Das Goldene Herz

Professor: „Es gibt keinen Schalter, der Armut beheben kann“

| Lesedauer: 9 Minuten
In Deutschland ist Arbeitslosigkeit der zentrale Anlass für Armut. Rund zwei Drittel der Arbeitslosen haben ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle.

In Deutschland ist Arbeitslosigkeit der zentrale Anlass für Armut. Rund zwei Drittel der Arbeitslosen haben ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle.

Foto: Doucefleur / Shutterstock

Braunschweig.  Professor Dirk Konietzka von der TU Braunschweig spricht im Interview über die Faktoren die Armut auslösen und was man dagegen unternehmen kann.

Teure Masken, teure Lebensmittel, Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit: Die Corona-Folgen machen sich in allen Gesellschaftsschichten bemerkbar. Doch gerade an die Folgen für die Ärmsten wird dabei nur wenig gedacht. Die Weihnachtsspendenaktion unserer Zeitung legt in diesem Jahr daher einen besonderen Fokus auf das Thema Armut und möchte es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Die Projekte, die sich für Obdachlose, Familien, Kinder und ältere Menschen mit finanziellen Sorgen einsetzen, stellen wir unseren Leserinnen und Lesern in der Adventszeit genauer vor. Darüber hinaus haben wir mit Professor Dirk Konietzka von der Technischen Universität Braunschweig gesprochen. Er ist am Institut für Soziologie tätig und beschäftigt sich in seiner Arbeit vor allem mit sozialer Ungleichheit, Demografie und der Lebenslaufforschung. Im Interview mit unserer Zeitung gibt er eine Einordnung in das Thema Armut und zeigt auf, wie die Armutsspirale durchbrochen werden kann.

Der Begriff Armut umfasst viele verschiedene Bereiche wie etwa Kinder- und Altersarmut. Wie wird Armut definiert?

Es gibt keine eindeutige Definition von Armut. Aber es gibt verschiedene Konzepte, die mehr oder weniger komplex sind. Wenn wir in Deutschland von Armut sprechen, dann sprechen wir von relativer Armut. Relativität heißt in diesem Zusammenhang, dass wir ein Phänomen im Verhältnis zu einem gesellschaftlichen Standard oder Durchschnitt betrachten. Wir sprechen von Armut, wenn der Lebensstandard eines Haushalts eine gewisse Grenze unterschreitet.

Sie haben verschiedene Konzepte angesprochen. Welche gibt es?

Es gibt verschiedene Varianten, die diese relative Schlechterstellung erfassen. Am häufigsten wird in der Forschung die Einkommensarmut gemessen. Man geht vom Haushaltseinkommen aus und berechnet auf dieser Basis das Nettoäquivalenzeinkommen – ein je nach Zahl und Alter der Haushaltsmitglieder gewichtetes Nettoeinkommen. Als armutsgefährdet in Deutschland gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren monatlichen Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat.

Aber es gibt noch andere Ansätze, die zum Beispiel den Lebensstandard an der Ausstattung eines Haushalts festmachen: Fernseher, Auto, Waschmaschine und so weiter. Auf diese Weise kann man direkter als über das Einkommen den realen Lebensstandard eines Haushalts erfassen. Hier stellt sich dann aber auch die Frage, welche Güter benötigt ein Haushalt zwingend und ab wann eine Unterausstattung mit Armut gleichzusetzen ist. Der einfachere Weg für die Bestimmung von Armut ist daher der Weg über das Haushaltseinkommen.

Wie viele Menschen sind in Deutschland von Armut betroffen?

Die Armutsgefährdungsquote in Deutschland liegt bei rund 16 Prozent. Das ist ein relativ stabiler Befund in den vergangenen Jahren. Diese 16 Prozent der Haushalte liegen damit unter der durch Nettoäquivalenzeinkommen definierten Armutsschwelle.

Welche Gruppen in unserer Gesellschaft sind am stärksten von Armut betroffen?

In Deutschland ist Arbeitslosigkeit der zentrale Anlass für Armut. Rund zwei Drittel der Arbeitslosen haben ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle. Außerdem ist rund ein Drittel der Alleinerziehenden von Einkommensarmut betroffen. Diese beiden Gruppen sind in Deutschland am stärksten dem Armutsrisiko ausgesetzt. Zu beachten ist, dass dies zunächst nur statistische Zusammenhänge sind. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit erhöht ist, arm zu sein, wenn man alleinerziehend ist, aber nicht, dass die Mehrheit der Alleinerziehenden arm ist.

Wie begründen Sie diese Zusammenhänge ?

Bei Alleinerziehenden gibt es zwei hauptsächliche Wege in die Armut. In vielen Fällen ist sie die Folge einer Scheidung oder Trennung, wenn ein zweites Einkommen für den Haushalt wegfällt. Es gibt aber auch die sogenannten „Single-Mütter“. Das sind häufig junge Frauen, die nicht in einer stabilen Partnerschaft leben und nicht genügend Ressourcen haben, eigenständig zu leben. Alleinerziehende sind in besonderem Maß mit dem Problem konfrontiert, Kindererziehung und Erwerbstätigkeit unter einen Hut zu bekommen. Allgemein gesprochen ist die mangelnde Integration in den Arbeitsmarkt ein zentraler Faktor des Armutsrisikos. Das führt zu der Frage, wer hat das größte Risiko, überhaupt arbeitslos zu werden? Wer hat prekäre Jobs? Es sind überwiegend formal gering gebildete Personen. Wer in Deutschland keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen kann, dem gelingt im Allgemeinen nur schwer auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Hat diese Lebenssituation auch direkte Auswirkungen auf die Kinder?

