Oliver Mommsen: Warum ihm manche Technik Angst macht

Berlin.  Der ehemalige Tatort-Schauspieler Oliver Mommsen spricht im Interview über künstliche Intelligenz und unsere Abhängigkeit von Technik.

Schauspieler Oliver Mommsen.

Schauspieler Oliver Mommsen.

Foto: Tristar Media / Getty Images

Oliver Mommsen ist vielen als der Bremer „Tatort“-Ermittler Nils Stedefreund bekannt, den er von 2001 bis 2019 spielte. Derzeit ist er aber im Berliner Schillertheater in „Ab jetzt“ zu sehen. Alan Ayckbourns Komödie spielt in einer fernen Zukunft und handelt von einem Komponisten, der sich einen Hausroboter-Babysitter anschafft, um das Sorgerecht für seine Tochter zu erstreiten.

Alle reden heute von Künstlicher Intelligenz, von „KI“. Ayckbourn hat das schon 1985 als Thema entdeckt. Ist „Ab jetzt“ das Stück zur Stunde?

Oliver Mommsen: Ayckbourn erzählte damals von mobilen Telefonen, Lokalisationsgeräten, automatischen Alarmanlagen. Das war wie Orwells „1984“. Wenn man das jetzt spielt, hat das einen doppelten Reiz. Zum einen zu sehen, wie sich 1985 einer das Jahr 2040 vorgestellt hat. Und zum anderen, wie viel davon jetzt schon Realität und Alltag für uns ist. Schauen wir uns doch um: Alle kleben an ihren Handys und Displays oder sprechen mit Siri. Zwei Drittel unserer Zeit verbringen wir mit künstlichen Intelligenzen. Wir sind bald ein aufgerechneter Algorithmus. Früher haben wir noch gegen Volkszählung demonstriert, heute geben wir unsere Daten preis. Wir sind alle längst gläsern.

Gibt es eine Grenze, die Sie nicht überschreiten würden? Oder würden Sie sich, wenn es sie schon gäbe, einen Haushaltsroboter anschaffen, der all die lästigen Alltagsaufgaben übernimmt?

Mommsen: Ich bin erst mal allen technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Und teste das neugierig aus. Klar, manches macht mir auch Angst. Neulich erzählte meine Tochter was von Coworking-Spaces. Am nächsten Tag bekam sie ein Angebot im Internet. Wer hört da mit? Wir haben vor sechs Jahren mal einen wirklich schlechten „Tatort“ über „KI“ gemacht. Da hätte man ein Riesenbudget oder eine Hammeridee gebraucht. Wir hatten nix davon. Aber wir hatten am Set virtuelle Brillen. Und einen Kollegen haben wir da verloren, weil der zu lang im virtuellen Raum war. Den musste man erst wieder zurückholen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich glaube, ich würde auch Haushaltsroboter ausprobieren. Die müssten dann allerdings auch Steuern zahlen.

Und Ihre Familie würde mitziehen?

Mommsen: Als wir vor zwei Jahren in der Familie über KI und Roboter sprachen, sagten gerade meine beiden Kinder, Lotte mit 15 und Oskar mit 20: Finger weg! Das kann richtig böse werden. Wir erfinden Maschinen, die uns das Leben einfacher machen. Und die errechnen sich dann irgendwann, dass wir überflüssig sind.

Wie wichtig ist es, als Schauspieler soziale Medien zu bedienen?

Mommsen: Wenn du einen Film drehst, kriegst du von der Produktionsfirma oder vom Sender ein Blatt in die Hand: über den Umgang mit sozialen Medien. Und dass die Fans das doch lieben: kleine Schnipsel vom Dreh, Grüße aus der Maske etc. Ich verstehe das. In Zeiten, als ich noch Off-Theater gemacht habe, haben wir auch jeden Strommast bekleistert, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Klappern gehört zum Handwerk. Ich bin auch von der Öffentlichkeit abhängig.

Ketzerische Frage: Wenn man als Schauspieler täglich auf der Bühne das Gleiche spielt, fühlt man sich da manchmal auch als Roboter, als Maschine?

Mommsen: Jede Vorstellung ist anders. Allein wenn ein Kollege an einer Stelle das Timing ändert, entsteht – zack – was anderes. Darin besteht für mich als Schauspieler ein Riesengenuss: in den Verabredungen wieder die Freiheit zu finden. Oder du hast eine Pointe, mit der du an einem Abend für einen Riesenlacher sorgst, und am nächsten lacht darüber kein Mensch. Ich denke dann immer: wann lerne ich endlich meinen Beruf? Aber da gibt es eben nichts zu lernen. Weil es jeden Abend neu ist. Und das ist der eigentliche Spaß des Berufs.

Gab es eigentlich schon Interviews, die nicht automatisch auf den „Tatort“ zu sprechen kamen?

Mommsen: Eine Frage bringt jeder unter.

Dann komme ich auch mit einer: Haben Sie Entzugserscheinungen oder war das vielleicht sogar ganz gut, nach 18 Jahren Schluss gemacht zu haben?

Mommsen: Es war höchste Zeit. Ich habe in der letzten Zeit so viel und bunt gedreht wie noch nie. Ich habe auch wieder einen Krimi gemacht, aber als Verdächtiger, nicht als Kommissar. Als wir die Szenen im Präsidium gedreht haben, war ich so froh, nicht mehr Bulle zu sein! Ich bin ja als Schauspieler nicht angetreten, um hauptberuflich Kriminalkommissar in Bremen zu werden. Ich kann mir zurzeit nicht mal Krimis angucken. Das langweilt mich. Ich habe erstmal genug ermittelt.

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