Katastrophe

Ahrtal: So geht es den Menschen ein Jahr nach dem Hochwasser

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Auch nach einem Jahr gibt es immer noch reichlich zu tun in den Orten des Ahrtals – an vielen Stellen liegen noch immer Trümmer.

Auch nach einem Jahr gibt es immer noch reichlich zu tun in den Orten des Ahrtals – an vielen Stellen liegen noch immer Trümmer.

Foto: RALF ROTTMANN / FUNKE Foto Services

Ahrtal.  An vielen Stellen stockt der Wiederaufbau. Die Erschöpfung bei den Menschen ist spürbar. Eindrücke aus Schuld, Dernau und Bad Neuenahr.

„Kommen Sie nach oben zur Kirche“, sagt Helmut Lussi, der Bürgermeister von Schuld. „Da kriegen Sie den besten Überblick.“ Da könne er zeigen, was das Wasser gemacht habe mit seinem Dorf, vor gut einem Jahr. In der Nacht, in der die Flut kam. Nach Schuld, ins ganze Ahrtal und nach Nordrhein-Westfalen sowie Rheinland-Pfalz. In der Nacht, in der 189 Menschen starben und fast 9000 Häuser beschädigt wurden.

Schuld

Hochwasser kennen die Menschen an der Ahr. Aber in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli kommt kein Hochwasser, es kommt eine „Jahrhundertflut“. Bäche sind zu Flüssen geworden und Flüsse zu Strömen, die nun aus ihren Betten steigen und alles mitreißen, was sich ihnen in den Weg stellt. Am Abend bleiben weggespülte Autos, Kleinlaster, Baumstämme und Wohnwagen an einer Brücke vor Schuld hängen und blockieren den Durchfluss. „Wir saufen ab“, warnt Lussi und behält recht.

Denn das Wasser sucht sich einen anderen Weg – mitten durch den Ort. Es nimmt die Gemeindehalle mit und schließt fast den ganzen Ortskern ein. Häuser fallen einfach in sich zusammen, andere werden teilweise weggespült. Mit Booten und Hubschraubern können die Bewohner in letzter Sekunde gerettet werden.

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144 von 320 Gebäuden in Schuld sind vom Hochwasser betroffen. Und viele Straßen werden auch heute noch zwischendurch zu Schotterpisten oder sind gleich ganz gesperrt. Zehn Jahre, schätzt Lussi mittlerweile, werde es wohl noch dauern, bis die letzten Spuren der Katastrophe beseitigt sind. „Es gibt noch viel zu tun.“ Und was es zu tun gibt, dauert länger als geplant. Zu wenige Handwerker, noch weniger Material. Aber immerhin viel Solidarität. Von außerhalb, aber auch innerhalb des Ortes. „Das Dorf ist zusammengewachsen“, sagt Lussi. „Alte Feindschaften sind begraben worden.“ Und wichtiger noch: „Wie durch ein Wunder hat es in Schuld keine Toten gegeben.“

Dernau

Überall sieht man Häuser, die nur noch Gerippe sind, und an vielen Stellen liegen noch Trümmer. Auch in Dernau. Elf Menschen sind hier gestorben. „Ich kannte sie alle“, sagt Maria Neiß. Weil man sich eben kennt in einem Ort wie Dernau mit seinen 1700 Einwohnern. Seit Kurzem lebt die 82-Jährige mit ihrem Mann in einem von 13 Tiny Houses, also Mini-Häusern, die der Bürgermeister hat aufstellen lassen. 32 Quadratmeter hat Familie Neiß nun.

Kein Vergleich zum großen Haus, das sie früher bewohnt hat, „aber das geht schon“, sagt Neiß. „Wir haben ja auch nichts mehr. Ist ja alles weggekommen im Wasser.“ Genau wie bei den Glasners nebenan. Zu Hause haben sie gesessen in der Flutnacht und wie alle geglaubt, dass es so schlimm nicht werden wird, erzählt Josef Glasner (79). Aber dann steigt das Wasser immer höher und am Haus schwimmen Autos vorbei, in denen teilweise noch Menschen sitzen. „Das vergisst man nicht“, sagt Renate Glasner.

Wer durch die Straßen der Orte an der Ahr geht, hört viele solcher Geschichten. „Jeder hat etwas Schlimmes erlebt“, sagt Neiß. Viele sorgen sich, dass der Rest des Landes das Ahrtal vergessen könnte – jetzt wo Krieg herrscht in der Ukraine und „alles so teuer wird“.

In vielen Gesprächen spürt man Wut darüber, dass die Verantwortlichen für zu späte Warnungen noch nicht belangt worden sind. Man hört von Ärger über Versicherungen, die um jeden Euro feilschen, oder von Unverständnis über komplizierte Hilfsanträge, „die schon nicht mehr bearbeitet werden, wenn irgendwo ein Komma fehlt“. Anfangs sei alles sehr unbürokratisch verlaufen, bestätigt Dernaus Bürgermeister Alfred Sebastian. Mittlerweile hat sich das geändert. „Es gibt kein vereinfachtes Baurecht mehr, sondern wieder aufwendige Genehmigungsverfahren.“

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Bad Neuenahr

Kaum einen Ort hat die Flut von 2021 so hart getroffen wie Bad Neuenahr. 67 Menschen kommen hier ums Leben. Sie ertrinken im Erdgeschoss ihrer Wohnung, werden irgendwo in der Stadt von den Fluten mitgerissen. Oder sie sterben, weil sie in Verkennung der Gefahr noch eben ihre wertvolle Münzsammlung aus dem Keller retten oder das neue Auto aus der Tiefgarage holen wollen. „Bis zu 240 Liter Regen pro Quadratmeter. Die meisten Menschen haben doch gar keine Vorstellung, was das bedeutet“, sagt eine Anwohnerin.

„Nicht vorstellbar“ sei eine Flut dieser Größenordnung gewesen, sagt auch Pa­trick Küpper, Zweiter Vorsitzender der „Werbegemeinschaft Aktivkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler“. 500 Meter weit ist der Fluss in beide Richtungen geflossen, hat gut 85 Prozent der Geschäfte unter Wasser gesetzt. Und die meisten haben bis heute ebenso geschlossen wie fast alle Hotels entlang der Uferpromenade. „Die meisten Geschäfte aber wollen wieder öffnen, auch wenn sie bei null anfangen müssen.“

Die Touristen sind jedenfalls schon wieder da in der alten Kurstadt. Noch nicht so viele wie früher, aber noch fehlt es ja auch an Kapazitäten in den Hotels. „Das wird sich ändern“, kündigt Küpper an. Wie es einmal war in Bad Neuenahr, wird es aber nicht mehr werden. „Die Flut hat auch bei den Menschen Spuren hinterlassen.“ Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Und je nach Wetterlage unterschiedlich. „Immer wenn es länger regnet“, sagt Küpper, „kommt bei vielen die Angst wieder hoch.“

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