„Ehrenmord“ in Salzgitter: „Trenne dich, sonst endet es mit Mord“

Salzgitter.  Auf einem Hinterhof in Salzgitter wird 2019 ein junger Iraker erschossen. Eine angekündigte Hinrichtung im Namen der Familienehre?

Blumen auf einem Hinterhof in Salzgitter. Hier wird ein junger Iraker im Januar 2019 getötet. Auslöser soll seine Liebesbeziehung zu einer jungen Syrerin gewesen sein. Ihr Bruder wurde in erster Instanz für die Tat verurteilt. Shirins Familie lehnte die Beziehung der Muslima zu dem Christen ab. „Bei einem Türken wäre es mir egal. Aber bei einem Iraker bin ich dagegen. Sie sind schmutzig“, äußerte der mutmaßliche Schütze bei der Polizei.

Blumen auf einem Hinterhof in Salzgitter. Hier wird ein junger Iraker im Januar 2019 getötet. Auslöser soll seine Liebesbeziehung zu einer jungen Syrerin gewesen sein. Ihr Bruder wurde in erster Instanz für die Tat verurteilt. Shirins Familie lehnte die Beziehung der Muslima zu dem Christen ab. „Bei einem Türken wäre es mir egal. Aber bei einem Iraker bin ich dagegen. Sie sind schmutzig“, äußerte der mutmaßliche Schütze bei der Polizei.

Foto: Erik Westermann / BZV

Die Geschichte von Milad (25) und Shirin (24) ist keine Geschichte einer makellosen Liebe. Aber doch die einer Liebe auf den ersten Blick. Die eines jungen Paares, das sich von Widerständen nicht aufhalten ließ. Für das Tradition, Religion, Ethnie keine Rolle spielte. Das nichts dabei fand, dass eine kurdisch-syrische Muslima mit einem Christen aus dem Irak zusammen ist und das ihr Glück nicht opfern wollte. Es ist eine Geschichte von Mord.

Als Milad seinen Wagen am Abend des 26. Januar 2019 gegen 20.35 Uhr auf einem schummrigen Hinterhof in Salzgitter-Lebenstedt abstellt, wartet Shirin in seiner Wohnung auf der anderen Straßenseite. Er kommt spät von der Arbeit. Sie hält Ausschau nach seinem Golf, den er seit Kurzem versteckt auf dem Parkplatz hinter einem Restaurant abstellt. Plötzlich hört sie es knallen. „Ich dachte erst, es wären Fehlzündungen“, erklärt die junge Frau später. Das nächste was sie sieht, sind die Blaulichter von Rettungswagen und Polizei.

„Ehrenmord“ - ein schwieriger Begriff

Wie viele Morde im Namen der Ehre pro Jahr verübt werden, ist kaum zu erfassen. Schon die Bezeichnung „Ehrenmord“ gilt als schwierig. Relativiert man die Tat durch die Verwendung des Ehrbegriffs? Gibt es trennscharfe Kriterien? Das Bundeskriminalamt (BKA) definierte den Begriff als „Tötungsdelikte, die aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden“. Die Webseite „Ehrenmord.de“ führt für 2019 knapp 80 derartige Taten in Deutschland auf. Eines der dort verzeichneten Opfer: Milad, der junge Mann aus Salzgitter.

Der Getötete

Milad kommt im Alter von 16 Jahren mit seiner Mutter und Schwester aus dem Irak nach Deutschland. Nach dem Unfalltod des Vaters fühlten sie sich dort als Christen nicht mehr sicher. Die Jugendlichen lernen Deutsch, beginnen eine Ausbildung. Milad wird Friseur, eröffnet einen Salon, ist dabei, die Meisterprüfung abzulegen.

