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Corona-Experte: „Mit der vierten Impfung jetzt noch warten“

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Corona: Neue Symptome bei Omikron-Variante BA.5

Corona- Neue Symptome bei Omikron-Variante BA.5

Die Corona-Sommerwelle hat Deutschland fest im Griff. Nun wird über neue Symptome im Zusammenhang mit der Omikron-Variante BA.5 berichtet. Bei uns erfahrt ihr mehr dazu.

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Berlin.  Corona-Experte Carsten Watzl über den Corona-Herbst, die vierte Impfung und die Frage, wann man von Durchseuchung sprechen kann.

Noch ist ein bisschen Zeit bis der Herbst da ist. Doch es wird schon jetzt viel geredet über die kalten Monate, in denen wohl auch im dritten Jahr der Pandemie die Corona-Inzidenzen wieder steigen werden.

Trotzdem ist einiges anders in diesem Jahr. Ein Gespräch mit dem Corona-Experten und Immunologen Carsten Watzl über die vierte Impfung, beschleunigte Zulassungsverfahren für angepasste Impfstoffe und die Frage, wann man in Deutschland von einer Durchseuchung sprechen kann.

Professor Watzl, wie gut ist das Immunsystem der Deutschen auf den kommenden Herbst vorbereitet?

Carsten Watzl: Im Unterschied zu den beiden Jahren davor haben wir eine größere Immunität gegenüber dem neuen Coronavirus in der Bevölkerung. Sehr viele Menschen sind dreimal geimpft oder haben sich mit SARS-CoV 2 infiziert oder sogar beides. Das wird uns sicherlich schützen.

Aber viele Expertinnen und Experten sagen auch eine neue Virusvariante voraus. Was bringt uns dann dieser Schutz?

Watzl: Ich wäre tatsächlich auch sehr überrascht, wenn BA.5 die letzte Variante bleiben würde. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass wir noch eine Weile mit Omikron beschäftigt sein werden. Das würde die Situation im Herbst entspannen. Das muss nicht unbedingt BA.5 sein, das kann BA.2.75 sein oder etwas anderes – aber noch immer Omikron, das nicht ganz so gefährlich ist wie frühere Varianten, Delta zum Beispiel.

Und wenn doch eine neue Variante kommt?

Watzl: Dann schaffen frühere Impfungen und Infektionen trotzdem eine gewisse Immunität, die auch andere Varianten nie komplett unterlaufen können. Wir werden nie wieder von Null anfangen müssen wie am Anfang der Pandemie. So funktioniert unser Immunsystem nicht. Das ist auch das einzig Gute, das man der aktuellen Sommerwelle vielleicht abgewinnen kann: Jemand, der sich jetzt gerade mit BA.5 infiziert, wird im Herbst wahrscheinlich nicht mehr fällig sein.

Wie lange hält dieser Schutz durch eine Infektion ungefähr an?

Watzl: Vor Omikron konnte man sehr schön zeigen, dass eine reine durchgemachte Infektion auch ohne Impfung einen Schutz von gut neun Monaten bietet. Jetzt ist es so, dass eine Infektion mit einer früheren Variante nicht ganz so gut vor einer Omikron-Infektion schützt. Deshalb kann auch der Zeitraum kürzer sein. Ob jetzt eine BA.5-Infektion auch neun Monate vor BA.5 schützt, dazu gibt es noch keine guten Daten. Gerade bei Geimpften würde ich aber ehrlich gesagt davon ausgehen.

Auf die Frage: Vierte Impfung jetzt, Ja oder Nein, gibt es eine Reihe von Antworten von verschiedener Seite. Was sagen Sie als Immunologe?

Watzl: Da bin ich ehrlich gesagt mit meiner Meinung bei der Ständigen Impfkommission, Stiko. Natürlich bringt die vierte Impfung mit den jetzigen Impfstoffen für jeden einen Vorteil. Jeder würde profitieren, aber nicht jeder braucht es. Denn der Sinn der Impfung ist ja, schwere Erkrankungen zu verhindern, nicht so sehr Infektionen. Das hat man am Anfang vielleicht auch falsch kommuniziert. Und das schafft eine Dreifachimpfung bei jüngeren immungesunden Menschen sehr gut: Sie schützt vor einem schweren Verlauf auch wenn die Impfung schon mehr als ein halbes Jahr her ist. Risikopatienten sollten sich dagegen bereits ein viertes Mal geimpft haben.

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Bald sollen die Vakzine zur Verfügung stehen, die an Omikron angepasst sind. Sollte sich dann jeder einen Termin beim Hausarzt geben lassen?

Watzl: Ich gehe davon aus, dass die Stiko wieder eine Empfehlung macht für die über 60-Jährigen plus vulnerable Gruppen, plus vielleicht Personen im Gesundheitswesen. Aber die Hersteller wollen eine Zulassung ab 12 Jahren. Auch eine 20-Jährige kann sich also impfen lassen, zum Beispiel weil die Oma mit im Haus wohnt und sie kein Risiko eingehen möchte. Denn das zeigen die Daten: Die Impfung mit den angepassten Impfstoffen verstärkt noch einmal die Immunität gegenüber Omikron und sie werden wahrscheinlich auch einen gewissen Schutz vor Infektionen bieten.

