Spiegel-Skandal: Wie Relotius die todkranke Schwester erfand

Berlin.  Juan Moreno enthüllt in seinem Buch über den Hochstapler Claas Relotius neue Details. Wie es dem Reporter gelang, alle zu täuschen.

Claas Relotius im Jahr 2014. Jetzt ist ein Buch über seine Zeit beim „Spiegel“ erschienen. Er hat Geschichten gefälscht und gelogen.

Claas Relotius im Jahr 2014. Jetzt ist ein Buch über seine Zeit beim „Spiegel“ erschienen. Er hat Geschichten gefälscht und gelogen.

Foto: Ursula Düren / dpa

Man schreibt das Jahr 2015, Claas Relotius arbeitet seit einem Jahr als freier Autor für den „Spiegel“, als die damaligen Leiter des Gesellschaftsressorts des Nachrichtenmagazins Ullrich Fichtner und Matthias Geyer auf die Idee kommen, dem jungen Journalisten einen Job als Redakteur anzubieten. Zu ihrer großen Überraschung schlägt Relotius das Angebot aus. Seine jüngere Schwester, die er sehr liebe, sei an Krebs erkrankt, sagt er. Sie benötige viel Pflege und Zuspruch. Jeden Morgen und jeden Abend kümmere er sich um sie. Deshalb könne er die ihm angebotene Stelle leider nicht annehmen.

In Wahrheit hat Relotius, der 2017 dann doch Redakteur wurde und bis Ende 2018 mehr als 50 „Spiegel“-Artikel komplett oder in Teilen erfand, gar keine Schwester. Warum er sie erfand, erscheint zunächst schleierhaft: „Es ist nicht normal, dass man eine Einladung in den exklusivsten Reporterpool des Landes ausschlägt“, schreibt der „Spiegel“-Reporter Juan Moreno in seinem Buch „Tausend Zeilen Lüge“, in dem er diese Anekdote erzählt.

„Spiegel“-Skandal: Moreno weiß, warum Relotius die todkranke Schwester erfand

Moreno ist der Mann, der dem Fälscher Relotius auf die Schliche kam. Er hat sich intensiv mit ihm befasst. Und er kann auch die seltsame Lüge mit der erfundenen krebskranken Schwester erklären. Denn Relotius ist laut Moreno nie ein Reporter gewesen. Folglich denkt er auch nicht wie ein Journalist. Er denkt wie ein Hochstapler. Er will sich wichtig machen. Und das ist ihm mit der rührenden Story seiner angeblich pflegebedürftigen Schwester auch gelungen.

In der „Spiegel“-Redaktion nennen sie ihn fortan den „treuen Claas“. Er gilt als Ausbund an Verlässlichkeit und Bescheidenheit. Er genießt nun einen Vertrauensvorschuss. Im Zweifel glaubt man ihm. Auch deshalb kommt er selbst mit den hanebüchensten Storys durch.

„System Relotius“- Wie konnte der Betrüger 40 Journalistenpreise gewinnen?

Diese Selbstinszenierung ist ein ganz wesentlicher Baustein des „Systems Relotius“, wie Moreno die Arbeitsweise des Fälschers nennt. Aber sein Buch ist viel mehr als nur eine Analyse, wie es dazu kam, dass ein junger Mann in nur sieben Jahren Leser und Redaktionen täuschen, über 40 Journalistenpreise einsacken und einer Institution wie dem „Spiegel“ einen gewaltigen Reputationsschaden beibringen konnte.

„Tausend Lügen“ ist auch die Geschichte eines ungleichen Duells: Hier der nach wie vor freie Journalist Moreno, ein Migrantenkind, dessen Eltern, arme andalusische Bauern, in Deutschland ein besseres Leben suchten. Seinen Namen verbindet man bisher nicht mit renommierten Preisen. Dort der junge vielfach ausgezeichnete Reporter Relotius, Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin aus dem gutbürgerlichen Hamburger Vorort Tötensen, Liebling seiner Vorgesetzten, die ihn für ein Jahrhunderttalent halten und bei nächster Gelegenheit befördern wollen.

