SEK-Einsatz in Salzgitter: Justiz geht von Tötungsdelikt aus

Salzgitter.   Ein Mann verbarrikadiert sich am Donnerstag in einer Wohnung in Fredenberg, Spezialkräfte erschießen ihn. Danach wird eine weitere Leiche gefunden.

Die Spurensicherung in der Einsteinstraße vor der Wohnung, in der die Leiche eines 22-Jährigen gefunden wurde. Der Mann, der vom SEK erschossen wurde, soll ihn bereits vor Tagen getötet haben.

Die Spurensicherung in der Einsteinstraße vor der Wohnung, in der die Leiche eines 22-Jährigen gefunden wurde. Der Mann, der vom SEK erschossen wurde, soll ihn bereits vor Tagen getötet haben.

Foto: Rudolf Karliczek

Die Polizei steht nach den Vorfällen in Salzgitter vom Donnerstag vor schwierigen Ermittlungen. Viele Fragen sind offen.

Die aktuelle Lage kompakt zusammengefasst

Nachdem ein Spezialeinsatzkommando (SEK) am frühen Donnerstagabend einen Mann erschoss, der sich in einer Wohnung am Hans-Böckler-Ring verbarrikadiert hatte, stießen Beamte in der Wohnung des 28-Jährigen, die nur wenige hundert Meter entfernt liegt, auf eine weitere Leiche. Es handelt sich laut Staatsanwaltschaft um einen 22-Jährigen. Gerüchte verdichten sich, dass es ein Salzgitteraner ist, der seit dem 6. April vermisst wurde. Die Staatsanwaltschaft bleibt jedoch weiterhin bei der Einschätzung, dass der von Spezialkräften der Polizei erschossene 28-Jährige den jüngeren Mann getötet hat, erklärt ihre Sprecherin Julia Meyer. Bei beiden handelt es sich laut den Ermittlern um Deutsche.

Zu den Hintergründen äußerten sich die Ermittler bislang nur eingeschränkt. Licht ins Dunkel soll eine 20-köpfige Mordkommission bringen, die die Polizei Salzgitter zum Fall des zweiten Toten in der Einsteinstraße eingerichtet hat. Mit Blick auf den SEK-Schuss am Hans-Böckler-Ring leitete die Staatsanwaltschaft ein „Todesermittlungsverfahren“ ein. Nach vorläufiger Einschätzung sei den SEK-Beamten kein Vorwurf zu machen, sagt Julia Meyer, Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Der Großeinsatz begann am Donnerstagnachmittag im Hans-Böckler-Ring mit einem Notruf: Ein Wohnungsinhaber alarmierte die Einsatzkräfte mit dem Hinweis, dass sein 28-jähriger Bekannter ärztliche Hilfe benötigt. Polizisten stießen in der Wohnung auf den Mann, der sich jedoch verschanzte. Weil sie sich bedroht fühlten, zogen sie Spezialkräfte hinzu. Die Bewohner hatten die Erdgeschosswohnung zuvor verlassen. Polizisten versuchten, den Mann zur Kooperation zu überreden. Die Gespräche scheiterten, das SEK rückte vor. Doch der 28-Jährige bedrohte sie in einem abgedunkelten Raum mit einem waffenähnlichen Gegenstand, so die Staatsanwaltschaft. Als der Mann auf Warnschüsse nicht reagierte, gab ein Beamter einen tödlichen Schuss ab. Die Kugel durchtrennte laut Obduktion das Rückenmark. Ein Rettungssanitäter konnte dem 28-Jährigen nicht mehr helfen.

Gegen 21.30 Uhr stießen die Ermittler dann in der Wohnung des Toten auf die Leiche eines 22-Jährigen. Der vom SEK Erschossene steht im Verdacht, den Mann Tage zuvor getötet zu haben, erklärt die Staatsanwaltschaft. Wie, das ist unklar. Die Obduktion des zweiten Leichnams war am Freitag noch nicht abgeschlossen. In welchem Verhältnis die Toten zueinander standen, werde ermittelt.

