Der Fall Yasmin Stieler: Ihr Tod ist noch immer nicht gesühnt

Braunschweig.  Die Leiche der 18-jährigen Yasmin Stieler aus Uelzen war 1996 zerstückelt und in unserer Region vergraben worden. Der Mord ist noch nicht aufgeklärt.

Die Peiner Polizei konfrontierte den Täter mit einer Gewissensfrage: „Können Sie damit leben?“ Die Plakate wurden im September 1997, also ein Jahr nach der Tragödie, in mehreren Orten entlang der Bahnstrecke Braunschweig-Hannover aufgehängt.

Die Peiner Polizei konfrontierte den Täter mit einer Gewissensfrage: „Können Sie damit leben?“ Die Plakate wurden im September 1997, also ein Jahr nach der Tragödie, in mehreren Orten entlang der Bahnstrecke Braunschweig-Hannover aufgehängt.

Foto: Archiv

Immer noch rätselhaft, immer noch ungelöst: Der Tod Yasmin Stielers ist auch nach 24 Jahren geheimnisumwittert. Was geschah damals in jener Nacht des 5. Oktober 1996, als sich die 18-jährige Schülerin aus Uelzen mit dem Zug aufmachte, in der Braunschweiger Diskothek Atlantis das Leben zu feiern? Wie kam es dazu, dass ihr Körper dann in Einzelteilen über die Region verstreut verscharrt wurde? Der Torso am Bahndamm in Vechelde im Kreis Peine, der Kopf im Hämelerwald, die Beine in den Ricklinger Teichen bei Hannover. Seit fast einem Vierteljahrhundert wartet Yasmins Mutter auf Antworten. Und auf Gerechtigkeit.

Ein Fall, der in seiner Ungeheuerlichkeit bis heute ins Mark fährt. Wer war das, der die zuvor so lebenslustige junge Frau heimlich verscharrte? Warum konnte ihn die Polizei nicht überführen? Wie kann ein Täter so lange mit diesem Geheimnis und solcher Schuld leben?

Mann findet Torso verpackt in einer Mülltüte

Es ist ein Montagnachmittag im Oktober 1996, als ein Anwohner den Torso der jungen Frau am Bahndamm in Vechelde in einer Mulde entdeckt. Ein schauriger Fund: eingepackt in eine blaue Mülltüte, nur spärlich mit Erde bedeckt. Erst einige Tage später wird die Tote identifiziert werden.

Wer war diese Yasmin Stieler, die da auf so furchtbare Weise ihr Ende fand? Ihre Mutter beschreibt sie damals im Interview mit dieser Zeitung als offen, „viel zu offen“, wie sie betont. Yasmin galt als kontaktfreudig, neugierig, lebensgierig. Ihre Mutter erinnert sich auch an ihren Dickkopf: „Sie wollte immer das letzte Wort haben.“ Es gab jedoch auch eine introvertierte Seite. Mitschüler berichten von Yasmins nachdenklichen Momenten. Und ihrer burschikosen Art. Ein Teenager auf der Suche nach sich selbst.

Die Polizei geht schließlich an die Öffentlichkeit, montiert aus Versatzstücken einiger Fotos ein Bild, wie Yasmin am Abend ihres Verschwindens ausgesehen hat. Auffällig ihr schwarz-weiß-gefleckter Pulli im Kuhfell-Muster.

Mit Spürhunden sucht die Polizei nach den fehlenden Leichenteilen. Wer von dem Fall liest oder hört, dem gefriert das Blut in den Adern. In Vechelde wird gerätselt, ob der Täter aus dem Ort kommt. Eine unerhörte Vorstellung.

Dort geht immer wieder ein Fernsehjournalist um, der intensiv recherchiert für eine große Reportage über den Fall Stieler. Er will einen Film gegen die Untröstlichkeit drehen. Die Polizei lässt den Medienmann sehr dicht an sich und ihre Ermittlungen heran. Vor der Ausstrahlung sagt er uns: „Wenn der Mord in den Köpfen bleibt, dann überlebt Yasmin.“

Mit einem Phantombild fahndet die Polizei plötzlich nach dem mutmaßlichen Täter. Wer hat diesen Mann gesehen? Zwischen 30 und 40 Jahre alt, 1,80 Meter groß, schlank mit sportlicher Figur - und einem auffälligen Leberfleck auf der rechten Wange? Er soll sich mit Yasmin vor dem Atlantis unterhalten haben. Doch die Spur führt ins Leere. So wie viele andere danach.

