Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg: Russland angezählt - "Putin ist gescheitert"

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Russischer Verteidigungsminister sieht "keinen Grund" für Atomwaffen-Einsatz

Russischer Verteidigungsminister sieht "keinen Grund" für Atomwaffen-Einsatz

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu sieht keinen Grund für den Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine. Moskau werde auch so seine Ziele erreichen, sagte Schoigu.

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Berlin   Viele Experten trauen Russland einen Sieg im Ukraine-Krieg nicht zu. Der Politologe Joachim Krause sagt Putins nächsten Schritt voraus.

Zeichnet sich im Ukraine-Krieg ein Wendepunkt ab? Der Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, Joachim Krause, traut dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine neue Strategie zu: ein Verhandlungsangebot. Ernst gemeint oder nur eine Kriegslist?

Herr Professor Krause, rechnen Sie damit, dass Russland bald Verhandlungen anbieten wird?

Krause: Ich halte es zumindest für eine reale Möglichkeit. Russland ist erschöpft und wird diesen Krieg nicht mehr lange durchhalten können. Es wäre im russischen Interesse, jetzt einen Verhandlungsfrieden anzubieten. Oder sagen wir besser: einen Waffenstillstand.

Mit welcher Absicht?

Krause: Um sich militärisch zu sammeln und wieder aufzurüsten. Nach einigen Jahren wird Russland wieder die Fähigkeit besitzen, die Ukraine erneut anzugreifen.

Ein hinterhältiger Frieden?

Krause: Es wäre nicht das erste Mal, dass Putin glaubt, er könne uns über den Tisch ziehen. Bislang hatte er damit Erfolg.

Warum sollte die Ukraine den längeren Atem haben?

Krause: Das habe ich nicht gesagt. Wir wissen zu wenig darüber, wozu die Ukraine noch fähig ist. Aber ich komme zum Schluss, dass den Russen die Luft ausgeht und die Ukraine nicht vor dem Kollaps steht.

Woran machen Sie das fest?

Krause: An den Verlusten sowohl beim Material als insbesondere bei den Soldaten. Die Ukraine hat mehr Soldaten auf dem Schlachtfeld als Russland. Putin hat Probleme, genug Freiwillige zu finden. Er scheut eine Generalmobilmachung. Das ist offensichtlich innenpolitisch riskant. Und die Ukraine hat die westliche Welt hinter sich, während die russische Invasionsfähigkeit verschlissen ist.

Ist Russland Opfer seiner eigenen Propaganda? Es kann schlecht mobilmachen, wo es doch keinen Krieg führt, sondern nur eine „militärische Spezialoperation“?

Krause: So würde ich das nicht formulieren. Die Formulierung der Spezialoperation weist darauf hin, dass Putin ein innenpolitisches Risiko wahrnimmt. Er wandelt auf dünnem Eis und weiß, dass eine Vollmobilisierung möglicherweise eine Dynamik auslöst, die er nicht mehr kontrollieren kann. Die russischen Streitkräfte sind weitgehend eine Berufsarmee, und die ist ziemlich ausgedünnt. Von anfangs 200.000 Soldaten sind mehr als 80.000 getötet, verwundet, desertiert oder gefangen genommen worden. Das sind für Putin unangenehme Nachrichten. Für ihn gibt es keine Aussicht mehr, dass dieser Krieg mit einem Sieg zu seinen Bedingungen endet. Die Ukraine ist im Vergleich ein wenig besser dran und wir können ihre Ausgangsbedingungen noch mehr verbessern. Die Ukraine muss nur verhindern, dass Putin den Krieg gewinnt. Man merkt von Woche zu Woche, wie die Optionen der Russen geringer werden.

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Greifen die westlichen Maßnahmen, die Sanktionen ebenso wie die Waffenlieferungen?

Krause: Die russische Stahl-, Rüstungs-, Automobil- und Flugzeugproduktion stockt. Teilweise steht sie still. Das sind klare Anzeichen der Wirkungskraft der Sanktionen. Wenn ich Putin wäre, würde ich versuchen, aus einer Situation herauszukommen, die von Tag zu Tag schwieriger wird.

Trauen Sie der Ukraine zu, den Donbass zurückzuerobern?

Krause: Eher nicht. Ich sehe noch nicht die große Gegenoffensive. Dazu müsste das russische Militär regelrecht kollabieren. Ich traue den Ukrainern eher Geländegewinne im Süden in der Region Cherson zu – um die Russen bis östlich des Dnipro zurückzudrängen.

Welche Sicherheiten braucht die Ukraine?

Krause: Rüstungskontrollen auf russischer Seite, die eine erneute Invasion verunmöglichen oder alternativ eine Schutzgarantie der USA, noch besser: einen Nato-Beitritt. Letzteres wäre am sinnvollsten, für Putin das Unangenehmste.

Und wenn er „Njet“ sagt? Droht Europa eine harte Demarkationslinie wie zwischen Nord- und Südkorea?

Krause: Das kann durchaus sein, aber zumindest die Ukraine hätte dann die Chance auf einen Wiederaufbau, der nicht durch Russland zerstört werden wird.

Hat er speziell Deutschland im Blick?

Krause: Für Putin ist die Rolle Deutschlands entscheidend. Wenn die Bundesregierung die Ukraine zu einem Waffenstillstand zu Putins Bedingungen drängt, wäre in Putins Augen viel gewonnen.

Der französische Präsident Macron hat davor gewarnt, Russland zu demütigen. Ist es die falsche Haltung?

Krause: Das ist die absolut falsche Haltung. Putin hat sich diesen Schlamassel selber eingebrockt und wenn wir ihm jetzt in guter Absicht Brücken bauen, dann geschieht das gleiche wie 2014 im Rahmen der Minsk-Vereinbarungen: dann helfen wir Putin nur, seine territorialen Gewinne abzusichern. Nein: Putin ist gescheitert und das sollten wir ihn spüren lassen. Das gibt uns Verhandlungsmasse. Ein Ende der Sanktionen darf nur dann erfolgen, wenn sich Putin aus der ganzen Ukraine zurückzieht und der Ukraine kein weiterer Krieg droht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.morgenpost.de

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