Die Entwicklungen am Freitag

15. April. 10.34 Uhr: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig teilt zur Tordesursache mit: „Die Obduktion des in der Wohnung aufgefundenen Toten hat ergeben, dass eine nicht natürliche Todesursache vorliegt.“ Konkreteres zur Todesursache könne man derzeit noch nicht mitteilen, um die Ermittlungen zum mutmaßlichen Tötungsdeliktnicht zu gefährden.

16.20 Uhr: Aktuell ist die Spurensicherung am Tatort in der Einsteinstraße.

16.00 Uhr: Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen sollen die Polizeibeamten durch den später Angeschossenen in einem abgedunkelten Raum mit einem "waffenähnlichen Gegenstand" bedroht worden sein. Trotz eines massiven verbalen Einwirkens und der Abgabe von Warnschüssen habe der 28-Jährige die Beamten weiterhin bedroht, weshalb letztlich ein Schuss durch einen Beamten abgegeben worden sei.

Der Tote steht im Verdacht, Tage zuvor in seiner eigenen Wohnung einen Mann getötet zu haben. In seiner Wohnung wurde ein männlicher Leichnam aufgefunden. Die Obduktion zur Klärung der Todesursache ist noch nicht abgeschlossen.

15.25 Uhr: Das Obduktionsergebnis für den bei dem SEK-Einsatz im Hans-Böckler-Ring verstorbenen Mann liegt vor. Wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig mitteilt, wurde der 28-Jährige angeschossen und ist "an einem spinalen Schock infolge einer Rückenmarksdurchtrennung verstorben". Im Körper des Angeschossenen wurde ein Projektil einer 9mm-Kurzwaffe aufgefunden. "Es ist davon auszugehen, dass das Projektil zur Durchtrennung des Rückenmarks geführt hat", schreibt die Staatsanwaltschaft in ihrer Mitteilung. Die unmittelbar nach der Schussabgabe von einem dem SEK-Einsatzteam zugehörigen Rettungssanitäter eingeleiteten Erste-Hilfe-Maßnahmen hätten den Tod des Angeschossenen nicht mehr verhindern können.

14 Uhr: Die Obduktion der Verstorbenen ist weitestgehend abgeschlossen - die Ergebnisse sollen in Kürze vorliegen.

12 Uhr: Die Polizeiinspektion Salzgitter hat eine Mordkommission eingerichtet, die sich mit dem Fall der in der Einsteinstraße gefundenen Leiche befasst. Die Ermittler vernehmen aktuell Zeugen. Die Polizeiinspektion Braunschweig hat einen sogenannten Todesermittlungsvorgang angelegt und bearbeitet den Fall Hans-Böckler-Ring.

11 Uhr: Beide Leichen werden heute rechtsmedizinisch untersucht, um die genaue Todesursache zu klären. Oppermann geht davon aus, dass der Mann in der Wohnung eines Blocks am Hans-Böckler-Ring durch den SEK-Einsatz mit Schusswaffen starb. Jedoch gab es zuvor eine Meldung über eine Person mit Schussverletzung. Insofern besteht eine Restunsicherheit, die die Obduktion beseitigen soll.

Die Identität der zweite Leiche, die in der Wohnung des mutmaßlich Erschossenen in der Einsteinstraße gefunden wurde, ist noch unklar. Die Identität des Toten infolge des SEK-Einsatzes ist bekannt, die Polizei äußert sich aber derzeit aus ermittlungstaktischen Gründen nicht dazu. Nach Informationen unserer Zeitung handelt es sich um einen jungen Deutschen, der Verbindung ins Drogenmilieu hat und selbst Betäubungsmittel konsumiert. Hierdurch ist er offenbar schon polizeibekannt.

10 Uhr: Die Polizei hat die Nacht hindurch Spuren am Fundort der zweiten Leiche in der Einsteinstraße gesichert. Die Wohnung ist gesperrt. Die Todesumstände sind weiter unklar.

