Sensationsfund

Unbekannte Briefe enthüllen Adolf Hitlers Weg zum Diktator

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Hitlers "Mein Kampf" erscheint in Polen

Hitlers Mein Kampf erscheint in Polen

In Polen erscheint erstmals eine kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf". Kritiker sehen darin einen Affront gegenüber den Opfern der NS-Diktatur. Historiker und Verlag wollen die Ausgabe als eine Warnung für kommende Generationen verstanden wissen.

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Berlin.  Brutaler Beamte und Vater eines Massenmörders: Von Alois Hitler sind 31 bislang unentdeckte Briefe aufgetaucht. Sein Einfluss war groß.

Die vergilbten Briefe lagen mehr als ein Jahrhundert lang unbemerkt auf einem Dachboden. 31 Schriftstücke aus dem späten 19. Jahrhundert, die das Potenzial haben, die Kindheit des Massenmörders Adolf Hitler (1889-1945) in neuem Licht erscheinen zu lassen: Das Bündel stammt von Alois Hitler, dem Vater des selbsternannten „Führers“. Jetzt sind sie aufgetaucht - ein Sensationsfund.

Der österreichische Historiker Roman Sandgruber (74) hat sie ausgewertet und auf ihrer Grundlage die erste Biografie des Zollbeamten veröffentlicht: „Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde“ (Molden Verlag, 29 Euro). Der Erzeuger, so schreibt Sandgruber, habe einen prägenderen Einfluss auf Adolf Hitler gehabt als bisher angenommen.

Wie konnte aus einem Jungen aus Braunau am Inn der gefürchtete Tyrann werden, der Millionen Menschen in seinen Bann zog? Sandgrubers Antwort: Adolf Hitler litt unter seinem zur Brutalität neigenden Vater - und ahmte ihn dennoch in entscheidenden Punkten nach. Auch interessant: Politiker Adolf Hitler Uunona wittert Verschwörung

Hitlers Vater wollte Bauer werden

Bei den Briefen handelt es sich um Korrespondenz des 1837 geborenen Alois Hitler mit einem oberösterrechischen Straßenmeister namens Josef Radlegger. Von ihm hatte Alois Hitler einen Bauernhof in Hafeld erworben, einem Dorf zwischen Linz und Salzburg. Radleggers Urenkelin hat das Konvolut gefunden und Roman Sandgruber anvertraut.

Der emeritierte Professor ist in der Region ein bekannter Mann, er schreibt jede Woche eine historische Kolumne für die „Oberösterreichischen Nachrichten“. Mithilfe der in zeittypischer Kurrentschrift verfassten Briefe kommt er Alois Hitler und indirekt auch dessen Sohn etwas näher.

Im Wirtshaus sitzend, an seiner Pfeife schmauchend, Bienen züchtend - so beschrieben Zeitzeugen Alois Hitler, der dreimal verheiratet war und acht Kinder hatte. Er war indes keineswegs der Bauerntölpel, als der er bisweilen dargestellt wurde, schreibt Sandgruber. Die Imkerei etwa betrieb er nicht nur als reinen Zeitvertreib, sondern weil sie profitabel gewesen ist.

Und das Wirtshaussitzen hatte eine größere Bedeutung, weil er sich politisch betätigen wollte und die gesamte politische Arbeit sich damals im Wirtshaus abspielte. Alois Hitler sei deutschnational gesinnt, aber wohl kein Antisemit gewesen. Lesen Sie hier:Hitler-Zylinder und NS-Andenken gehen an jüdische Stiftung

Auch Klara Hitler erhält ein anderes Gesicht

Sein großer Traum war ein eigener Bauernhof, den der Mann nach damals modernen Maßstäben bewirtschaften wollte. Deshalb besuchte er Kurse bei Agrarreformern und kaufte das Bauernhaus mit 20 Hektar Grundbesitz. Aber Alois Hitler musste diesen Hof rasch wieder verkaufen, weil er damit weder finanziell noch organisatorisch zurechtkam.

Aus der Korrespondenz mit dem Straßenmeister geht auch hervor, dass auch Klara Hitler, die 1860 geborene Mutter des Diktators, nicht das ungebildete Hausmütterchen war, als das sie in der Geschichtsschreibung mitunter gezeichnet wird.

„Meine Frau ist gerne thätig und besitzt die nöthige Freude und auch das Verständnis für eine Ökonomie“, schrieb Alois Hitler 1895 an Josef Radlegger. Sie starb mit 47 Jahren unter großen Schmerzen an Krebs.

Als sicher gilt, dass Alois Hitler seinen Sohn mit Brutalität erzog: „Adolf Hitler war ein vom Vater unterdrücktes und geschlagenes Kind“, fasst Sandgruber zusammen. Und zitiert Hitlers Schwester Paula, wonach Adolf „jeden Tag eine richtige Tracht Prügel“ vom Vater erhalten habe.

Hitlers Kindheit ist weitgehend unbekannt

Diese Erzählungen sind historisch deshalb bedeutend, weil es bislang kaum Bücher über Adolf Hitlers Kindheit und Jugend gibt.

Alle Veröffentlichungen speisen sich aus nur drei ausführlichen Schriften mit fragwürdigem Wahrheitsgehalt – es sind Hitlers eigener Propagandabericht „Mein Kampf“ sowie zwei aus den 1950er-Jahren: Franz Jetzingers Darstellung „Hitlers Jugend“ (1956) und August Kubizeks Zeitzeugenbericht „Hitler, mein Jugendfreund“ (1953).

Privater Blick auf Adolf Hitler
Privater Blick auf Adolf Hitler

Adolf Hitler habe den Vater einerseits „fast sklavisch“ nachgeahmt, schreibt Sandgruber. Das habe schon mit den zum Verwechseln ähnlichen Unterschriften begonnen. Außerdem habe der Vater, ein Autodidakt, die Kirche und alles Schulwissen verachtet. „Sich selbst zu überschätzen und andere Meinungen und Kenntnisse nicht gelten zu lassen, zeichnete sich schon beim Vater ab.“

Auch Adolf Hitler habe mit dem Glauben nie etwas anfangen können, auch wenn er zeitlebens nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten sei. Mehr zum Thema:MDR retuschiert Hitler-Attentäter von Plakat in Dresden

Adolf Hitler ahmte seinen Vater nach

Eine signifikante Revolte des Sohnes gegen die Vorstellungen des Vaters sei die Weigerung gewesen, nach dessen Wunsch eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. „Er wollte freier Künstler sein und bloß nicht in die Fußstapfen des Vaters treten.“ In Adolf Hiters Judenhass sieht Samtgruber ebenfalls eine bewusste Abgrenzung vom Vater.

Generell war die Kinder- und Jugendzeit Hitlers sehr unstet. So habe die Familie Hitlers in dessen ersten 18 Lebensjahren 18 verschiedene Wohnsitze gehabt.

Seine frühen Jahre ließen den Diktator nie los. Verschanzt im Berliner Führerbunker, verbrachte er seine letzten Tage vor dem Modell seiner erklärten Lieblingsstadt Linz, das er sich in den Luftschutzraum hatte schaffen lassen. Der Mann, der die Welt in den Zweiten Weltkrieg gestürzt hatte, nahm sich am 30. April 1945 das Leben.

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