Häusliche Gewalt

"Ich war schockiert, was ich meiner Frau angetan habe"

| Lesedauer: 15 Minuten
Mehr häusliche Gewalt gegen Frauen im Lockdown

Mehr häusliche Gewalt gegen Frauen im Lockdown

Die Zahl der Hilfegesuche von Frauen wegen häuslicher Gewalt ist in der Coronavirus-Pandemie stark gestiegen. Alle 20 Minuten geht ein Anruf mit der Bitte um Hilfe beim Hilfetelefon ein.

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Bad Kreuznach.  Ausstieg aus der häuslichen Gewalt: Adrian, Matthias und Marco erzählen von der Eskalation – und wie ihnen ein Täter-Verein hilft.

Adrian steht vor einer Reihe mit Stühlen. Auf jedem Stuhl sitzt ein Mensch. Dann schreitet Adrian die Reihe ab, Stuhl für Stuhl. Er soll erzählen, wie die Gewalttaten abliefen, seine Schläge ins Gesicht, die Schläge gegen die Nase, auf die Lippe, das Schubsen und Hauen, jedes Detail, an das er sich erinnert. Jedes Mal wieder.

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Es sind sieben Stühle, vielleicht acht. Und immer reagiert das Opfer seiner Tat mit Worten. "Hör auf!", schreit es Adrian entgegen. "Lass das!", ruft ein anderer ihm ins Gesicht. Dann weiter zum nächsten Stuhl, zur nächsten Gewalttat. Zwei Stunden dauert die Übung. Am Ende schreien alle auf den Stühlen gemeinsam Adrian an.

Männer sollen die Tat rekonstruieren und Betroffenen-Perspektive sehen

"Das war heftig", sagt Adrian. Und es dauert auch an diesem Nachmittag eine Zeit, bis er davon erzählen kann. Bis das Verdrängen der Gewalt den Worten weicht. "Ich habe sie komplett vermöbelt." Seine Ex-Frau.

Die Übung mit den Stühlen ist ein Weg, wie ein Gewalttäter seine Taten rekonstruieren kann. Wie er noch einmal erleben kann, was er getan hat. Wie sein Opfer sich fühlt. Adrian sagt, er sei in den Momenten der Gewalt so betrunken gewesen, so in Wut, dass er "nichts mehr wahrnehmen" konnte. Vor den Stühlen aber gibt es keine Flucht in den Alkohol. Die Menschen sitzen vor Adrian.

Mehrfach kam die Polizei, seine Frau musste aufgrund der Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Und die Beziehung ging trotzdem weiter, bis heute sind sie verheiratet, aber sie leben getrennt.

Täterarbeit hilft auch bei einem Notfallplan für Situationen, in denen es hochkocht

Die Stühle stehen in den Räumen von Julia Reinhardt. Sie leitet den Verein "Opfer- und Täterhilfe e.V." in Bad Kreuznach bei Mainz. Seit 15 Jahren hilft sie Tätern, die sagen, dass sie nicht mehr Täter sein wollen. Die raus wollen aus der Spirale der Eskalation. Oder zumindest einen Notfallplan haben möchten, wenn Situationen hochkochen. Und sei es nur, mit dem Hund spazieren zu gehen, wenn die Wut wieder wächst. Menschen, die einen Neuanfang suchen. So wie Adrian.

Er sitzt an diesem Novembertag nicht vor der Stuhlreihe. Adrian berichtet nur davon. Die Übung war Teil der Gruppenarbeit in Reinhardts Verein, zu der Adrian Woche für Woche kam. Viele Monate lang. Er ist 56, Adrian hat Kommunikationsdesign studiert. Und eigentlich heißt er anders. Denn niemand möchte gern als in der Zeitung stehen, nicht mal als "Ex"-Gewalttäter.

