Skandalshow

„Old Enough“ auf Netflix: Kleinkind alleine in der Großstadt

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Netflix verzeichnet erstmals seit Jahren weniger Abonnenten

Netflix verzeichnet erstmals seit Jahren weniger Abonnenten

Der Streamingdienst Netflix hat erstmals seit mehr als zehn Jahren einen Rückgang seiner Abonnenten-Zahl verzeichnet. Netflix begründete dies unter anderem mit dem Verbot seines Dienstes in Russland; dazu kommt die wachsende Konkurrenz. Die Netflix-Aktie stürzte deutlich ab.

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Tokio.  Netflix zeigt umstrittene japanische TV-Reihe „Old Enough“. Kleine Kinder werden in Großstädten sich selbst überlassen und gefilmt.

„Das könnt ihr doch, oder?“, fragt die Mutter, nachdem sie ihrer fünfjährigen Tochter Sako und deren gleichaltriger Freundin Konatsu den Einkaufszettel erklärt hat. Eben haben die Mädchen noch mit Einhornkuscheltieren und Barbies gespielt, jetzt stehen sie vor der größten Herausforderung ihres jungen Lebens.

Sie sollen nicht nur alleine einkaufen gehen – die Mama erteilt ihnen noch einen Auftrag: „Ihr kennt doch das Hutgeschäft Tsuruya bei der Grundschule? Kauft dort mal je einen Hut in Größe M.“ Die zwei Kinder nicken, ziehen sich ihre Masken ins Gesicht, schnallen sich leere Rucksäcke auf ihre Rücken und tapsen Hand in Hand auf die Straße.

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Kleine Kinder, die sich ohne Hilfe von Erwachsenen in einer Millionenstadt zurechtfinden müssen? Dem Publikum vorm Fernseher schwant Schlimmes. Doch Sako und Konatsu erledigen ihre Aufgaben souverän. Erst überqueren sie einen Zebrastreifen und laufen über eine stark befahrene Straße, dann erinnert Sako ihre Freundin: „Größe M. Weißt du noch?“ Ja, nickt Konatsu, sie weiß noch.

Im Hutgeschäft reiben sie sich Desinfektionsmittel in die Hände, lassen sich vom Verkäufer beraten und bezahlen. Noch schnell frisches Obst einkaufen, danach geht’s schließlich zurück nach Hause. Geschafft.

„Old Enough“ läuft in Japan schon seit Jahrzehnten

Die Serie „Hajimete No Otsukai“, was auf Deutsch in etwa „Mein erster Auftrag“ bedeutet, ist in Japan seit Jahrzehnten ein Quotenschlager. Kinder, teilweise erst zwei Jahre alt, werden von ihren Eltern auf den Weg geschickt, um erstmals ohne Begleitung etwas zu erledigen: Einkäufe erledigen, Botschaften an Nachbarn übermitteln und einiges mehr.

Das Reality-Format läuft in Japan schon seit 30 Jahren, nun entdecken deutsche Zuschauer die umstrittene Sendung: Der Streamingdienst Netflix hat „Hajimete No Otsukai“ für das internationale Publikum in „Old Enough“ (alt genug) umgetauft, die Längen der Episoden von jeweils mehreren Stunden auf rund zehn Minuten gekürzt und bewirbt die Show intensiv.

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Und schon ist in mehreren europäischen Ländern eine Debatte entbrannt – darüber, ob die Sendung nicht gefährlich, grausam und irgendwie insgesamt kinderfeindlich sei. „Es ist so gefährlich, wenn Eltern das sehen“, befürchtet die Schweizer Kinderpsychologin Christina Häberlin. Denn Eltern könnten so ein Experiment ebenfalls ausprobieren, weil sie glauben, auch ihr Kleinkind wäre so schlau. „Das darf man auf keinen Fall nachmachen.“

Aus Sicht der österreichischen Psychologin Margarete Salaberger ist es „schrecklich“, dass das Publikum sieht, wie ein Kind etwa vor Aufregung vergisst, was es erledigen sollte. „Wenn daraus Sensationsgier entsteht, finde ich es bedenklich.“

In Japan hingegen werden solche Aspekte kaum diskutiert. Das liegt nicht nur daran, dass die Sendung seit Anfang der 1990er-Jahre praktisch dem ganzen Land bekannt ist. Hier wirkt die Konstellation auch nicht so realitätsfern wie in Europa. Das ostasiatische Land hat kaum große Probleme mit Straßenkriminalität oder Verkehrsunfällen. Kinder pendeln schon früh mit der U-Bahn, wenn es der Schulweg erfordert. Die Sendung führt vor, wie sicher japanische Städte sind. Lesen Sie hier:Netflix-Doku: Charles und der pädophile Ex-Moderator

Netflix-Reihe: Es gibt weitere Ableger von „Old Enough“

Bei „Old Enough“ geht es nicht nur um die Aufgaben, sondern um das Amüsement eines meist erwachsenen Publikums. Niedliche Protagonisten, eine heile Welt und ein kleines bisschen Spannung – eine Mischung, die auch anderswo funktioniert. Auch in Deutschland.

Von Mitte der 1980er- bis Mitte der 90er-Jahre begeisterte etwa das aus den USA übernommene Format „Dingsda“ ein großes Publikum. Da sollten Kleinkinder gegenüber Prominenten komplizierte Begriffe erklären. Einige fielen auf Babysprache zurück, andere beeindruckten mit elaboriertem Vokabular. Vor vier Jahren legte die ARD die Sendung neu auf.

Derzeit entdeckt die halbe Welt „Hajimete No Otsukai“. In Singapur und in Südkorea laufen bereits eigene Versionen im TV. Ob die Show in Deutschland ein ähnlicher Erfolg wird wie in Fernost, muss sich noch erweisen.

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