Hamsterkäufe lassen nach – Lücken werden wieder kleiner

Berlin.  Supermärkte überall in Europa berichteten von Hamsterkäufen. Politiker mahnten zu Gelassenheit. Inzwischen hat sich die Lage entspannt.

Diese Lebensmittel-Vorräte empfehlen Experten für den Ernstfall

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt Lebensmittel für zehn Tage vorrätig zu haben. Dabei sollten alle wichtigen Nährstoffe abgedeckt werden.

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  • Das Coronavirus breitet sich überall in Europa aus – auch in Deutschland
  • In vielen Ländern reagierten Menschen mit Hamsterkäufen – Hygieneartikel wie Toilettenpapier oder Desinfektionsmittel sind vielerorts ausverkauft, auch Lebensmittel werden gehortet
  • Für einen Ökonomen ist genau dieses „Herdenverhalten“ ein Problem
  • Politiker ermahnen, Hamsterkäufe zu unterlassen – und halten die Versorgung für gesichert
  • Der Handel profitiert – muss sich aber auch umstellen
  • Inzwischen haben Hamsterkäufe vielerorts wieder nachgelassen

Konserven, Nüsse, Reis und Nudeln, Getränke, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel – viele Menschen in Europa reagierten auf die Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie mit Hamsterkäufen und horteten haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel.

Toilettenpapier und Desinfektionsmittel sind noch immer Mangelware in vielen Supermärkten - doch bei vielen anderen Produkten werden die Lücken in den Regalen inzwischen wieder kleiner. „Wir stellen fest, dass sich die Regale wieder mehr und mehr füllen“, sagte der Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), Christian Böttcher, am Dienstag.

Das gelte auch bei in den vergangenen Wochen stark nachgefragten Produkten wie Nudeln oder Reis. Große Einzelhandelsketten bestätigten bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur den Trend. „Die Verbraucher gewöhnen sich allmählich an die aktuelle Situation“, erklärte Böttcher die Entwicklung. Das zeige sich auch in einer gewissen Normalisierung des Einkaufsverhaltens.

Hamsterkäufe bescheren Handel Umsatzplus

Selbst bei dem geradezu zum Symbol der Hamsterkäufe gewordenen Toilettenpapier hofft der Branchenkenner schon bald auf Besserung. „Wir gehen davon aus, dass in Kürze auch der Sättigungsgrad der deutschen Haushalte bei Toilettenpapier erreicht sein sollte“, sagte er.

In den vergangenen Wochen hatte die Coronavirus-Krise zeitweise zu massiven Hamsterkäufen geführt. An einzelnen Tagen verkauften die Händler doppelt so viel Ware wie normal. Doch im Laufe der vergangenen Woche sei der Kundenansturm allmählich abgeflaut, ist in der Branche zu hören.

„Die Lage entspannt sich deutlich“, hieß es bei Rewe. Viele Verbraucher hätten ihre Vorräte offenbar mittlerweile aufgefüllt. Auch der Großflächen-Discounter Kaufland berichtete: „Die Kundenfrequenz in unseren Filialen hat sich aktuell normalisiert.“ Aldi berichtete zumindest von einer leichten Entspannung der Lage.

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) bekräftigte zuvor, dass trotz teilweiser Grenzschließungen die Warenzuflüsse allerdings „nicht gefährdet“ sind. „Wir werden das Wirtschaftsleben so aufrechterhalten, so dass es da keine Engpässe gibt.“ Hamstern sei nicht notwendig, sagte Braun.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) appellierte an die Bürger, „ihre Vorräte mit Bedacht, Augenmaß und umsichtig aufzustocken – dann ist genügend für alle verfügbar, die Regale werden zeitnah wieder aufgefüllt“. Für Hamsterkäufe gebe es keinen Anlass, sagte sie der dpa.

Nach Angaben des Nürnberger Forschungsinstituts GfK waren die Umsätze mit Fertigsuppen im Lebensmitteleinzelhandel um 112 Prozent im Vergleich zur Vorwoche gestiegen. „Solche Ausschläge haben wir sonst nirgends“, sagte GfK-Experte Robert Kecskes. Bei Fisch- und Obstkonserven habe der Anstieg jeweils 70 Prozent betragen, bei Teigwaren wie Nudeln 73 Prozent. Gemüsekonserven gingen gar um 80 Prozent in die Höhe.