Die Lebenschancen von Kindern hängen in Deutschland leider stark von der sozialen Herkunft ab. Das heißt insbesondere von den Gegebenheiten in den elterlichen Haushalten. Diese wirken sich langfristig auf die Bildungs- und Berufschancen der Kinder aus. Von Geburt an sind die Kinder sehr unterschiedlichen Umwelten ausgesetzt und sie entwickeln unterschiedliche Kompetenzen. Solche Differenzen sind bereits im Vorschulalter messbar und sie verstärken sich im weiteren Lebenslauf immer mehr. Insofern ist Armut nur ein besonderer Ausdruck eines allgemeineren Problems, nämlich das der Reproduktion sozialer Ungleichheit.

Welche weitergehenden Folgen hat Armut?

Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahren mit sehr vielen Teilaspekten befasst. Armut verstanden als Ressourcenarmut hat in vielerlei Hinsicht negative Auswirkungen. Da, wie gesagt Kinder schlechtere Entwicklungs- und Bildungschancen haben, besteht das Risiko, dass sich Armut auf die nächste Generation vererbt. Das heißt, erwachsene Menschen haben ein höheres Armutsrisiko, wenn sie selbst in einem armen Haushalt aufgewachsen sind. Darüber hinaus hat Armut Folgen für die Gesundheit und die Lebenserwartung, aber auch für die subjektive Lebenszufriedenheit der Betroffenen. Die negativen schlechten Ausstattungen kumulieren sich dann auch im Lebenslauf.

Welche Maßnahmen könnten dabei helfen, Armut abzumildern?

Es gibt keinen Schalter, mit dem sich das Problem der Armut beheben lässt. Wenn aber der Hauptanlass, arm zu werden, die Arbeitslosigkeit ist, dann liegt die Herausforderung darin, Erwachsene besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihre Chancen zu erhöhen, ein hinreichendes Einkommen zu erzielen. Dies ist in der Politik in den vergangenen Jahren zwar teilweise gelungen, aber es gibt auch Tendenzen, die dem entgegenlaufen. So hat sich der Arbeitsmarkt, immer mehr polarisiert. Das heißt, es gibt auf der einen Seite immer mehr attraktive Berufe, die eine hohe Qualifizierung verlangen, während zugleich das Segment der klassischen Industriearbeit und der Facharbeiter deutlich geschrumpft ist. Das bedeutet, dass eine gute Ausbildung immer mehr zur Voraussetzung dafür wird, eine gesicherte Anstellung zu finden.

Wie schwer ist es für Kinder und Jugendliche, die in ärmeren Verhältnissen aufgewachsen sind, irgendwann aufzuschließen?

Generell „vererbt“ sich soziale Ungleichheit in Deutschland ganz erheblich. Die Chancen für Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien sind viel schlechter als die der Kinder aus Akademiker-Familien. Daher greift es zu kurz, den Blick ausschließlich auf das Problem der Vererbung von Armut zu richten. Das ist gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs. Ein weiterer Punkt, den wir bislang noch nicht betrachtet haben, ist, dass Armut nicht statisch, das heißt in vielen Fällen keine dauerhafte Lebenslage ist. Manche Haushalte leben ein oder zwei Jahre in Armut, es gelingt ihnen dann aber der Weg aus der Armut. Die 16 Prozent der armen Haushalte in Deutschland, von denen wir vorhin gesprochen haben, sind also kein festes Segment in der Gesellschaft, sondern es herrscht eine erhebliche Fluktuation in dieses Segment hinein und wieder hinaus. Während es sich also bei der Betroffenheit von Armut teilweise um temporäre Verhältnisse handelt, verbleibt auf der anderen Seite ein Teil der sogenannten Armutspopulation über mehrere Jahre hinweg in der Armutsfalle. Dies ist die eigentliche Problemgruppe, gerade auch mit Blick auf die Kinder, die unter diesen Verhältnissen aufwachsen.

Das heißt, dass die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft nicht nur mit dem Portemonnaie zusammenhängt?

Richtig. Eine, wenn nicht die zentrale Stellschraube ist das Bildungssystem. Die Arbeitsmarktchancen werden heutzutage weitgehend durch den Erfolg im Bildungssystem vorherbestimmt. Aus diesem Grund wird auch zunehmend der Begriff der Bildungsarmut verwendet. Damit meint man Personen, die analog zur Einkommensarmut über zu geringe Bildungsressourcen verfügen, um einen allgemein als akzeptabel betrachteten Lebensstandard zu erreichen. Man müsste also alles für den Bildungserfolg von Kindern in Deutschland tun, um soziale Ungleichheit im Allgemeinen und Armut zu Besonderen zu verringern. Das wäre der Schlüssel zum Erfolg. Monetäre Transferleistungen können zwar die unmittelbare Lebenssituation armer Familien verbessen, aber nicht das strukturelle Problem lösen.

Das Thema recherchierte Ida Wittenberg
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