Lotsen für Opfer im Strafprozess

Salzgitter  Geschädigte können bei Gericht eine psychosoziale Prozessbegleitung beantragen.

Die psychosozialen Prozessbegleiterinnen Corinna Preuß (links) und Corinna Koopten-Bohlemann vor dem Opferhilfebüro in den neuen Räumen im Behördenhaus Schillstraße 1.

Die psychosozialen Prozessbegleiterinnen Corinna Preuß (links) und Corinna Koopten-Bohlemann vor dem Opferhilfebüro in den neuen Räumen im Behördenhaus Schillstraße 1.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Nach einer Straftat ist für das Opfer längst nicht alles vorbei. Es folgen Zeugenaussagen vor Polizei und Justiz. Und oft dauert es lange, bis ein Opfer die traumatische Erfahrung – etwa einer Gewalttat – bewältigt hat: Panikattacken, Schlaflosigkeit oder Ängste, dem Täter auf der Straße oder im Gerichtssaal wiederzubegegnen, können Begleiterscheinungen sein.

Minderjährige oder besonders belastete erwachsene Opferzeugen haben vom ersten Januar an einen gesetzlich verankerten Anspruch auf professionelle Unterstützung im Strafverfahren: die psychosoziale Prozessbegleitung. Sie gilt nicht nur für den eigentlichen Strafprozess, sondern für alle Lebensbereiche, die durch die Straftat beeinträchtigt sind.

Mit dem neuen Gesetz stärkt Niedersachsen Opferrechte. In Braunschweig sind zwei Mitarbeiterinnen der Stiftung Opferhilfe, die auch für Betroffene aus Salzgitter zuständig ist, eigens als psychosoziale Prozessbegleiterinnen ausgebildet und zertifiziert.

Eine von ihnen ist Corinna Koopten-Bohlemann, Mitarbeiterin des vom Land vor 15 Jahren initiierten und in Braunschweig angesiedelten Opferhilfebüros. „Wir sehen uns als Lotsen im Strafverfahren“, spricht die Diplom-Sozialpädagogin und Fachberaterin Opferhilfe – von einer Dolmetscher-Funktion in offizieller Mission. Denn das ist neu: Psychosoziale Prozessbegleiter werden als Verfahrensbeteiligte im Strafprozess beigeordnet und ihre Stellung damit aufgewertet.

Geschädigte können die für sie kostenlose Prozessbegleitung bei Gericht beantragen. Im Unterschied zur Nebenklage, in der Rechtsanwälte die juristischen Interessen von Opfern oder deren Angehörigen vertreten, bleibt alles Juristische außen vor. Gespräche über die Tat gelten als Tabu. Die psychosozialen Prozessbegleiterinnen wissen über das Delikt nicht mehr als ein Schlagwort. „Die anderen Verfahrensbeteiligten können sich somit darauf verlassen, dass wir Opferzeugen nicht suggestiv beeinflussen“, betont Corinna Preuß, wie Corinna Koopten-Bohlemann Prozessbegleiterin im Opferhilfebüro.

Ihre Aufgabe sehen sie vielmehr darin, Opfer psychisch zu stabilisieren und damit zugleich in ihrer Aussagetüchtigkeit vor Gericht zu stärken. „Viele haben Angst vor dem Tag X, an dem sie vor Gericht aussagen müssen. Sie fragen sich, ob sie das schaffen, ob sie dem Täter im Gerichtsflur begegnen müssen oder ob alles so ablaufen wird wie in den Gerichtsshows im Fernsehen“, weiß Preuß.

Die Prozessbegleiterinnen informieren über den Verlauf des Straf- und Ermittlungsverfahrens, bereiten Opfer auf die Hauptverhandlung vor, vermitteln sie bei Bedarf auch an andere Fachkräfte wie Ärzte und Therapeuten oder unterstützen sie bei Anträgen.

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