Der gesamte Lebensmitteleinzelhandel habe damit Mitte März über alle Waren ein Umsatzplus von 14 Prozent verzeichnet. Lieferdienste profitieren von der Lage ebenso. Lesen Sie hier: Darum werden Barilla-Produkte bei Rewe knapp – es ist nicht das Coronavirus.

Die Nachfrage nach Lebensmitteln in Deutschland ist nach Angaben des Handels in den vergangenen Tagen „sprunghaft angestiegen“, sagte der Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), Christian Böttcher, am Sonntag der dpa in Berlin. Auch er sehe kein Problem beim Nachschub. Andere Darstellungen etwa in sozialen Medien entsprächen „nicht der Wahrheit“.

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Rewe und Penny suchen wegen hoher Nachfrage Aushilfen

Die Supermarktkette Rewe und ihre Discount-Tochter Penny suchen indes wegen der Corona-Krise und der hohen Nachfrage der Bürger nach Lebensmitteln Aushilfen. „Helfende Hände sind überall willkommen“, erklärte am Montag Rewe-Chef Lionel Souque. „Wer in unseren Märkten jetzt als Aushilfe tätig werden möchte, kann sich unkompliziert bewerben.“

Möglich sei das direkt in dem Markt, in dem Interessierte tätig werden möchten. Dort seien Bewerbungsformulare erhältlich. Souque verwies auf „Studierende zum Beispiel, die wegen der aktuellen Schließung der Universitäten Interesse haben“.

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Rewe verzeichnet eine höhere Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln

Rewe betonte, man beobachte die Lage in allen Ländern äußert aufmerksam und halte ständigen Kontakt zu den sicherheitsrelevanten Behörden wie dem Robert-Koch-Institut, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Auswärtigen Amt.

Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler verzeichnete „nicht flächendeckend, aber durchaus bundesweit“ eine erhöhte Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln. In einer Berliner Filiale war Mitte März an einem fast leeren Regal ein Zettel befestigt mit der Aufschrift: „Aufgrund unvorhergesehener Hamsterkäufe kann es bei einigen Produkten zu Engpässen kommen.“

Ähnlich äußerte sich die SB-Warenhauskette Real. Ein Sprecher sagte, das Unternehmen habe seine Lagerbestände bereits erhöht und beobachte die Entwicklung genau, um auf weitere Nachfrageveränderungen schnellstmöglich reagieren zu können.

Das Coronavirus und die Kunden – für die Händler eine Herausforderung

Nach Einschätzung des Nürnberger Forschungsinstituts GfK birgt die Situation für die Händler Herausforderungen. Die Warenbestellungen für die nächsten Wochen gestalteten sich schwierig.

Möglich sei, dass die Menschen nach Abflauen der Virusangst vermehrt Lust auf frische Produkte hätten, sagte GfK-Experte Robert Kecskes. „Bleibt die Befürchtung vor einer Quarantäne in den eigenen vier Wänden jedoch weiter hoch, wird sich eine Nachfragesteigerung nach Frische-Produkten verzögern.“

Die Checkliste für den Vorratskauf

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat keine gesonderte Planung für Maßnahmen bei einer Ausbreitung des Coronavirus. Das Bundesamt verweist auf Anfrage aber auf die generelle Checkliste für die private Notfallvorsorge, die immer gelte.

Das Bundesamt hat einen Ratgeber für richtiges Handeln in Notsituationen herausgegeben, der neben empfohlenen Lebensmitteln auch eine Checkliste für weitere Gegenstände (beispielsweise Hausapotheke und Hygieneartikel) sowie Notfall-Nummern umfasst. Das sollte im Idealfall jeder zu Hause haben, um im Notfall etwa 14 Tage über die Runden zu kommen.