9 Uhr: Der Verdacht, dass am Donnerstag Schüsse gefallen sind verdichtet sich. Einer dieser Schüsse ist auch im Video zu hören. Ein Reporter vor Ort hat mit einem Augenzeugen gesprochen – dieser bestätigte drei Schüsse gehört zu haben.

7.30 Uhr: Auf Nachfrage unserer Zeitung teilte die Polizei Salzgitter am Freitagmorgen mit, dass die Ermittlungen noch andauern. Die Beamten seien dabei die Zusammenhänge zu klären. Die Spurensicherung war vor Ort und begutachtete den Tatort.

Die Situation am Donnerstag

21.30 Uhr: Jedoch stieß die Polizei im Rahmen dieser Durchsuchung gegen 21:30 Uhr auf die Leiche einer männlichen Person. Zu den Gesamtumständen, insbesondere zur Todesursache, machten die Ermittler zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben.

21 Uhr: Gegen 21 Uhr evakuierte die Polizei dann das Mehrfamilienhaus, in dem sich die Wohnung des erschossenen Täters befindet. „Wir sind zuvor auf einen bewaffneten Mann getroffen und wussten dementsprechend nicht, was uns hinter der Wohnungstür erwartet“, sagte Polizeisprecher Thorsten Ehlers. „Die Evakuierung erfolgt präventiv zum Schutz der Bewohner.“ Zuvor soll es Hinweise auf Sprengstoff gegeben haben, die sich nicht bewahrheiteten.

Mann soll Kräfte des SEK bedroht haben

Gegen 20 Uhr: Bei dem Toten soll es sich nach Informationen unserer Zeitung um einen im Quartier bekannten Drogenkonsumenten gehandelt haben. Ob er zum Zeitpunkt der Bedrohung unter dem Einfluss von Rauschmitteln stand, ist offen. Er lebte offenbar wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Dort liefen im Anschluss weitere Ermittlungen durch das für Tötungsdelikte zuständige Fachkommissariat der Polizei Salzgitter. Es kursierten zudem Gerüchte, der Erschossene könnte vor der Bedrohung jemanden ermordet haben. Aussagen hierzu gab es von der Polizei bislang keine.

19.10 Uhr: Ob der Getroffene seine Waffe zuvor abgefeuert hatte, war am Abend noch unklar. Gegen 19.10 Uhr rückten die Spezialkräfte ab. Die Anwohner durften zurück in ihre Wohnungen.

18.30 Uhr: Das SEK versuchte einen Zugriff, offenbar weil man befürchtete, der Mann könnte einen sogenannten „Suicide by cop“ anstreben, den indirekten Selbstmord durch die Kugel eines Polizisten. Als die Polizisten vorrückten, soll er die Kräfte des SEK bedroht haben, die daraufhin Gebrauch von der Schusswaffe machten. Einer dieser Schüsse ist im Video zu hören. Ein Notarzt versuchte vergeblich, den Mann zu reanimieren.

Der Mann verbarrikadierte sich in der Wohnung

Gegen 18 Uhr: Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) wurde hinzugezogen. Beamte sperrten den Bereich nahe des Schulzentrums am Fredenberg weiträumig ab. Der Mann verbarrikadierte sich in der Wohnung. Versuche der Kontaktaufnahme gestalteten sich „schwierig“, schilderte ein Beamter unserer Zeitung. Schließlich stellte man fest, dass sich neben dem Mann keine weiteren Personen in der Wohnung befanden.

15.30 Uhr: Augenzeugen hatten bereits die Polizei informiert, erste Uniformierte waren offenbar gegen 15.30 Uhr vor Ort. Es hieß, der Mann sei im Besitz einer Schusswaffe und habe davon bereits Gebrauch gemacht, es sollte einen Verletzten geben. Ob dies tatsächlich so war, ließ sich bis in den späten Abend nicht verifizieren.

Schüsse in Salzgitter-Fredenberg

In Salzgitter-Fredenberg erschossen Spezialkräfte der Polizei am frühen Donnerstagabend einen Mann, der zuvor Bekannte bedroht haben soll. Video: Erik Westermann
Schüsse in Salzgitter-Fredenberg

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