Es wird ausgiebig spekuliert. Nicht nur in Vechelde, dem Dorf im Schockzustand. War es tatsächlich ein bestialischer Mord? Heimtückisch und aus niederem Beweggrund? Ist da ein Monstrum unterwegs? Oder war es ein tragischer Unglücksfall, der aus Angst vor möglichen Konsequenzen unbedingt vertuscht werden sollte? Dann könnte die Zerstückelung der Leiche aus kaltblütigem Pragmatismus erfolgt sein. Die Polizei muss in alle Richtungen denken.

Die Fundorte der Leichenteile

Yasmins Hände fehlen noch immer

Die Beamten lassen ein Double Yasmins im Atlantis auftreten, um der Erinnerung der Diskothekenbesucher auf die Sprünge zu helfen. Im November 1996 wird die Belohnung zur Ergreifung des Täters auf 20.000 Mark erhöht. Die Mutter appelliert im Fernsehen an den Täter, ihr zu sagen, wo er die übrigen Körperteile ihrer Tochter vergraben hat. Umsonst. Die Hände fehlen bis heute.

Dann Aufruhr in Vechelde: 1300 Männer sollen einen Speicheltest machen. Die Ermittler hatten ein Haar an der Leiche gefunden und hoffen auf einen DNA-Beweis. Eine Aktion, die im Sande verläuft. Wenig später räumt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein, dass das Haar nicht genügend Merkmale liefere, um den Täter eindeutig zu überführen.

Polizei startet Speicheltests und Bürgeraufrufe

War der Massen-Speicheltest nur ein Bluff, um den Täter aus der Reserve zu locken? Durch verfeinerte Untersuchungsmethoden wissen die Ermittler heute, dass die Haare wahrscheinlich von Yasmin selbst stammen. Auch die Fernsehfahndung in „Aktenzeichen: XY… ungelöst“ bleibt am Ende unbefriedigend.

Die Polizei aber lässt nicht locker. Mit einer Plakataktion im September 1997 richtet sie ihre Ansprache direkt an den Täter: „Können Sie damit leben?“ Doch auch dieser öffentliche psychologische Druck führt nicht zum Erfolg.

Schließlich wird auch ein Profiler eingeschaltet. Der kommt zu dem Schluss, dass der Täter ein Durchschnittsmensch sein müsse: unauffällig, integriert, nervenstark. Der Psychologe ist sich sicher: Irgendwann werde der seelische Druck schlicht unerträglich, so dass sich der Täter jemandem anvertrauen werde. Er spekuliert über Verhaltensänderungen des Gesuchten: Möglich, dass er nicht mehr die vertrauten Kneipen aufsuche, bestimmte Stätten meide. Vielleicht habe er sich krankschreiben lassen, nehme unter Umständen Beruhigungstabletten oder habe angefangen zu trinken. Auch die psychologische Einkreisung hat bis heute kein Ergebnis gebracht. Ein frustrierender Fall.

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2008: Ein Verdächtiger wird festgenommen

Dann im September 2008 eine überraschende Verhaftung: Die Polizei nimmt einen Mann aus Vechelde fest. Ein Spaten belastet ihn, an dem Erde vom Fundort haftet. Die Staatsanwaltschaft erhebt am
7. November 2008 Anklage. Der Mann bestreitet die Vorwürfe.

Doch die Indizien sind offenbar zu dürftig. Der Vechelder wird am 2. März 2009 aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Landgericht hat beschlossen, kein Hauptverfahren zu eröffnen. Der Spaten sei für viele Menschen zugänglich gewesen, heißt es unter anderem.

Im März 2009 legt die Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung des Landgerichts Beschwerde ein, kein Verfahren zu eröffnen. Das Oberlandesgericht Braunschweig befindet dann aber endgültig: Bei dem Angeklagten liege kein hinreichender Tatverdacht vor. Es gibt keinen Prozess im Fall Stieler.

Die Fahnder haben damals fieberhaft gearbeitet. Oft bis Mitternacht. Später wird man in Polizeikreisen hinter vorgehaltener Hand jedoch auch munkeln, dass die Ermittler vor allem am Anfang nicht professionell genug vorgegangen seien. Für die Staatsanwaltschaft Braunschweig ist das kein Thema. „Sämtliche in Betracht kommende Spuren sind damals umfassend und sorgfältig ausgewertet worden“, betont eine Sprecherin auf Nachfrage.

