem Zeitpunkt vollkommen zufrieden mit dem Einsatz. „Wir wollten einen friedlichen Verlauf, das ist uns gelungen. Es haben aber auch fast alle mitgespielt“, sagt er unserer Zeitung.

Gegendemonstranten zeigen den Skeptikern lautstark, was sie von ihnen halten

Kluwe hat Thomas Adasch (CDU) im Schlepptau. Der Abgeordnete ist Vorsitzender des Landtags-Innenausschusses. Er mahnt die Demonstranten zur Vorsicht und sagt: „Manche Plakate, manche Aussprüche, manche Thesen verwundern mich schon sehr.“

Manch ein Gegendemonstrant ist da weniger zurückhaltend als Adasch. „Maul halten, Vollidioten“, ruft einer von ihnen. Er steht hinter dem Absperrgitter, als sich der Georgsplatz so langsam füllt.

Auf dem Georgsplatz versammeln sich die Demoteilnehmer zur Abschlusskundgebung

Von der Bühne aus werden Ärzte, Lehrer, Künstler, Rentner und viele andere begrüßt. „Querdenker“ aus Braunschweig und Wolfsburg werden auch willkommen geheißen. Die Sprecherin ruft: „Wir distanzieren uns von Hass, Spaltung, Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus.“ Viele jubeln und klatschen, aber nicht alle. Ab und zu wird der Name „Rothschild“ gerufen. Der Name der jüdischen Bankiersfamilie gilt Antisemiten als Chiffre. Der Georgsplatz füllt sich immer mehr mit Corona-Protestlern. Einer der ersten Redner bezeichnet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bill Gates als „böse Menschen“.

Einer der Hauptredner, Hermann Ploppa, zeichnet düstere Zukunftsszenarien

Hermann Ploppa spricht jetzt. Er ist der Autor von „Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern.“ Er sagt, er habe bereits in Berlin vor „Millionen“ von Corona-Skeptikern gesprochen. Die Polizei sprach Ende August hingegen von 40.000.

Ploppa bezeichnet Kanzlerin Merkel als „Knallcharge“. Die Kanzlerin würde sich öffentlich nur noch mit „gekauften Jublern“ umgeben, wenn sie auftritt. Da ist der Grat zur Verschwörungstheorie sehr schmal.

„Wir wollen nicht auf einem Elon-Musk-Platz in Deutschland sitzen“, sagt Ploppa über den Tesla-Chef. „Wir wollen auch nicht nur Produkte von Jeff Bezos kaufen.“ Bezos ist der Chef von Amazon. Das klingt nicht gerade sehr weltoffen. Dafür halten sich die meisten aber hier. Die Grünen bezeichnet Ploppa als „übelste Kohorte der Nazis“. Das wird bejubelt.

Nach Ploppas Rede folgt Musik, zu welcher der Demo-Tag in Hannover ausklingt

„Wir sind hier, um die Demokratie zu verteidigen“, ruft Ploppa. Er fordert die Öffnung nach Polen, Russland und China. Die Leute jubeln. Da ist es 17.30 Uhr. „Nach so viel Tiefgang, nach so viel Information gibt es jetzt wieder Musik“, sagt der Sprecher von der Bühne. Zwischendurch haben die Corona-Skeptiker schon immer wieder auf mitgebrachten Trommeln und Bongos gespielt. Caroline Wolf singt das Lied „Sturmfrisuren“. Danach „Sagt mal, geht es euch noch gut?“ Die Corona-Protestler klatschen, andere gucken etwas beseelt. Das hat jetzt etwas Woodstock-artiges.

Der Platz leert sich derweil aber immer mehr. Um kurz vor 20 Uhr hat auch der letzte Corona-Skeptiker erst einmal genug.

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