Rettet der Segensroboter die Kirchen?

Braunschweig.  Segen per Knopfdruck – ist das Kirche von morgen? Wie Protestanten und Katholiken in der Region versuchen, junge Menschen zu begeistern.

Der Segensroboter „Bless-U-2“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sagt Segenssprüche auf Knopfdruck. Anschließend können die Besucher den Spruch ausgedruckt mitnehmen.

Der Segensroboter „Bless-U-2“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sagt Segenssprüche auf Knopfdruck. Anschließend können die Besucher den Spruch ausgedruckt mitnehmen.

Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Segen per Knopfdruck – der Roboter „Bless-U-2“ kann in sieben Sprachen einen ganz individuellen Segensspruch generieren, schreibt die Evangelische-Kirche in Hessen und Nassau auf ihrer Homepage. Gottesdienstbesucher können zum silbernen, kantigen Automaten gehen und via Touchscreen ihren Segensspruch auswählen. „Bless-U-2“ wurde für die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg konzipiert. Seine Funktionen sind vielfältig: Der Gläubige kann entscheiden, ob der Roboter den Segen mit einer männlichen oder weiblichen Stimme aussprechen soll. Anschließend können die Gesegneten den Segen sogar ausgedruckt auf Papier mit nach Hause nehmen.

Ist das die Kirche von morgen? Steht künftig in jeder Gemeinde ein silberner Kasten vor den Besuchern und hält den Gottesdienst?

Kirche versteht sich immer mehr als Veranstalter

„Nein“, sagt Michael Strauß, Pressesprecher der evangelischen Landeskirche Braunschweig, „die Kirche wird immer ein Ort von Menschen, für Menschen bleiben.“ Dennoch versucht die Landeskirche, viele Möglichkeiten auszuschöpfen, um ihre Mitglieder an sich zu binden oder neue zu gewinnen. „Die Kirche versteht sich auch immer mehr als eine Art Veranstalter. Jugendgottesdienste, evangelische Landesjugendtage oder die Jugendkirche – wir versuchen, immer mehr themenorientiert zu denken“, sagt Strauß gegenüber unserer Zeitung.

Die evangelische Kirche in Deutschland hat seit Jahrzehnten mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Laut Statistischen Bundesamt haben die Protestanten seit der deutschen Wiedervereinigung 4,9 Millionen Mitglieder verloren. Die evangelische Landeskirche Braunschweig hatte Ende 2017 334.951 Mitglieder. Im selben Jahr sind 3562 Menschen aus der Landeskirche ausgetreten – gegenüber 549 Eintritten.

„Viele junge Menschen wollen Geld sparen“

Für Strauß ist der demografische Wandel ein Hauptgrund für die schwindenden Mitgliederzahlen. „Die Bevölkerung wird immer älter. Auch viele Kirchenmitglieder gehören zur älteren Generation. Irgendwann sterben diese Menschen. Auf der anderen Seite entscheiden sich viele junge Familien gegen eine Taufe der Kinder“, erklärt Strauß.

Ein weiterer Faktor, sich gegen die Kirche zu entscheiden, sei die Kirchensteuer, sagt Strauß. „Viele junge Menschen wollen Geld sparen. Was auch verständlich ist, denn die Kirchensteuer beträgt neun Prozent der festgelegten Einkommensteuer.“ Bei einem Monatsbruttogehalt von 2000 Euro beträgt die monatliche Abgabe an die Kirchen 16,33 Euro – das sind 195,96 Euro im Jahr. „Von diesem Geld muss die Landeskirche nicht nur die etwa 3500 Beschäftigten bezahlen, sondern auch die zahlreichen Kirchen und Kapellen im Braunschweiger Land“, sagt Strauß.

Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen

Dabei gibt Strauß zu verstehen, dass die Kirche kein Wirtschaftsunternehmen sei, sondern eine Institution für Menschen. „In den 329 Gemeinden im Braunschweiger Land entscheidet es sich, ob eine Verbundenheit der Menschen zur Kirche entsteht oder nicht“. Diese Gemeinschaft scheint vielen Menschen in den Gemeinden wichtiger zu sein als der tiefe Glaube an Gott. Das bestätigt Camie Künne (22) aus Destedt im Landkreis Wolfenbüttel. Sie war jahrelang ehrenamtlich in der dortigen evangelischen Gemeinde aktiv. „Darüber, ob jemand so richtig an die Bibel und Gott glaubt, ist es schwer zu urteilen. Für mich steht die Gemeinschaft auf jeden Fall im Vordergrund. Je öfter man in der Gemeinde ist, desto mehr erinnern sich die Menschen an einen. Irgendwann entwickelt man ein „Zuhause“-Gefühl“.