In den letzten Wochen vor seinem Tod lebt er in ständiger Angst. Er traut sich kaum zur Arbeit, schläft bei Freunden, täuscht vor, ausgezogen zu sein, deponiert Schlagstock und Elektroschocker im Auto. Shirins Eltern und ihr ältester Bruder Alaa waren da schon in seinem Salon aufgetaucht. Alaa soll ihn mit dem Tode bedroht haben. Kurz davor war Shirin durch das Badezimmerfenster aus der elterlichen Wohnung geflohen. Sie habe die Drohungen, den Druck, die Angriffe nicht mehr ertragen. Das Paar wollte weg aus Salzgitter, wo Shirins Familie nach ihm suchte. Eine Wohnung in Braunschweig hatten die beiden in Aussicht. Sie hofften, dieser Abstand würde reichen.

Die Vereinten Nationen beziffern die Zahl der „Ehrenmorde“ im Hellfeld weltweit auf 5000 pro Jahr, bei einer wesentlich höheren Dunkelziffer. Das Max-Planck-Institut für Strafrecht untersuchte derartige Delikte in Deutschland zwischen 1996 und 2005. Demnach waren 43 Prozent der Opfer männlich. Meist wurde ihnen als unliebsamer Partner eine Mitverantwortung für die empfundene Ehrverletzung zugeschrieben.

Die Zeugin

Am Abend des 26. Januar macht Inge K. (Name geändert) ihren Kindern einen Film an. Als ein Auto auf den dunklen Parkplatz hinter ihrer Wohnung an der Berliner Straße fährt, schaut sie aus dem Fenster. Ein junger Mann schließt seinen Wagen ab. Er telefoniert. Sie sieht, wie eine Gestalt aus dem Halbdunkel zwischen zwei Autos tritt. Die fellbesetzte Kapuze hochgeschlagen, in der Hand eine Schusswaffe. Aus einem Meter Entfernung feuert der Kapuzenmann auf den Ahnungslosen mit dem Telefon. „Drei, vier fünf Mal“, sagt Inge K. später vor dem Schwurgericht in Braunschweig. Inge K. meint, die Gestalt bereits eine halbe Stunde zuvor auf dem Parkplatz gesehen zu haben, als sie den Hund Gassi führte. Er rauchte, wartete, wirkte „unheimlich“.

Als die ersten Schüsse Milad treffen, versucht er zu entkommen. Er stürzt über ein Geländer, ein weiterer Schuss trifft. Unter dem Wohnzimmerfenster von Inge K. bricht er zusammen. Das Smartphone fällt ihm aus der Hand, seine Mutter am anderen Ende hört alles mit. Der Schütze flieht. Inge K. ruft die Polizei, ihr Mann versucht, den Schwerverletzten durch das Fenster zu beruhigen. Das Ehepaar kann den Täter nicht identifizieren. Ihre Beschreibung, stellt das Gericht im Februar 2020 fest, passt jedoch auf Shirins ältesten Bruder Alaa.

„Der ganze Clan kann involviert sein“

Eine Stunde später erliegt Milad seinen Verletzungen. Herz, Lunge, Leber, Milz, Magen, Bauchspeicheldrüse und rechte Niere wurden durch vier Steckschüsse verletzt. Ein fünftes Projektil durchschlug den Körper.

Die kurdischstämmige Rechtsanwältin Gülşen Çeleb und die Autorin Uta Glaubitz beschreiben „Ehrenmorde“ als eine bestimmte Form der Beziehungstat. Es gehe um Frauen, die die „Ehre“ der Familie „befleckt“ hätten. Dafür könne der kleinste Verstoß reichen – ein Leben nach westlichen Wertvorstellungen, die Wahl des falschen Partners, ein vermeintlicher sexueller Kontakt außerhalb der Ehe. Den Frauen werde „das Recht auf freie Lebensgestaltung abgesprochen“. Typische Merkmale des „Ehrenmords“: „Die Tat ist geplant und öffentlich inszeniert […] In einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit nichts, die Familie aber alles bedeutet, kann der ganze Clan in die Planung involviert sein.“ Genau das sei der entscheidende Unterschied zu anderen Beziehungstaten.