Claas Relotius hätte beim „Spiegel“ auch noch befördert werden sollen

Zum 1. Januar 2019, so war es geplant, hätte man ihn zum Leiter des Gesellschaftsressorts berufen. An diesem Tag sollten auch seine Förderer aufsteigen: Geyer sollte Blattmacher werden, Fichtner gar in die Chefredaktion einziehen.

Schlechtere Journalisten hätten daraus eine Heldengeschichte gemacht. Moreno hat darauf klugerweise verzichtet. Er beschreibt, wie er im Laufe der Auseinandersetzung mit Relotius zusammenbricht und weint. Seine Existenzängste verschweigt er nicht. Und die sind durchaus berechtigt: Im November 2018 arbeiten Moreno und Relotius gemeinsam an einer Geschichte über Flüchtlinge, die in die USA wollen. Während der junge Starjournalist über eine Bürgerwehr an der amerikanisch-mexikanischen Grenze berichtet, begleitet sein 46 Jahre alter Kollege einen Flüchtlingstreck in Mexiko.

Als Moreno in Relotius‘ Part der Story „Jaegers Grenze“ Unstimmigkeiten entdeckt, weiß er, dass ihm nur die Wahl zwischen einer „schlechten“ und einer „ganz schlechten“ Möglichkeit bleibt. Die schlechte Möglichkeit wäre, seine Zweifel an Relotius seinen Vorgesetzen mitzuteilen, die ihm vermutlich nicht glauben würden. Ganz schlecht aber wäre es, gar nichts zu unternehmen und Gefahr zu laufen, dass der eigene Name über einer Geschichte steht, die sich womöglich als Fälschung entpuppt.

Juan Moreno hat nur zwei Möglichkeiten, eine schlechte und eine ganz schlechte

Das Miserable an beiden Optionen ist, dass sie Moreno den Job kosten können. Sollte sein Name mit einer gefälschten Story in Verbindung gebracht werden, könnte er wohl nie mehr als Journalist arbeiten. Legt er sich aber mit dem Starschreiber seines Auftraggebers an, kann die Sache ebenfalls nach hinten losgehen.

Tatsächlich drohen ihm seine Vorgesetzten mehr oder weniger subtil mit Kündigung, sollten sich seine Anschuldigungen als gegenstandslos erweisen. Für den vierfachen Familienvater Moreno, dessen Vertrag als freiberuflicher Pauschalist sofort ohne Angabe von Gründen gelöst werden kann, ist das existenzgefährdend.

Es ist die Stärke dieses Buches, wie Moreno das alles ganz ohne Larmoyanz und Pathos aufschreibt. Wie er erzählt, wie Geyer und Fichtner trotz erdrückender Indizienlage wochenlang zu Relotius halten und ihn selbst auflaufen lassen. Und es zeugt von Größe, wenn er einen Satz wiederholt, den er unmittelbar nach Aufdeckung der Affäre zu Protokoll gab: Er könne sich vorstellen, „ähnlich wie Ullrich Fichtner und Matthias Geyer reagiert zu haben, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre“.

Moreno schreibt aber auch: „Ich frage mich, wenn wirklich beide der Meinung waren, dass man einen Mitarbeiter entlassen müsse, weil er – womöglich zu Unrecht – auf einen fehlerhaften Kollegentext hingewiesen hatte, was ihrer Meinung nach mit zwei leitenden ,Spiegel‘-Führungsfiguren passieren sollte, die den mutmaßlich größten journalistischen Nachkriegsskandal über Wochen komplett falsch handhabten?“ Von Geyer hat sich der „Spiegel“ inzwischen getrennt. An Fichtner hält das Blatt fest. Verstehen muss man das nicht.

  • Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen. Das System Relotius und der deutsche Journalismus; 288 Seiten; Rowohlt Berlin; Preis: 18 Euro

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