„Das Strahlenrisiko wird hoch unterschätzt“

Bleckenstedt.  Zur Zukunft von Schacht Konrad äußert sich de emeritierte Physik-Professor und Atomkraftgegner Rolf Bertram aus Göttingen.

Schacht Konrad.

Schacht Konrad.

Foto: Holger Neddermeier

Zur Zukunft des geplanten Endlagers Schacht Konrad sprachen wir mit Prof. Dr. Rolf Bertram (geboren 1931), emeritierter Professor für physikalische Chemie aus Göttingen. Bertram lehrte und forschte als Professor für Physik in Braunschweig und ist heute ein ausgewiesener Experte im Bereich, der durch Atomkraftwerke verursachten Schäden an Gesundheit und Natur. Bertram ist erklärter Atomkraftgegner und Aktivist.

Herr Professor Bertram, wie bewerten Sie das Festhalten am Endlagerstandort Schacht Konrad?

Bereits in der monatelangen Anhörung zum Planfeststellungsverfahren in Salzgitter wurden viele der von fachkundigen Wissenschaftlern vorgetragenen Einwendungen ohne Beweisführung zurückgewiesen. Die Einwände konzentrierten sich auf ungeprüfte Annahmen zur geologischen Sicherheit und auf bereits damals längst überholte radiologische Grenzwerte. Das Strahlenrisiko durch Transporte und Einlagerung des Atommülls wurde und wird von der Tagungsleitung, dem Niedersächsischen Umweltministerium hoch unterschätzt.

Bis zur Stunde sind diese Defizite nicht behoben. Was fordern sie also?

Dieser Sachverhalt und weitere, in den letzten 20 Jahren publizierte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung radioaktiver Strahlung auf Mensch und Umwelt erfordert zwingend ein neues Planfeststellungsverfahren. Ohne eine damit verbundene Überprüfung nach dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik ist das Festhalten am Endlager Schacht Konrad falsch und unverantwortlich.

Was sagen sie zu den Verzögerungen in der Fertigstellung?

Die Gründe für die Verzögerung sind eine Folge der haltlosen Annahmen über die technische Verwirklichung und über die nicht hinreichend berücksichtigte Langzeitsicherheit (etwa Wassereinbrüche).

Was würde eine erneute Überprüfung nach aktuellem Stand der Wissenschaft bedeuten?

Eine Überprüfung würde schlicht und einfach ergeben, dass Schacht Konrad für den vorgesehenen Zweck nicht geeignet ist.

Wäre es sinnvoll, das in Salzgitter geplante Endlager in die allgemeine Endlagersuche mit einzubeziehen?

Ja, sicher. Das würde aber bedeuten, dass Schacht Konrad grundsätzlich aus dem Suchverfahren herausfallen würde.

Was bedeutet es für die Region, die Bevölkerung, sollte Schacht Konrad 2027 oder in den Folgejahren in Betrieb gehen?

Die Region würde durch ständige Atommülltransporte und durch damit verbundene Veränderungen der Infrastruktur negativ beeinflusst. Die Bürger und nicht nur die unmittelbar betroffenen Anlieger wären ständig einem erheblichen Strahlenrisiko ausgesetzt. Das gilt nicht nur für Transportunfälle und Havarien bei oder kurz vor der Einlagerung.

Was sagt die aktuelle Forschung in Bezug auf die Gefahren, die auch von schwach- oder mittelradioaktiven Stoffen ausgehen?

Jüngere Erkenntnisse zur Wirkung von Niedrigstrahlung belegen, dass eine dauerhafte, nicht zu vermeidende Einwirkung von Radioaktivität zu Anreicherungen in Luft, Wasser und Böden führt. Es ist erwiesen, dass über Inhalation, besonders aber über Ingestion (Nahrungsaufnahme, die Red.) radioaktive Partikel in die Biokreisläufe gelangen und damit auch im Menschen schwerwiegende bleibende Folgen auslösen.

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