Wolfsburgerin hilft Eltern drogenabhängiger Kinder

Wolfsburg  Inge Grasenick steht anderen bei, weil sie selbst betroffen war: Ihr süchtiger Sohn starb. Sie ist Kandidatin für den Gemeinsam-Preis.

Inge Grasenick ist für den Gemeinsam-Preis nominiert.

Inge Grasenick ist für den Gemeinsam-Preis nominiert.

Foto: Helge Landmann / Regios24

. Der erste Mittwochabend im Monat ist fest geblockt. Seit nunmehr 30 Jahren schlägt Inge Grasenick Einladungen beispielsweise für Geburtstage aus, fallen die Feiern auf besagten Mittwoch. Denn an jenem Tag trifft sich der Elternkreis drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher in Wolfsburg. „Das ist mir sehr, sehr wichtig“, betont Grasenick, die den Elternkreis leitet. Sie selbst ist eine betroffene Mutter. Ihr Sohn war jahrelang drogenabhängig. Er ist verstorben.

Mama Grasenick war etliche Jahre co-abhängig. Sie gab ihm Geld. „Ich dachte ja, ich müsste ihm helfen“, berichtet die Wolfsburgerin. Eine wirkliche Hilfe aber war das nicht. Im Gegenteil. Natürlich kaufte er von dem Geld Drogen. „Es ist viel sinnvoller, den Kühlschrank zu füllen als den Betroffenen Geld zu geben“, sagt Grasenick heute. Jahrelang habe sie immer wieder nachgegeben, erinnert sich Grasenick. Als Mama möchte man schließlich helfen. Irgendwann aber schaffte es Grasenick, sich abzunabeln. Sie öffnete ihm nicht mehr die Tür. Sie gab ihm nichts mehr – ein langer und schwerer Prozess.

Im Elternkreis sitzen ratlose Mütter, Väter. Grasenick gibt ihre Erfahrungen weiter, steht für Ratschläge zur Verfügung. Die Wolfsburgerin hatte lange Schuldgefühle: Warum mein Sohn? Was habe ich falsch gemacht? Diese Fragen stellen sich viele Eltern. Grasenick fiel es lange Zeit schwer, über die Drogenabhängigkeit ihres Kindes zu sprechen. „Scham und Selbstzweifel waren daran womöglich schuld“, sagt sie rückblickend. Und die Wolfsburgerin vermutet: „Ich glaube, dass sich unheimlich viele Angehörige Drogenabhängiger so fühlen. Die Hemmschwelle, sich mitzuteilen, ist sehr hoch.“ Auch Grasenick gibt zu, eine Zeitlang gelogen zu haben, weil sie sich schämte. „Wenn er im Gefängnis war, erzählte ich den Leuten, dass er auf Montage sei.“

Ein fester Kreis nimmt an den Treffen teil, immer wieder kommen Eltern hinzu. „Sie müssen sich nicht anmelden“, betont die Wolfsburgerin. Sie bedauert es, dass einige Eltern nicht mehr kommen. Mütter und Väter, die mit ihren Erfahrungen weiterhelfen könnten: um von einem erfolgreichen Entzug zu berichten beispielsweise. Die Gespräche im Elternkreis helfen. Sie zeigen auf, dass man nicht ganz allein mit seiner Situation ist. „Ich lerne jetzt immer noch dazu“, sagt die Wolfsburgerin.

Eins macht Grasenick deutlich: Ein Patentrezept für die Heilung ihrer Liebsten gibt es nicht. Vielmehr sind aus Sicht Grasenicks diese Dinge entscheidend: „Bei uns geht es nicht darum, eine Lösung für den Süchtigen zu finden, sondern darum, den Angehörigen zu helfen, mit der Situation umzugehen. Sehr viele von ihnen sind anfangs co-abhängig - so wie ich damals. Ich möchte nicht, dass sie so lange leiden wie ich.“

Fakten

Name des Kandidaten: Inge Grasenick

Das Ziel: Eltern drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher unterstützen. Der anonyme Elternkreis von Inge Grasenick trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat um 19 Uhr bei KISS in der Saarstraße 10a in Wolfsburg.

Kontakt: ek-wolfsburg@t-online.de

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