Im Tausch für seine Anonymität erzählt Adrian aus seinem Leben. Und er beginnt bei seiner Frau, die er 1999 kennengelernt hat. Viele Jahre wohnen sie getrennt, aber dann ziehen sie zusammen, bauen an, renovieren ein Haus. Nur für die Nachbarn sieht es nach Zukunft aus – in einer Beziehung, in der schon längst Streit, Stress und Frust herrschen.

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In der Zeit, sagt Adrian, sei er "mental und körperlich" erschöpft gewesen. Seine Frau habe nichts gemacht, er dagegen alles: Hausplanung vorbereiten, Handwerker bestellen, Bankgeschäfte. Und wenn seine Frau doch etwas gemacht habe, dann vor allem Unordnung und Stänkerei. Und sie trank. Viel. So jedenfalls erzählt es Adrian heute. An diesem Tag gibt es nur seine Sicht, die Sicht des Mannes.

"Ich merke, wie ich wieder anfange zu verdrängen"

Und irgendwann trank auch er viel, sei manchmal tagelang besoffen gewesen. Mit dem Alkohol kamen die Schläge. Adrian nennt nicht jedes Detail dieser Beziehung, die offenbar mehr Konflikt als Liebe war. Man erahnt das Entgleiten, die Eskalation, die irgendwann nicht mehr schleichend war, sondern rasant. Und Adrians Gewalt heftig, die Verletzungen der Frau schwer. An diesem Tag aber redet Adrian erst einmal nicht über sich, seine Gewalt, sondern über seine Frau, die ihn so in Rage gebracht habe, all die Jahre. Noch heute schaffe sie das. Er will erstmal eine rauchen.

Es ist ein schmaler Grat von der Erklärung der Gewalt zur Entschuldigung der Gewalt. Und ein weiter Weg von der Ausrede zur Einsicht. Das weiß Kriminologin Reinhardt. Das wissen die Menschen, die schon einige Zeit bei ihr gesessen haben. "Ich merke, wie ich wieder anfange zu verdrängen", sagt Adrian, als er seine Geschichte erzählt. Als er sich in Rage redet.

Bereut er die Tat? "Ja, auf jeden Fall."“ Nach seinem letzten Gewaltausbruch hätten sie ihm Fotos seiner Frau aus dem Krankenhaus gezeigt. Das blutige Gesicht, die geschwollenen Augen. "Ich war schockiert, was ich meiner Frau angetan habe", sagt Adrian. Und er sagt, wäre es früher zum Prozess gekommen, vielleicht zur Haft, "mir hätte es geholfen". Anzeigen aber wurden eingestellt. Adrian sagt, weil seine Frau keine Aussage gemacht habe. Weil sie in der Beziehung blieb.

Bei der Gruppenarbeit sollen sich die Täter nicht nur "ausweinen"

Julia Reinhardt hat eine Zeit lang im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses gearbeitet. Mehrfach-Totschläger saßen in den Zellen. Reinhardt ist Kriminologin, an ihrer Wand im Büro hängen Urkunden und Zertifikate. Sie ist eine der renommiertesten deutschen Täterarbeiterinnen.

Im Alltag häuslicher Gewalt in Deutschland, geprägt von Polizeieinsätzen, Prozessen und Gefängnisstrafen, bestreitet sie nur eine Nische. "Täterarbeit hat keine Lobby, sondern vor allem viele Vorurteile", sagt sie. "Als würden wir hier die Täter nur einladen, sich bei uns auszuweinen."

Täter sind "für ihr gewalttätiges Verhalten zu 100 Prozent verantwortlich", heißt es in den Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt. Und jeder Täter treffe eine Entscheidung: für das Ausüben der Gewalt. In den "Grundhaltungen" des 24 Seiten langen Papiers heißt es: "Kernziel von Täterarbeit ist die nachhaltige Beendigung von gewalttätigem Verhalten." Täterarbeit soll also vor allem eines sein: Betroffenenschutz.

