Terrorismus

US-Raketen mit Klingen: So wurde der Al-Kaida-Chef getötet

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Al-Kaida-Chef al-Sawahiri bei US-Drohnenangriff getötet

Al-Kaida-Chef al-Sawahiri bei US-Drohnenangriff getötet

Er war einer der Drahtzieher von 9/11 und einer der meistgesuchten Terroristen der Welt: Die USA haben bei einem Drohnenangriff in der afghanischen Hauptstadt Kabul Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri getötet.

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Kabul/Berlin.  Aiman al-Sawahiri war der Nachfolger von Osama bin Laden. Nun wurde er von US-Drohnen in Kabul getötet. Was bedeutet das für die Welt?

Es geschah mitten in Kabul. Am Sonntagmorgen um 6.18 Uhr Ortszeit flogen zwei Raketen, die von einer US-Drohne abgefeuert wurden, auf ein Haus im wohlhabenden Stadtteil Scherpur. Sie töteten Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri, der sich gerade auf dem Balkon des Wohngebäudes aufhielt. Dabei handelte es sich um Hellfire-Raketen vom Typ R9X.

Die Geschosse explodieren nicht beim Einschlag, sondern fahren messerähnliche Klingen aus und zerfetzen ihr Ziel. Menschen in der Nähe bleiben unversehrt. Die in Anlehnung an eine populäre Küchenmesser-Marke „Flying Ginsu“ genannten Flugkörper hatten die USA zuvor schon vereinzelt eingesetzt, um andere dschihadistische Anführer zu töten.

Früher befanden sich Dutzende Botschaften aus westlichen Ländern in dem belebten Viertel, heute wohnen hier einige hochrangige Taliban-Mitglieder. Al-Sawahiri stand seit der Tötung des Al-Kaida-Führers durch ein amerikanisches Einsatzkommando 2011 an der Spitze des weltweiten Terrornetzwerks. Der 71-Jährige war einer der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 und einer der meistgesuchten Terroristen der Welt.

Biden droht Terroristen: „Die USA werden dich finden und ausschalten“

US-Präsident Joe Biden sagte in einer Fernsehansprache am Montagabend, der erfolgreiche Einsatz sei ein klares Signal an jeden Feind der USA: „Egal, wie lange es dauert, egal, wo du dich versteckst: Wenn du eine Bedrohung für unsere Bevölkerung bist, werden die USA dich finden und ausschalten.“

Zugleich hoffe er, dass al-Sawahiris Tötung den Angehörigen der Opfer von 9/11 helfen werde, Frieden zu finden. „Wir werden niemals wieder erlauben, dass Afghanistan ein sicherer Hafen für Terroristen wird“, fügte Biden hinzu.

Al-Sawahiris Frau, seine Tochter und Enkelkinder zogen in ein Haus mitten in Kabul

Al-Sawahiri, der nach Angaben von US-Sicherheitskreisen lange Zeit in Pakistan gelebt hatte, muss sich ziemlich sicher gefühlt haben. Amerikanische Geheimdienste erfuhren vor Monaten, dass al-Sawahiris Frau, seine Tochter und Enkelkinder in ein Haus in Kabul gezogen seien.

Die US-Kräfte überwachten das Gebäude und versuchten, sich ein Bild von den Lebensgewohnheiten des Al-Kaida-Chefs zu machen. Angeblich war der letzte Mieter des Hauses ein enger Berater des afghanischen Ex-Präsidenten Ashraf Ghani.

Der „Terror-Doktor“ wurde nach der Ermordung Sadats der Verschwörung angeklagt

Al-Sawahiri war auf früheren Fotos oft neben Osama bin Laden zu sehen, mit grauem Bart und finsterem Gesichtsausdruck. Er wurde in Ägypten geboren und arbeitete zunächst als Arzt. Im Zusammenhang mit der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat 1981 wurde al-Sawahiri der Verschwörung angeklagt. Später verschmolz er seine islamistische Organisation, den Ägyptischen Islamischen Dschihad, mit bin Ladens Al Kaida. Bald war er unter dem Spitznamen „Terror-Doktor“ bekannt.

Die radikalislamischen Taliban, die vor knapp einem Jahr die Macht in Kabul übernommen hatten, verurteilten den US-Angriff. „Es ist ein Akt gegen die Interessen Afghanistans und der Region“, hieß es in einem Statement. Die Taliban hatten sich in dem unter US-Präsident Donald Trump ausgehandelten Abkommen von Doha 2020 verpflichtet, die Beziehungen zu Al Kaida zu kappen.

Untergruppe der Taliban wusste von al-Sawahiris Aufenthalt in Kabul

Dass sich al-Sawahiri relativ unbehelligt in der afghanischen Hauptstadt bewegen konnte, dürfte nicht ohne das Mitwissen der Taliban geschehen sein. Nach US-Angaben wussten führende Vertreter des Hakkani-Netzwerks, einer durch ihre brutalen Anschläge gefürchtete Untergruppe der Taliban, von al-Sawahiris Aufenthalt in Kabul. Ihr Chef Siradschuddin Hakkani ist heute Innenminister in Afghanistan.

Anders als der charismatische bin Laden galt al-Sawahiri eher als analytischer Kopf von Al Kaida. Seine Botschaften waren vom Hass gegen Amerika und den Westen getragen. Seitdem die Taliban am 15. August 2021 in Kabul die Herrschaft übernahmen, fand das Terrornetzwerk einen „vergrößerten Handlungsspielraum“ in Afghanistan, warnte bereits im Frühjahr ein UN-Bericht. Im Mai veröffentlichte al-Sawahiri ein Video, in dem zum Heiligen Kriege in Kaschmir aufforderte, dem Gebiet zwischen Indien, Pakistan und China.

Al-Kaida-Chef galt als Identifikationsfigur des islamistischen Terrornetzwerks

Der Al-Kaida-Führer galt weltweit als Identifikationsfigur seines islamistischen Netzwerks. Allerdings begriffen sich die Al-Kaida-Ableger zwischen Syrien, Westafrika, dem Jemen, Somalia bis hin nach Pakistan zunehmend als autonome Gruppierungen.

Die Frage ist nun, wie sich Al Kaida nach dem Tod al-Sawahiris neu positioniert. „Seine Erben stehen nun vor der Herausforderung, Nachwuchs anzulocken und das Netzwerk zu vergrößern“, erklärte Colin Clarke von der Beratungsfirma Soufan Group in New York. „Wenn sich die regionalen Ableger nicht auf einen neuen Führer einigen können, kann es Risse oder Abspaltungen geben.“

Terrormiliz IS hat Al Kaida mit Blick auf weltweiten Dschihad abgelöst

In Afghanistan spielt bereits heute die Terrormiliz eine bedeutendere Rolle als Al Kaida. Der IS ist nicht nur mit den Taliban, sondern auch mit Al Kaida verfeindet. Mit Blick auf den weltweiten Dschihad hat der IS bereits vor Jahren Al Kaida abgelöst und stellt in vielen Ländern die große Gefahr dar.

Auch in Afghanistan finden weiterhin regelmäßig IS-Anschläge statt. Die Tötung al-Sawaharis werden die IS-Extremisten für sich zu instrumentalisieren wissen. Ihr Propaganda-Trick: Die Taliban hätten mit den verhassten Amerikanern das Abkommen von Doha geschlossen und gälten daher als Verräter. Die wahren Islamisten im Kampf gegen die „Ungläubigen“ befänden sich auf der Seite des IS.

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