Suche nach dem Endlager– Umweltministerin in Schacht Konrad

Berlin  Die Suche nach einem Lager für Atommüll ist eine Mammutaufgabe für die Wissenschaft. Trotz "weißer Landkarte" ist unsere Region in der engen Auswahl.

Zwei Menschen im Atomendlager Schacht Konrad in Salzgitter in einer Waschstraße für Fahrzeuge aus dem späteren Kontrollbereich.

Zwei Menschen im Atomendlager Schacht Konrad in Salzgitter in einer Waschstraße für Fahrzeuge aus dem späteren Kontrollbereich.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Die Luft tausend Meter unter der Erde ist staubig, ein Film aus Ton- und Kalkpartikeln legt sich aufs Gesicht. Das ehemalige Erzbergwerk Konrad im niedersächsischen Salzgitter ist ein unwirtlicher Ort, dunkle Gänge tasten sich kilometerweit in das umliegende Gestein, Sauerstoff muss von außen zugeleitet werden.

Oben fließt ein Fluss, der Stichkanal Salzgitter, unten arbeiten Menschen, um aus dem ehemaligen Bergwerk auf ewig einen sicheren Ort zur Verwahrung von Atommüll zu machen. „Glück auf“, grüßen die Männer.

An diesem Tag ist Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zu Gast unter Tage, um erstmals in ihrer Amtszeit den Ort zu besuchen, der helfen soll, das Kapitel der Atomenergie in Deutschland endgültig zu schließen.

Es gilt das Prinzip der weißen Deutschlandkarte

In Schacht Konrad sollen mehr als ein halbes Jahrhundert nach den ersten Erkundungsmaßnahmen ab dem Jahr 2027 mehr als 300.000 Kubikmeter schwach- bis mittelradioaktiver Abfall eingeschlossen werden.

Darunter Dinge wie ausgediente Werkzeuge, Handschuhe, Putzlappen, Papier – Gegenstände, die einmal in Kontakt mit Radioaktivität gekommen sind und 90 Prozent des Atommülls ausmachen. Eingemauert in eigens dafür erschlossenen Hohlräumen, verfüllt und verschlossen mit einem speziellen Betongemisch, soll der Kontakt zur Außenwelt unmöglich gemacht werden.

Die noch größere Herausforderung im Umgang mit radioaktiven Abfällen steht jedoch noch aus – insbesondere für die Wissenschaft. Denn es geht um die Schaffung eines sicheren Ortes für den Verbleib von hochradioaktivem Abfall, jenem Müll, der hauptsächlich aus der Energiegewinnung in Kernkraftwerken stammt, etwa alte Brennstäbe oder -kugeln, und der derzeit in mehreren Zwischenlagern verteilt ist. Das wohl bekannteste ist das Lager Gorleben.

Bei Suche gilt Prinzip der weißen Landkarte

Im September 2017 hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mit der Suche nach einem geeigneten Ort offiziell begonnen. Dabei gilt das Prinzip der weißen Landkarte: Kein Gebiet ist bislang ausgeschlossen, keins für besonders geeignet befunden worden. Laut dem Standortauswahlgesetz kommen drei sogenannte Wirtsgesteine in Betracht: Kristallin, wie etwa Granit, Steinsalz und Tongestein.

Den Star unter den Wirtsgesteinen gibt es jedoch nicht: „Es wird nach der günstigsten geologischen Gesamtsituation geguckt“, sagt der Geologe Gerhard Enste von der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR). Jedes der potenziellen Wirtsgesteine habe Vor- und Nachteile.

So ist zum Beispiel die Temperaturleitfähigkeit von Steinsalz hoch, Wärme kann also schnell abgeleitet werden. Ein wichtiger Aspekt, denn die hochradioaktiven Abfälle entwickeln im Wirtsgestein Temperaturen von sind bis zu 200 Grad. Man spricht deswegen auch von wärmeentwickelnden Abfällen – im Gegensatz zu den Abfällen mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung, die in Schacht Konrad lagern werden.

Auch ist Steinsalz genauso wie Ton kaum durchlässig, die Abfälle sind also gut von der Umwelt abgekapselt. „Ein Nachteil ist das hohe Lösungsverhalten“, erklärt Enste. Kommt es also wie in der Schachtanlage Asse, in die jeden Tag Tausende Liter Wasser fließen, in Kontakt mit Wasser, können sich die Lagerbedingungen verändern.

16 Konzepte werden derzeit durchgespielt

Es gehe um die Kombination verschiedener Eigenschaften, sagt auch Dr. Jörg Tietze, Bereichsleiter Standortauswahl bei der BGE. Wie ist die Situation über Tage, wie ist das Endlagerbergwerk beschaffen und wie der konkrete Einlagerungsbereich? „Deswegen untersuchen wir nicht nur ein Wirtsgestein, sondern ganze Konzepte“, sagt Tietze.

16 Konzepte würden derzeit „belastet“, also alle erdenklichen Szenarien durchgespielt. Dazu werden mögliche künftige Ereignisse aufgelistet und die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens. Etwa die Frage, ob es in einer Region schon einmal Vulkanismus gegeben hat oder ob es zu einer Eiszeit kommen könnte.

„In Deutschland ist eine Eiszeit zum Beispiel nicht unwahrscheinlich“, sagt der Geologe. Das müsse man bei der Standortbestimmung einplanen, weil sich die geologischen Gegebenheiten verändern können. Die Wahrscheinlichkeitsrechnungen reichen weit in die Zukunft. Für eine Million Jahre soll der nukleare Abfall unzugänglich für kommende Generationen verwahrt werden.

Auch Faktor Mensch wird in Vorhaben einbezogen

Bis die Radioaktivität so schwach ist, dass sie Mensch und Tier nur noch möglichst wenig schaden kann. „Wir reden hier natürlich nur über Prognosen, nicht über reale Zustände in einer Million Jahren“, sagt Tietze. Wissenschaftler müssen aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen.

Dabei ist für die Zukunft nicht nur die Geologie von Bedeutung. Auch der Faktor Mensch wird seit einigen Jahren in Forschungsvorhaben einbezogen. Dabei geht es etwa um die Frage, wie das Wissen um die Gefährlichkeit an künftige Generationen lückenlos weitergegeben werden kann und mit welchen Symbolen ein Endlager gekennzeichnet wird.

„Ein Endlager sollte zum Beispiel nicht an einem Ort gebaut werden, der irgendwann einmal als Rohstoffquelle dienen könnte“, sagt Tietze. Menschen könnten sonst ohne es zu ahnen auf den gefährlichen Müll treffen.

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