Folgende Lebensmittel sollte man für den Notfall zu Hause haben (Auswahl):

  • Vollkornbrot: 1000 g
  • Zwieback: 400 g
  • Nudeln, roh: 500 g
  • Reis, roh: 250 g
  • Kartoffeln, roh: 1000 g
  • Erbsen/Möhren in Dosen: 900 g
  • Rotkohl/Sauerkraut in Dosen/Gläsern: 700 g
  • Kaffee (Pulver)/Instantkaffee: 250 g
  • Öl (z.B. Maiskeim, Sonnenblumen): 0,3 l
  • Hartkäse: 700 g
  • Thunfisch in Dosen: 150 g
  • Bockwürstchen im Glas/Dosen: 300 g
  • Dauerwurst (z.B. Salami): 360 g
  • 10 Eier Gewichtsklasse (à 60 g Einkaufsgewicht): 530 g
  • Mineralwasser: 28 l

Weitere Gegenstände, die man zu Hause haben sollte (Auswahl):

  • DIN-Verbandskasten
  • Schmerzmittel
  • Haut-/Wunddesinfektionsmittel
  • Seife, Waschmittel
  • Toilettenpapier
  • Kerzen/Teelichter
  • Taschenlampe
  • Schutzmaske/Atemschutz
  • Reservebatterien
  • Rundfunkgerät (für Batteriebetrieb geeignet)

Hamsterkäufe ein „selbstverstärkender Prozess“

Der Ökonom Marcel Fratzscher sieht in solchem „Herdenverhalten“ eine Gefahr – ähnlich wie bei der unlängst an den Börsen ausgebrochenen Panik. „So etwas gibt es auch bei Unternehmen und Konsumenten. Das ist zum Teil sehr irrational“, sagte der Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW der „Passauer Neuen Presse“.

Fratzscher warnte vor einer „Teufelsspirale“, in der Firmen und Verbraucher auf die vielen Unsicherheiten mit Verhaltens- und Nachfrageänderungen reagieren. „Ein Abwärtsstrudel ist möglich. Die größte Gefahr wäre Panik.“

Auch der Greifswalder Mediziner Nils Hübner warnte vor Hamsterkäufen. Ihm seien weder aus China noch Italien Meldungen über Hunger bekannt. Er erwarte auch nicht, dass in Deutschland eine solche Mangelsituation auftauche. Zudem würden viele Lebensmittel wieder weggeworfen.

Er sehe auch die psychologische Komponente von Hamsterkäufen: „Wenn die Menschen vor leeren Regalen stehen, führt das wieder zu Hamsterkäufen. Das ist ein selbstverstärkender Prozess.“

Spanien - ein Land unter Quarantäne
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Angst vor Coronavirus führte zu leeren Supermarkt-Regalen in Italien

Auch in einigen Regionen Italiens waren in den vergangenen Wochen Supermarkt-Regale leergekauft worden, in Österreich machte ein Foto die Runde, das einen Mann mit Gasmaske beim Einkauf von großen Konservenvorräten zeigt.

Auf Fotos und Videos waren etwa leer geräumte Regale in Supermärkten in Mailand zu sehen – und lange Schlangen an Kassen. Mailand liegt in der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Region Lombardei.

Der Regionalpräsident Attilio Fontana sprach sich bereits gegen Hamsterkäufe aus. „Der Wettlauf um Lebensmittel hat keinen Sinn. Die Lieferungen sind gesichert“, sagte er.

In Madrid reagierten Menschen auf den sprunghaften Anstieg der Infektionen in den vergangenen Tagen ebenfalls mit großen Einkäufen. Überall sicherten Politiker zu, der Nachschub sei nicht gefährdet.

Coronavirus: In Österreich sorgen Hamsterkäufe für Lacher in sozialen Medien

In Österreich sorgte die Angst vor der Pandemie auch für Lacher. In den sozialen Medien ging ein Foto viral, das einen Mann beim Großeinkauf von Lebensmitteln in einem Tiroler Supermarkt zeigen soll. Der Mann legt unter anderem eine riesige Menge Kekse auf das Einkaufsband – und trägt dabei Handschuhe und eine Gasmaske:

Ein anderer Twitter-Nutzer postete das Video eines Mannes, der versucht, in Innsbruck einen Rieseneinkauf – vor allem bestehend aus Toilettenpapier – mit dem Motorroller abzutransportieren. Der Versuch scheitert:

Die österreichische Supermarktkette Merkur schien ihr Sortiment an die Gegebenheiten anzupassen. Wie eine lokale Journalistin auf Twitter schreibt, wurden vor allem Fertiggerichte, Konserven und Grundnahrungsmittel erheblich aufgestockt:

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(mbr/bef/dpa/afp/max)

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