Austritte haben viele Grüne

In der katholischen St.-Aegidien-Gemeinde in Braunschweig zählt die Verbundenheit zwischen Kirche und Gläubigen. „Ich glaube, dass der Mitgliederschwund viele Ursachen hat. Eine davon sind Fragen wie: Was kommt nach dem Tod? Sind die Fragen noch aktuell? Oder hat die Wissenschaft die passenden Antworten darauf?“, sagt Propst Reinhard Heine gegenüber unserer Zeitung. Weiterer Grund für zahlreiche Austritte sei der Kindesmissbrauch von katholischen Geistlichen in der Vergangenheit. „Das schreckt die Menschen natürlich ab. Auch der Faktor, dass Frauen nach einem Platz in einer von Männer dominierten Kirche suchen, ist entscheidend“, sagt Heine. Laut dem Statistischen Bundesamt hat die römisch-katholische Kirche in Deutschland seit der deutschen Wiedervereinigung 3,1 Millionen Mitglieder verloren. Für die Zukunft sieht Propst Reinhard Heine daher kein Patentrezept. „Es ist eine große Herausforderung – und wir tun uns noch etwas schwer, Menschen neu an uns zu binden.“

Viele Taufen in der St.-Aegidien-Gemeinde

Dabei lief das vergangene Jahr für die St.-Aegidien-Gemeinde nicht schlecht. Laut Kirchenstatistik wurden im gesamten Jahr 70 Kinder getauft. „Das sind erstaunlich viele Taufen und freut mich natürlich“, sagt Heine. Auch die katholische Gemeinde richtet sich an die junge Generation. Moderne Kirchenmusik komme beim jungen Publikum gut an, erklärt Heine. Auch das Pilgern hätte eine neue Bedeutung bekommen. „In der Vorbereitung zur Firmung sind wir von Braunschweig nach Hildesheim gepilgert, um den dortigen Bischof Heiner Wilmer zu treffen. Ganz ohne Smartphone. Zurück zu den Ursprüngen“, sagt Heine. Ob es allerdings eine neue Hochphase der Kirchen geben wird, bezweifelt der Propst. „Wir haben eine Botschaft, die Menschen erreichen kann. Ob diese aber die Menschen auch bewegt, ist eine andere Frage.“

Michael Strauß von der evangelischen Landeskirche Braunschweig sieht die aktuelle Entwicklung als eine von vielen. Die Kirche hätte schon die unterschiedlichsten Phasen durchlaufen, nur hätten sich nun die Rahmenbedingungen geändert. „Es ist nicht Neues, dass Menschen der Kirche den Rücken kehren. Allerdings muss die Kirche sich bewusst sein, sich auch selbst zu verändern“, sagt Strauß.

Zwischen Tradition und Zukunft

Auch für Camie Künne muss sich die Kirche ändern – obwohl sie in ihrer Gemeinde engagiert war. „Sicher ist es schwierig, den richtigen Mittelweg zu finden. Manche Dinge gehören einfach zur Tradition und dürfen vielleicht gar nicht verändert werden. Doch es ist wichtig, aktuelle Themen aufzunehmen und nicht nur ausschließlich biblische Geschichten zu behandeln.“ Sie hat einen konkreten Vorschlag für die Zukunft: „Auf Propsteiebene bekomme ich mit, dass Kirche einfach viele Freizeitangebote macht. Auf diese Art wird Kirche vielfältiger und nicht mehr als langweilig angesehen. Aber auch in der Gesellschaft muss sich etwas verändern. Es muss wieder selbstverständlicher werden, mitzuwirken.“

Reinhard Heine sieht die Zukunft der Kirche gar außerhalb der Kirche. Die Arbeit bei den Menschen sei wichtig, um auch in schwierigen Zeiten vor Ort zu sein: „Die Arbeit in Krankenhäusern und in der Schule wird immer wichtiger. Auch neue Gottesdienstformate müssen erarbeitet werden, um die Leute zu erreichen.“

Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche behalten also die Menschen im Fokus. Aber vielleicht wird ja doch schon bald der Segensroboter „Bless-U-2“ in der einen oder anderen Gemeinde stehen – und sei es nur, um Menschen in die Kirche zu locken.

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