Pandemie

Neue Corona-Regeln: Deutliche Kritik von Streeck und Co.

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Merkel verkündet harte Einschnitte für Ungeimpfte

Merkel verkündet harte Einschnitte für Ungeimpfte

Als Reaktion auf die hohen Corona-Infektionszahlen haben die Spitzen von Bund und Ländern bundesweite weitreichende Einschränkungen für Ungeimpfte beschlossen.

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Berlin  Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse zu den Corona-Regeln sorgen für Diskussionen. Viele Forscher halten die neuen Regeln für unzureichend.

Bund und Länder haben am Donnerstag neue Corona-Regeln vorgestellt, um den rapiden Anstieg der Neuinfektionen zu bremsen. Dazu zählen erhebliche Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte: Ihnen wird beispielsweise der Zutritt zu den meisten Läden verwehrt – auch im Weihnachtsgeschäft.

Das Impftempo soll zudem an Fahrt aufnehmen: Auch Apotheken und Pflegefachkräfte sollen gegen Corona impfen können, im Dezember kommen Millionen Dosen zusätzlich. An Silvester wird der Verkauf von Böllern und Feuerwerk bundesweit verboten, um Menschenansammlungen zu vermeiden und die Intensivstationen nicht zusätzlich durch Unfälle zu belasten. Doch an den neuen Regeln gibt es Kritik aus der Wissenschaft.

"Die Kontakteinschränkungen bergen die Gefahr, dass sich jetzt Ungeimpfte ins Private zurückziehen", warnte etwa der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Dass die Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich zu kontrollieren seien, bezweifelte er. "Wir riskieren Übertragungen unter Ungeimpften, die keinen Grund mehr haben, sich testen zu lassen, sondern durch 2G ausgeschlossen werden."

Corona: Kontaktbeschränkungen für alle nötig?

"Es ist ein Fehler, Kontaktbeschränkungen für Geimpfte auszuschließen", sagte Virologe und Stiko-Mitglied Klaus Überla dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" (Freitag). Inzwischen trete fast die Hälfte der symptomatischen Infektionen bei Geimpften auf. Er sprach sich dafür aus, Kontaktbeschränkungen auch für Geimpfte im privaten Bereich zu verhängen.

Der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi, Gernot Marx, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): "Wir brauchen deutliche Kontaktbeschränkungen, aktuell tatsächlich am besten für alle." Über die neue Virusvariante Omikron wisse man noch nicht genug. "Wir können nicht ausschließen, dass die Impfstoffe vermindert wirken", sagte Marx. "Wegen dieses Nicht-Wissens ist zwingend notwendig, besonders vorsichtig zu sein."

Bundesärztekammer-Präsident begrüßt Impfpflicht

Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ): "Um das Gesundheitswesen vor Überlastung zu schützen, wären aus unserer Sicht noch weitergehende Maßnahmen notwendig." Seiner Meinung nach sollte für Geimpfte und Genesene bundesweit verpflichtend in Bars, Restaurants sowie für Sport und Kulturveranstaltungen in Innenräumen 2G plus gelten. Der Zugang wäre also nur mit einem zusätzlichen Test möglich. Vor allem müsse die Einhaltung der Zutrittsvoraussetzungen strikt kontrolliert und deren Missachtung verbindlich sanktioniert werden, mahnte er.

Den Beschluss zur schnellstmöglichen Einführung einer Impfpflicht begrüßte der Ärztepräsident allerdings: "Wir hätten alle lieber auf eine allgemeine Impfpflicht verzichtet. Mittlerweile sehen wir aber, dass sie das einzige Mittel ist, um aus der Lockdown-Endlosschleife herauszukommen."

Epidemiologe Zeeb: Regeln schwer umsetzbar

Der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen wies darauf hin, dass einige der Beschlüsse schwer umzusetzen seien. "Es ist fraglich, wie die Kontaktbeschränkungen von Ungeimpften durchgesetzt und kontrolliert werden können." Er prognostizierte: "Mit den Beschlüssen werden wir noch etwa drei bis vier Wochen einen Anstieg in den Kliniken und auf den Intensivstationen haben." Auch die Inzidenz werde noch einige Zeit steigen. "Die Welle wird nicht so schnell aufhören."

Zeeb rechnete vor: "Wenn wir weiter eine Million Menschen am Tag impfen, dann haben wir bis 24. Dezember erst rund 20 Millionen." Die Zahl der Impfungen müsse auf rund 1,5 Millionen pro Tag steigen, um 30 Millionen zu erreichen. Dennoch betonte der Epidemiologe: "Insgesamt finde ich die Beschlüsse gut." Es gebe "föderale Mindestmaßnahmen für alle." Die besonders betroffenen Bundesländer könnten so "noch mehr tun". (dpa/afp/raer)

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