Besonders Scham begleitet Menschen, die in ihrem eigenen Haus ihren eigenen Partner schlagen, schubsen oder treten, sagt auch Kriminologin Reinhardt. Auch Angst, Machtverlust, Hilflosigkeit. Gewalt ist oft ein Versuch, den Kontrollverlust zu kaschieren. Bei Reinhardt sind die Täter "Klienten".

Die Folgen von häuslicher Gewalt sind immens: Verletzungen und Traumatisierungen

Heute, nach all den Jahren, nach all den Stuhlreihen, nach all den Kieferbrüchen, ausgerissenen Haaren, Tritten in die Organe, von denen sie in ihren Räumen gehört hat, sagt Reinhardt noch immer: "Der Mensch ist grundsätzlich gut und möchte im Grunde Frieden, Ruhe und Harmonie im Leben finden."

Am 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. Nun stellten die Bundesregierung und das Bundeskriminalamt die aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2021 vor: 143.061 Fälle von Gewalt in Partnerschaften registrierte die Polizei, ein leichter Rückgang von 2,5 Prozent, aber noch immer mehr als 2018 und 2019. Darunter Körperverletzungen, Drohungen, auch Vergewaltigung. 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Knapp 80 Prozent der Täter sind Männer.

Das Dunkelfeld ist riesig: Die Polizei geht davon aus, dass zwei Drittel der Frauen die Gewalt zuhause nicht anzeigen. In 121 Fällen wurden Menschen von ihren Partnern getötet – statistisch jeder dritte Tag.

Die Folgen für die betroffenen Frauen sind immens. Traumatisierungen, die oft ein Leben lang anhalten können. Gesundheitliche Schäden, die nicht nur die Verletzungen sein müssen, sondern auch Ängste, Depressionen, Erkrankungen am Herz, Bluthochdruck, chronische Rückenschmerzen.

Gewalt sind nicht immer Schläge, es können auch Demütigungen sein

Hoch sind auch die Kosten für den Staat. Eine Studie der Universität Cottbus zeigt, dass diese Gewalt im nahen sozialen Umfeld – in der Wohnung, in der Ehe – dem deutschen Staat jährlich fast vier Milliarden Euro kosten. Geld für Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren, vor allem aber auch Kosten für die gesundheitlichen Schäden, die Betroffene erleiden.

Auch Reinhardt und ihr Team kosten. Aber die Rechnung für den Staat ist am Ende sehr viel kleiner. Nicht jeder schafft es zu Reinhardt. Es gibt Täter, die sehen Gewalt als Mittel an, eine Beziehung zu führen, eine Partnerin unter Kontrolle zu halten. Oft erleben Frauen ein jahrelanges Martyrium. Männer als Schläger, Frau als Opfer. Diese Männer kommen nicht in die Therapie.

Es seien diese Fälle, die das Bild von häuslicher Gewalt prägen würden, sagt Reinhardt. Aber nicht immer sind die Männer allein schuld an einem Konflikt. "Es gibt auch viele Fälle, in denen beide an der Eskalation beteiligt sind", sagt Reinhardt. Gewalt sind nicht immer Schläge, es können auch Demütigungen und Beleidigungen sein.

Häusliche Gewalt in allen Schichten: Lehrer, Polizisten, Manager

Anders als Schlägereien auf Partymeilen, Raub in der Bahn oder Drohungen an der Straßenecke, bei der junge Täter – nicht selten aus ärmeren Stadtteilen – klar in der Mehrzahl sind, kommt häusliche Gewalt laut Studien in jeder sozialen Schicht vor.

Bei Reinhardt sitzen auch Lehrer, Polizisten, Manager. Oftmals sind die Täter älter, zwischen 30 und 50. "Es gibt eigentlich nur eines, was sie eint", sagt Reinhardt. "Sie alle haben selbst Gewalt in der Kindheit erlebt. Sind selbst Opfer gewesen."

