Olympia-Attentat

Münchner Attentat: Familie kämpft weiterhin um Entschädigung

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Israelischer Zeitzeuge: Attentat in München 1972 bleibt unvergessen

Israelischer Zeitzeuge: Attentat in München 1972 bleibt unvergessen

In diesem Jahr jähren sich die letzten Olympischen Spiele in Deutschland zum 50. Mal, das Attentat auf das israelische Team in München bleibt unvergessen: "Wenn man in Israel über München '72 spricht, werden alle ernst", erzählt Ittai Tamari, der damals als 16-Jähriger mit seinem Vater bei den Spielen war und sofort die Flucht ergriff.

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Jerusalem.  Der Mann von Ankie Spitzer wurde beim Olympia-Attentat in München 1972 erschossen. Seitdem kämpft sie für eine angemessene Entschädigung.

"Meine Kinder mussten viel in Kauf nehmen", sagt Ankie Spitzer. "Anstatt mein Geld für sie zu verwenden, habe ich es in all diese Behördengänge gesteckt. Anstatt meine Zeit mit den Kindern zu verbringen, war ich unterwegs, um die Wahrheit über den Tod meines Mannes herauszufinden."

Die 66-jährige Israelin mit holländischen Wurzeln hat in jungen Jahren einen Wettkämpfer geheiratet, aber eine Kämpferin ist sie auch selbst. Seit 50 Jahren läuft sie gegen die Windmühlen der deutschen Bürokratie an, um zu erfahren, was am 5. und 6. September 1972 bei den Olympischen Spielen in München schiefgelaufen ist. Und ob ihr Mann Andre Spitzer, Trainer des israelischen Fecht-Teams, vielleicht noch am Leben wäre, hätte Deutschland die Terrorgefahr ernst genommen.

Olympia-Attentar: Palästinenser nahmen elf Israelis als Geiseln

Die Vorgeschichte: Die waren seit ein paar Tagen im Gange, als gegen vier Uhr morgens am 5. September 1972 acht bewaffnete palästinensische Terroristen über ein Tor des Olympischen Dorfs kletterten und ins Haus des israelischen Athleten-Teams eindrangen.

Sie nahmen elf Israelis als Geiseln. Zwei Geiseln wurden schon zu Beginn erschossen. Die acht Palästinenser verlangten von Israel die Freilassung von palästinensischen Terroristen sowie von Deutschland die Freilassung der RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

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Panzerwagen kamen zu spät, weil sie im Stau feststeckten

Trauriger Höhepunkt des Terroranschlags war eine völlig dilettantische Befreiungsaktion am späten Abend. Acht Terroristen und neun Geiseln wurden in zwei Hubschraubern zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck geflogen. Eine dort bereitgestellte Boeing sollte sie nach Kairo bringen. Als Besatzungsmitglieder verkleidete Polizisten brachen den Einsatz ab, weil sie diesen wegen ihrer schlechten Ausrüstung als aussichtslos erachteten.

Viel zu spät trafen die angeforderten Panzerwagen ein, weil sie im Stau feststeckten. Ein Terrorist schoss auf die im Hubschrauber gefesselten Geiseln. Ein anderer warf eine Handgranate in den zweiten Helikopter. Bei dem anschließenden Feuergefecht kamen alle anderen Sportler, drei Terroristen und ein deutscher Polizist ums Leben.

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Israles bot Anti-Terror-Einheit - Deutschland lehnt ab

Die deutsche Botschaft in Beirut hatte schon im Vorfeld ganz konkrete Warnhinweise geliefert, dass es ein palästinensisches Terror-Attentat auf das Olympische Dorf geben könnte. Doch die bayerische Polizei unternahm nichts. Israel hatte München um Polizeischutz für das Athleten-Team gebeten, doch auch das wurde verweigert.

Selbst, als die Geiselnahme schon im Gange war, lehnte Deutschland das Angebot Israels, eine auf komplexe Terroreinsätze spezialisierte Elite-Einheit nach München zu schicken, ab. Stattdessen schickte man junge Verkehrspolizisten ins Gefecht, die erst ein paar Monate im Polizeidienst standen.

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Angehörige der Terroropfer verlangen angemessene Entschädigung

Bis heute hat sich Deutschland nie bei den Familien entschuldigt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte das ändern. Am 5. August wurden die Familien der israelischen Athleten zu einer Gedenkfeier am 5. September nach München eingeladen. Doch die Angehörigen sagten ihre Teilnahme ab.

"Ich respektiere Präsident Steinmeier sehr", betont Spitzer. Sie und die anderen Angehörigen verlangen aber eine angemessene Entschädigung. International üblich wären mehrere Millionen Euro pro Hinterbliebenen. Deutschland hatte den Angehörigen der Münchener Terroropfer aber nicht einmal 200.000 Euro pro Kopf angeboten. "Das ist entwürdigend", kritisiert Spitzer, die in den vergangenen 50 Jahren hohe Summen für Anwaltskosten, Telefonate und Flugtickets ausgegeben hat.

Ankie Spitzer: "20 Jahre lang logen die Beamten mich an"

Zwischen 70 und 100 Mal sei sie in den vergangenen 50 Jahren nach Deutschland geflogen, um das Münchener Massaker aufzuklären, so Spitzer – eine Aufgabe, die eigentlich die Behörden in Deutschland übernehmen sollten.

Doch die halfen Spitzer nicht bei ihrem Bemühen, Obduktionsberichte und ballistische Analysen zu finden. „20 Jahre lang logen die Beamten mich an und sagten, in den Archiven gäbe es nichts. Ich entgegnete darauf nur: Ich bin Holländerin und ich weiß, dass die Deutschen alles bis ins kleinste Detail dokumentieren.”

So war es auch. Es ist der Zivilcourage eines Deutschen und Spitzers Hartnäckigkeit zu verdanken, dass die Welt heute mehr über die Tragödie von 1972 weiß. Anfang der 1990er-Jahre rief ein Mitarbeiter des Deutschen Staatsarchivs bei Spitzer an. „Er sagte, er könne es nicht länger ertragen, dass die Behörden mich anlügen.”

Ankie Spitzer: "Ihr Deutsche habt nichts getan, den Terror zu verhindern"

Der Mann übermittelte Spitzer einen Teil des umfangreichen Archivmaterials zum Münchner Attentat. Als die bayerische Justizministerin vor laufenden Kameras im Beisein Ankie Spitzers erneut behauptete, in den Archiven gebe es nichts, begann Spitzer aus den Akten zu zitieren. Die Vertuschungsstrategie der Behörden kam ans Licht.

Erst 2002 überwies die Bundesrepublik drei Millionen Euro als humanitäre Geste an die Angehörigen, zusätzlich zu der einen Million, die das Deutsche Rote Kreuz bereits 1972 überwiesen hatte. Eine offizielle Entschädigung gab es nie.

"Ich weiß, dass nicht die Deutschen die Männer umgebracht haben, sondern die Palästinenser", sagt Spitzer. "Aber ihr Deutsche habt nichts getan, um es zu verhindern, nichts, um unsere Männer zu schützen, und nichts, um euch bei der Befreiungsaktion professionelle Hilfe zu holen." Nun solle man wenigstens in Geld ausdrücken, dass Deutschland es mit der Reue ernst meine. Doch Spitzer gibt nicht auf. Sie hat bereits andere Pläne. "Es gibt viele Optionen, weiterzukämpfen."

Dieser Text erschien zuerst auf morgenpost.de

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