Corona-Pandemie

Triage in Österreich: Lage in Krankenhäusern spitzt sich zu

| Lesedauer: 5 Minuten
Uniklinik in Salzburg: Die Betten auf der Intensivstation werden wegen vieler Covid-Patienten knapp.

Uniklinik in Salzburg: Die Betten auf der Intensivstation werden wegen vieler Covid-Patienten knapp.

Foto: Barbara Gindl/APA/AFP

Wien  Die Salzburger Kliniken haben ein Triage-Team benannt. Die Versorgung der Patienten sei wegen der Corona-Lage bald nicht mehr möglich.

Corona-Alarm in Oberösterreich. „Zuletzt sind Leichen wegen Überfüllung auf dem Gang abgestellt worden“, sagt eine Pflegekraft in einer namentlich nicht benannten Klinik. „Coronavirus-Tote steckst du nackt in einen luftdicht verschlossenen Plastiksack, zippst zu und das war’s.“ So zitiert die österreichische Nachrichtenagentur APA ein Mitglied des Klinikpersonals, das nur in anonymisierter Form Auskunft geben wollte. Der Grund für den Notstand: Die Kühlräume im Krankenhaus seine voll – auch wegen der steigenden Zahl der Corona-Toten.

In Österreich steigt die Nervosität. Im ganzen Land ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche – die Sieben-Tage-Inzidenz – explodiert und liegt nun über der Marke von 900. Am schlimmsten ist die Lage in den Bundesländern Salzburg (rund 1600) und Oberösterreich (rund 1500).

Triage in Salzburger Krankenhäusern: Team entscheidet über Leben und Tod

In den Salzburger Krankenhäusern werden die Betten auf den Intensivstationen knapp. Am Mittwochmittag waren von den insgesamt 136 Intensivbetten nur noch 7 frei. In mehr als 30 davon lagen Covid-Patienten. In den Hospitälern des Bundeslandes macht bereits das T-Wort die Runde – T wie Triage. Ärzte sprechen von „Triage“, wenn sie medizinische Hilfeleistungen aufgrund einer unerwartet hohen Zahl an Patienten priorisieren müssen. Sie entscheiden damit über Leben und Tod.

In den Salzburger Landeskliniken wird derzeit ein sechsköpfiges Triagierungs-Team aufgestellt: Fünf Ärzte verschiedener Fachbereiche sowie ein Jurist sollen im Notfall bestimmen, wer behandelt wird und wer nicht. Dabei geht es um rein medizinische Kriterien. Unabhängig davon, ob eine Corona-Infektion vorliegt oder nicht oder ob der Patient geimpft ist oder nicht. „Noch ist bei uns nicht triagiert worden, aber es könnte eine Frage von wenigen Tagen sein“, sagt ein Sprecher der Landeskliniken Salzburg.

Corona: Mangel an Krankenhausbetten wird immer bedrohlicher

Der Mangel an Krankenhausbetten wird immer bedrohlicher. Was passiert im Falle einer Massenkarambolage auf der Autobahn, eines Tunnelbrands oder einer Naturkatastrophe? Diese Frage wurde dem stellvertretenden Landeshauptmann von Salzburg, Heinrich Schellhorn (Grüne), in einem Radio-Interview gestellt? Die lapidare Antwort: „Die Kapazitäten sind nicht da.“ Nun will die Landesregierung zusätzliche Behandlungsräume in Reha-Zentren schaffen. Aber es fehlt an Personal.

Auch die Stadt Innsbruck verzeichnet Engpässe. So werden wegen der verstärkten Einlieferung von Covid-Kranken Krankenhausbehandlungen eingeschränkt oder die Operation von Tumorpatienten verschoben. „Viel Spielraum gibt es nicht mehr“, sagt Kliniksprecher Johannes Schwamberger. Noch aber ist nur in Salzburg offen von Triage die Rede.


Zwar ist die Lage nicht überall so dramatisch wie in Salzburg oder Oberösterreich. Aber eine Verlegung von Intensivpatienten in andere Bundesländer mit geringerer Bettenauslastung erweist sich als schwierig. Die Verlegung obliege den Bundesländern, heißt es im Gesundheitsministerium. Deren Intensivkoordinatoren würden sich täglich auf Landesebene absprechen. Oft seien jedoch der kritische Gesundheitszustand der Patienten sowie die große Distanz zwischen den Hospitälern ein Hindernis, geben Mediziner zu bedenken. Der Geschäftsführer der Landeskliniken Salzburg, Paul Sungler, hat jetzt in einem eindringlichen Fernseh-Appell betont: Man hoffe auf die Hilfe anderer Länder oder europäischer Staaten.

Österreich: Maßnahmen konnten Corona-Ausbreitung bisher nicht bremsen

Die bisherigen Maßnahmen der Regierung konnten die rasante Ausbreitung des Virus nicht bremsen. Zu Monatsbeginn war die 3G-Regel am Arbeitsplatz eingeführt worden. Firmen müssen überprüfen, ob ihr Personal geimpft, von Covid-19 genesen oder getestet ist. Am 8. November folgte die 2G-Regel für Lokale, Tourismus, Sportstätten und Veranstaltungen, wo Ungeimpfte nun keinen Zutritt mehr haben. Und seit Montag sind Menschen ohne Impfschutz zu einem Lockdown verpflichtet. Sie dürfen nur für die Arbeit und dringende Besorgungen das Haus verlassen.

Der Verband der Intensivmediziner sowie Krankenhausärzte riefen deshalb nach härteren Einschnitten, um die vierte Welle zu brechen. Auch die Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium, Katharina Reich, forderte abendliche Ausgangsbeschränkungen für alle. „Ich glaube, dass wir das brauchen“, forderte sie. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hatte sich zwar klar für einen Lockdown oder zumindest für Maßnahmen auch für Geimpfte ausgesprochen. Doch Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) legte sich quer und wies den Minister öffentlich in die Schranken.

Die schlechten Corona-Nachrichten werfen ihre Schatten auf den Tourismus. Die Hotelwirtschaft in Österreich beklagt bereits eine massive Stornowelle vor allem deutscher Urlauber. Betroffen sind vor allem Wien sowie die Skigebiete in West-Österreich. Es sei eine Abwanderung nach Südtirol zu beobachten, heißt es aus der Branche. Die Gründe liegen auf der Hand: niedrigere Infektionszahlen, keine Einstufung als Hochrisikogebiet, keine Quarantäne-Pflicht nach der Rückkehr.

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