So wie Marco, Anfang 30, ein junger Mann mit Brille und langen Haaren. Er kommt direkt von der Arbeit in einem Industriebetrieb zu Reinhardts Verein. Auch er kam vor einiger Zeit in die Gruppe. Reinhardt lernte Marcos Geschichte kennen, ein Leben, das früh Gewalt erfuhr. Marcos Vater, Alkoholiker, habe ihn geschlagen, kam ins Gefängnis, als Marco gerade 13 Jahre alt war, das älteste von sechs Geschwistern. "Du bist jetzt der Mann im Haus", hieß es. Schwäche zeigen, Kind sein – dafür war in Marcos Familie kein Platz. Sein Zuhause kein Schutzraum, sondern chronischer Stressfaktor.

"Gewalt ist oftmals erlernt", sagt Kriminologin Reinhardt. In der Kindheit von den Eltern, später in Partnerschaften, in Cliquen. Und da setzt Reinhardt an. "Auch ein gewaltfreies Leben ist lernbar."

"Aber was mich erschreckt hat: Das hätte so stimmen können"

Adrian hatte die Stühle, Matthias die Zeitlupe, als die Gruppe mit Reinhardt seine Gewalttat nachstellte. Matthias ist ein mittelalter Mann mit Schiebermütze, spricht ruhig, fast gelassen. Jetzt aber steht er vom Tisch auf, spielt die Szene von damals noch einmal nach. Wie seine Frau ihm in der Küche die Kaffeetasse aus der Hand reißt, wie er sich wehrt, ein Handgemenge, und er sie dann am Genick packt, mit der Hand ihren Mund zuhält, sie auf den Küchenboden fallen.

Im Polizeibericht stand, Matthias habe seine Frau gewürgt, zu Boden gerissen. Er sieht es anders. „Das stimmt nicht“, sagt Matthias heute. "Aber was mich erschreckt hat: Das hätte so stimmen können." Da sei auf einmal diese Energie in ihm gewesen, die er nicht von sich gekannt habe. "Ich habe mich geschämt."

Seit der Tat in der Küche ist Matthias einen weiten Weg gegangen, der noch nicht zu Ende ist. Seit vier Jahren hat er seinen Sohn nicht mehr gesehen, das Sorgerecht verloren. Vor vier Jahren kam er in Reinhardts Therapiesitzungen. "Vor der ersten Gruppensitzung war ich voller Angst", sagt er. Sitzen dort nur Schwerverbrecher? Denken sie auch so über ihn? "Mein Selbstwertgefühl war im Keller. Mein Selbstbild zerstört."

Matthias hat durchgehalten. Vor einiger Zeit hat er sogar eine Selbsthilfegruppe in Bad Kreuznach gegründet. "Von Männern für Männer", steht auf dem Flyer. Auch Adrian will das nächste Mal vorbeikommen.

Rückschläge und Abbrecher: Ein Drittel bricht den Kurs ab

Nicht alle halten durch. Ein Drittel bricht den Kurs ab. Oft gebe es Rückschläge, erneute Gewaltausübungen, sagt Reinhardt. Wer nur mitmacht, weil die Staatsanwaltschaft ihn schickt, muss die Gruppe verlassen. Wer schlägt oder tritt, soll auch die Verantwortung dafür tragen. Wer dazu nicht bereit ist, wird nicht genommen. Vor den Gruppentherapien führen Reinhardt und ihr Team Einzelgespräche mit jedem Teilnehmenden.

Marco dagegen ist gerade ein zweites Mal bei Reinhardt dabei gewesen. Diesmal ohne Gerichtsbeschluss. "Nur für mich", sagt er. Weil wieder viel los war. Er hat das Sorgerecht für das gemeinsame Kind anders als Matthias erhalten, er hat sich getrennt von der Freundin, hat eine eigene Wohnung. "Vieles ist im Wandel. Da spüre ich gerade viel Energie bei jedem Schritt", sagt er. Diesmal sei es keine Wut. Diesmal soll es ein Schub in ein neues Leben sein.

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist ein Beratungsangebot für Frauen

Hinweis: Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben: 08000 116 016 und via Online-Beratung (www.hilfetelefon.de), 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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