Was ist mit älteren Menschen oder Risikopatienten, sollen sie sich jetzt ein viertes Mal impfen lassen oder warten?

Watzl: Risikopatienten oder Menschen über 70 hätten sich laut Stiko-Empfehlung bereits vor einigen Monaten zum vierten Mal impfen lassen sollen. Für die 60- bis 70-Jährigen ist das eine individuelle Entscheidung, die vom Gesundheitszustand abhängt. Für einen 60-Jährigen mit einigen Vorerkrankungen macht die vierte Impfung sicherlich Sinn, während ein fitter 69-Jähriger eventuell keine braucht. Aber da die angepassten Impfstoffe hoffentlich nächsten Monat kommen, kann man jetzt auch warten, wenn man die vierte Impfung bisher noch nicht gemacht hat. Denn wenn man sich jetzt zum vierten Mal mit den bisherigen Impfstoffen impfen lässt, sollte man mindestens drei bis sechs Monate warten bis zur nächsten Impfung.

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Diese Vakzine sind an eine frühere Omikron-Variante angepasst, BA.1. Inzwischen sind wir bei BA.5. Dauert die Zulassung zu lange?

Watzl: Es wurde immer gesagt, man kann mRNA-Impfstoffe schnell anpassen. Das stimmt, aber dann schließen sich wieder klinische Studien an und diese Daten liegen jetzt bei den Zulassungsbehörden und wir warten noch immer auf den Impfstoff. Es wird meiner Meinung nach überschätzt, was klinische Daten leisten können. Man kann aus diesen Daten nicht ablesen, wie gut die Person vor Infektion oder schwerer Erkrankung geschützt ist. Auch seltene Nebenwirkungen treten bei ein paar Hundert Geimpften nicht auf. Daher wäre die Überlegung für künftige Saisons, ob man bei diesen Anpassungen nicht etwas schneller reagiert, damit uns das Virus nicht ganz so schnell davonlaufen kann.

Als Immunologe beschäftigen Sie sich mit dem Immunsystem, also auch mit Impfungen. Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft der Corona-Impfstoffe?

Watzl: Mich treiben zwei Fragen um: Werden wir es schaffen, Impfstoffe zu entwickeln, die auch einen Schutz vor Infektionen vermitteln? Und: Wird es irgendwann einen variantenunabhängigen Impfstoff geben, wie man es auch schon seit Jahren bei der Grippe versucht. Im ersten Fall werden es wahrscheinlich Vakzine sein, die nicht in den Oberarm gespritzt werden, sondern per Nasenspray oder Inhalation verabreicht werden, also in die Lunge. Hier kann ich mir vorstellen, dass es diese Impfstoffe in ein paar Jahren auf den Markt schaffen. Ein Pan-Corona-Impfstoff ist da herausfordernder. Das steckt noch in den Kinderschuhen.

Bis heute sind in Deutschland mehr als 30 Millionen Corona-Infektionen nachgewiesen worden. Dazu kann man die Dunkelziffer rechnen. Haben wir nicht bald die sogenannte Durchseuchung erreicht?

Watzl: Wenn wir davon ausgehen, dass die Hälfte der Bevölkerung schon mal Kontakt mit dem Virus hatte, führt das natürlich zu einer gewissen Immunität. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Die andere Hälfte der Bevölkerung hatte noch keinen Kontakt zum Virus. Deshalb haben wir auch noch genug Potenzial im Herbst, dass sich viele Menschen anstecken können.

Also haben wir die Durchseuchung noch nicht erreicht?

Watzl: Ich werde mich nicht dazu hinreißen lassen zu sagen: Ab dann wird es ungefährlich. Ich glaube, es wird andersherum sein: Dass wir vielleicht ganz gut durch Herbst und Winter kommen und die Experten dann retrospektiv sagen: Jetzt sind wir in der Endemie.

Wie sieht die Endemie bei Sars-CoV 2 aus?

Watzl: Endemie heißt, Menschen infizieren sich weiter mit dem Virus, aber nicht mehr so viele Menschen erkranken schwer. Es werden auch weiterhin Menschen an dieser Infektion sterben, aber nicht mehr in dem Maße, dass wir mit Lockdowns oder Ähnlichem gegensteuern müssen. Dann wird Corona ein weiteres Lebensrisiko, aber nichts, worauf man als ganze Gesellschaft reagieren muss.

Zur Person

Carsten Watzl ist Immunologe und seit 2013 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. An der Universität Dortmund hat er die Professur für Immunologie inne.

Im Laufe der Corona-Pandemie wurde er zu einem wichtigen Experten, besonders zum Thema Impfungen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Natürlichen Killerzellen, die etwa bei Immunreaktionen gegen Krebs eine Rolle spielen.

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