Saporischschja

Behörde um Betrieb des Atomkraftwerks Saporischschja besorgt

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Drei weitere Schiffe mit Getreide legen in der Ukraine ab

Drei weitere Schiffe mit Getreide legen in der Ukraine ab

Drei weitere Schiffe mit tausenden Tonnen Mais an Bord haben ukrainische Häfen verlassen. Als erstes Schiff hatte der Frachter "Razoni" am Montag in Odessa abgelegt.

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Berlin  Saporischschja steht unter Beschuss. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig verantwortlich – und die IAEA warnt deutlich.

Im Zuge der Kampfhandlungen um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja ist nach Kenntnis des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) bislang keine radioaktive Strahlung herausgedrungen oder nach Deutschland gelangt. „Es liegen keine Hinweise vor, dass in der Ukraine radioaktive Stoffe freigesetzt worden sein könnten“, erklärte das Bundesamt gegenüber dieser Redaktion. Laut BfS bewegten sich alle vorliegenden radiologischen Messwerte „im normalen Bereich“.

„Das BfS sieht keine akute Gefahr einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen, teilt aber die Sorge um einen dauerhaft sicheren Betrieb des AKW Saporischschja“, so das Bundesamt. In Deutschland misst das Bundesamt für Strahlenschutz routinemäßig die natürliche Strahlenbelastung. „Würde der gemessene Radioaktivitätspegel an zwei benachbarten Messstellen einen bestimmten Schwellenwert überschreiten, würde automatisch eine Meldung ausgelöst.“

Atomkraftwerk Saporischschja: Ein Reaktor abgeschaltet

Für den Fall, dass radioaktive Stoffe infolge einer Freisetzung in einem ukrainischen Kernkraftwerk nach Deutschland gelangen würden, „würden sich die Notfallmaßnahmen voraussichtlich auf die Landwirtschaft und die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte beschränken“, berichtet das Bundesamt. Nach den Berechnungen des BfS sei „nicht zu erwarten, dass weitergehende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung notwendig wären“.

Entscheidend für die Verbreitung radioaktiver Stoffe sei die Wetterlage. Laut BfS bewegten sich aus der Ukraine „in der Vergangenheit nur an etwa 60 Tagen im Jahr die Luftmassen nach Deutschland – also in 17 Prozent der Wetterlagen“.

Das größte Atomkraftwerk Europas stand zuvor unter Beschuss. Mehrfach haben sich die Ukraine und Russland am Wochenende vorgeworfen, Raketen- und Luftangriffe auf das AKW Saporischschja ausgeführt zu haben. Einer der Atomreaktoren wurde heruntergefahren – und die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) warnt eindringlich vor der "sehr realen Gefahr einer nuklearen Katastrophe".

In der Nacht zu Sonntag soll russischen Angaben zufolge eine von der Ukraine abgefeuerte Rakete auf dem AKW-Gelände eingeschlagen sein. Das meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf die Besatzungsverwaltung der Stadt Enerhodar, in der das Kraftwerk liegt. Die ukrainische Seite hingegen behauptet, Russland selbst habe Saporischschja angegriffen. Unabhängig überprüfbar ist weder die eine, noch die andere Angabe.

Bei dem jüngsten Angriff ist den Angaben zufolge ein Lager für abgebrannten Kernbrennstoff getroffen worden. Außerdem seien Senoren zur Strahlungsmessung beschädigt worden. Die ukrainische Atombehörde Enerhoatom berichtete zudem, dass sich kurz vor dem Einschlag der Rakete Hunderte russische Besatzer in einen Bunker auf dem Gelände geflüchtet hätten.

Zuletzt hatten sich beide Seiten am Freitag gegenseitig vorgeworfen, Saporischschja beschossen zu haben. Dabei soll ukrainischen Angaben zufolge eine Stickstoffanlage un ein Hilfskorpus des Kraftwerks beschädigt worden sein. Enerhoatom berichtete, es bestehe das Risiko, dass Wasserstoff austrete und sich Radioaktivität verteile. Das ukrainische Kraftwerkspersonal versuche, auch unter diesen Bedingungen den sicheren Betrieb der Anlage zu gewährleisten.

Der Beschuss am Freitag hatte zu Bränden auf der Anlage geführt. Diese konnten gelöscht werden, einer der Reaktorblöcke musste aber abgeschaltet werden. Zeitweise fiel die Energieversorgung der Stadt Enerhodar aus. Moskau beschuldigte Kiew, selbst für den Angriff verantwortlich zu sein.

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Europas größtes Atomkraftwerk: Russland nutzt Anlage als Schutzschild

Das kremlkritische Portal "The Insider" berichtete unterdessen, die russische Armee vermine das Kraftwerk. Auf einem Video, das zu Wochenbeginn gedreht worden sein soll, sind russische Militärlaster zu sehen, die auf das Fabrikgelände fahren und dort Güter abladen. Einer der Lkws fährt dabei in den Maschinenraum der Anlage. Dem Bericht zufolge wurden entweder im Kraftwerk oder auf dem umliegenden Gelände Minen ausgelegt.

Die russische Armee nutzt Saporischschja seit Wochen als Schutzschild für Artillerie und Munitionsdepots. Vor Angriffen geschützt, beschießt die Armee vom Gelände aus die ukrainische Seite.

EU-Außenbeauftrager Josep Borell verurteilte die militärischen Aktivitäten Russlands in dem Atomkraftwerk. "Das ist eine ernste und unverantwortliche Verletzung der Regeln zur nuklearen Sicherheit und ein weiteres Beispiel für Russlands Missachtung internationaler Regeln", twitterte Borell am Samstag.

Atomkraftwerk in der Ukraine: IAEA fordert Stopp der Angriffe

Die Internationale Atomenergiebehörde warnte in einer Stellungnahme vor der Bedrohung für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt in der Ukraine und darüber hinaus. Die Reaktoren seien bislang aber unversehrt, Radioaktivität sei keine ausgetreten. Dennoch gefährdeten die Angriffe fast alle der sieben Säulen nuklearer Sicherheit. "Das hat aufzuhören, und zwar sofort", sagte IAEA-Chef Rafael Grossi. "Jeder Beschuss auf oder von der Einrichtung ist ein Spiel mit dem Feuer, mit möglicherweise katastrophalen Folgen."

Zu den verletzten Säulen zählen etwa die physische Integrität des Kraftwerks, die Funktionstüchtigkeit der Sicherheitssysteme, die Stromversorgung und die Sicherheit des Personals.

Grossi forderte zudem, dass der IAEA Zugang zu dem Gelände gewährt werden müsse. Der Besuch eines IAEA-Teams vor Ort würde helfen, die nukleare Sicherheit zu stabilisieren und unabhängige Informationen über den Zustand des AKWs zu liefern. Er forderte die Ukraine und Russland auf, endlich gemeinsam einen solchen IAEA-Einsatz möglich zu machen.

Die ukrainische Seite lehnt dies bislang mit der Begründung ab, eine solche Inspektion könnte die russische Besatzung des Gebiets zusätzlich legitimieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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