Und immer wieder tummeln sich Menschen im Internet, die in Foren über mögliche Tathergänge im Fall Stieler spekulieren. Hobbydetektive, die nicht locker lassen und ihre Freizeit geben, in der Hoffnung, zu schaffen, was den Ermittlern nicht gelang. Ein gewisser „Victor“ zum Beispiel wirft im Gespräch mit unserer Zeitung Fragen auf. Er glaubt zu wissen, wer der Täter ist: ein Mann, der 1999 wegen Mordes verurteilt wurde. Er hat gestanden, eine Rentnerin getötet und zerstückelt zu haben. Victor glaubt, dass Spuren nicht sorgfältig genug nachgegangen worden sei und fragt: „Warum wird in solchen Fällen nicht eine mobile Mordkommission eingerichtet? Warum lässt man Leute ran, die keine Erfahrung haben und die vielleicht mal alle 20 Jahre solch einen Fall auf den Tisch kriegen?“

Und der Gesuchte? Wie mag es dem ergangen sein? Wie hat er mit seiner Schuld weiterleben können? „Häufig lehnen Täter es ab, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen“, erklärt uns eine Psychologin der Technischen Universität. Viele versuchten, die Tat zu verharmlosen oder sich selbst als Opfer der Umstände zu sehen. „Sie reden sich die eigenen Taten oft klein, um damit leben zu können oder sagen sich, dass ihre eigene Bestrafung dem Opfer nun auch nicht mehr helfen könne.“

Die Psychologin verweist auf einen Fall, bei dem sich ein Mörder nach 15 Jahren gestellt hatte. 15 Jahre, die er damit lebte, einen Taxifahrer umgebracht zu haben. Seine Schuld habe ihn fast in den Wahnsinn getrieben, erzählte er einem Journalisten. Die Süddeutsche Zeitung zitierte den Mann mit den Worten: „Mir selbst konnte ich nicht entkommen.“ Seine Strafe seien die 15 Jahre draußen gewesen, nicht die zweieinhalb Jahre im Gefängnis.

Vielleicht wird eines Tages ja auch die Geschichte einer späten Reue im Fall Yasmin Stieler geschrieben. Es wäre wohl nicht nur für die Mutter eine Erlösung. Wenigstens von der Ungewissheit.

Chronologie zum Fall Yasmin Stieler

  • Yasmin Stieler plant am 5. Oktober 1996, einem Samstag, einen Besuch in der Braunschweiger Diskothek Atlantis auf dem Schimmelhof-Gelände an der Hamburger Straße. Gegen 19 Uhr wird sie in ihrer Heimatstadt Uelzen zum letzten Mal gesehen. Ob sie tatsächlich je in Braunschweig angekommen ist, steht nicht zweifelsfrei fest.
  • Am 7. Oktober bemerkt ein Anwohner in der Nähe der Bahngleise am Vechelder Bahnhof eine Grabungsstelle, doch erst am 14. Oktober geht er der Sache auf den Grund und findet den Torso. Eine gentechnische Untersuchung ergibt am 18. Oktober, dass es sich um die Leiche der 18-jährigen Yasmin Stieler handelt.
  • Spaziergänger finden unabhängig voneinander am 26. und 27. Oktober die Beine Yasmins. Sie liegen in einem der Ricklinger Teiche in Hannover.
  • Yasmins Mutter appelliert im Dezember an den Täter, ihr zu sagen, wo die restlichen Körperteile sind. In der Vechelder Albert-Schweitzer-Schule lädt die Polizei am 14. Dezember 1300 Vechelder zum Speicheltest vor.
  • Am 21. März 1997 will Eduard Zimmermann in der Fernsehsendung „Aktenzeichen: XY … ungelöst“ durch Zuschauerhinweise Licht ins Dunkel des Falles bringen.
  • Der Schädel Yasmins wird am 13. Mai 1997 im Hämelerwald gefunden. Ein Junge hatte ihn während einer Mountainbike-Tour entdeckt. Vermutlich hatten Wildschweine den Schädel freigelegt.
  • Am 4. September 2008 verhaftet die Polizei einen Mann aus Vechelde, den ein Spaten mit Erd-Anhaftungen vom Fundort belastet. Die Staatsanwaltschaft erhebt am 7. November 2008 Anklage. Der Mann bestreitet die Vorwürfe. Er wird am 2. März 2009 aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Landgericht hat beschlossen, kein Hauptverfahren zu eröffnen.
  • Im März 2009 legt die Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung des Landgerichts, kein Verfahren zu eröffnen, Beschwerde ein. Das Oberlandesgericht Braunschweig entscheidet endgültig: Bei dem Angeklagten liege kein hinreichender Tatverdacht vor. Es gibt keinen Prozess im Fall Stieler.

„Tatort“: Die große Crime-Serie unserer Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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