Die Freundin des Ermordeten

Als die Blaulichter heranrasen, ahnt Shirin: Es waren Schüsse, keine Fehlzündungen. Sie sieht die Hand eines Mannes auf einer Krankenwagentrage. Ist das nicht Milads Hand? Und sie meint, ihren Bruder auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu sehen. „Alaa lief hin und her“, sagt sie gramgebeugt im Prozess vor dem Braunschweiger Landgericht. „Als würde er auf etwas warten“. Bei einer Vernehmung einige Tage nach der Tat fragt Alaa die Polizisten: „Warum habt ihr mich nicht gleich dort verhaftet?“

Die junge Syrerin und der Iraker lernen sich im Jahr 2016 kennen. Sie macht ein Praktikum im Friseursalon. „Am letzten Tag fragte ich sie nach ihrer Nummer“, schildert Milad im Herbst vor seiner Ermordung bei der Polizei. „Sie gab sie mir.“ Shirin erinnert sich: „Ich suchte nicht nach Liebe, nach einem Freund. So etwas gibt es in meiner Familie nicht.“ Eigentlich war Shirin einem Cousin versprochen. Doch den wollte sie nicht. Anfangs hält das Paar seine Beziehung geheim.

Von der Prinzessin zur „Dreckigen“

Shirin ist das Nesthäkchen der kurdischen Familie, die ab 2013 nach und nach gen Deutschland zog. Als sie von Shirins Liebe zu Milad erfährt, rät ihre Schwester: „Trenne dich. Sonst endet es mit Mord.“ Am engsten ist das Verhältnis zu ihrem ältesten Bruder Alaa, dem mutmaßlichen Schützen. „Ich dachte, wenn es einer versteht, dann er. Wir waren wie Freunde.“ Doch das alles ändert sich offenbar mit der Beziehung zu Milad, dem Christen aus dem Irak. Shirin ist nicht mehr die Prinzessin der Familie, ab jetzt speichert ihr Bruder sie als die „Dreckige“ in seinem Telefonbuch. Ist der Hass umso größer, weil die Familie vermutet, dass sie seine Religion angenommen hat? Alaa selbst nimmt es mit der Religion offenbar nicht so genau, trinkt, geht selten in die Moschee.

Nachdem Shirin von Zuhause flieht, geraten die Dinge endgültig aus den Fugen. Zunächst kommt sie in einem Frauenhaus unter, später zieht sie zu Milad – gegen den Rat der Polizei. In einem Video, das Shirin heimlich aufnimmt, sagt ihre Mutter: „Wenn wir dich töten und ihn töten, kann keiner mehr schlecht über uns reden. Dann können wir uns wieder erhobenen Hauptes unter die Menschen begeben. Hunderte von Leuten werden sagen: Deren Tochter war eine Schlampe. Aber solange du am Leben bist und er am Leben ist, wird es unmöglich sein, dass einer [deiner] Brüder rausgehen kann. Sie müssen ihre Ehre wiederherstellen.“

BKA: Triebfeder ist nicht die Religion – sondern die Unterdrückung der Frau

Die geplante Tötung zur vermeintlichen Rettung der „Familienehre“: Der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte zufolge wird diese „grausame Tradition“ nicht nur, aber besonders in Regionen wie der Türkei, Syrien, Irak, Iran oder Pakistan fortgesetzt, „um so die Selbstbestimmung der Frauen einzudämmen“. Die Forscher des Max-Planck-Instituts stellten fest: Mehr als 90 Prozent der Täter in Deutschland – fast alles Männer – sind nicht hierzulande geboren.

Der Studie zufolge beschränken sich „Ehrenmorde“ auf schlecht integrierte und bildungsferne Schichten. Migranten der zweiten und dritten Generation würden selten zu Tätern. Triebfeder sei weniger die Religion, konstatiert das BKA, als vielmehr eine „starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und […] ein extrem patriarchalisches Familienverständnis“.

Das Urteil

Der Indizienprozess gegen Shirins Bruder Alaa (33) beginnt im August 2019. Im Braunschweiger Landgericht wachen Polizisten mit Maschinenpistolen, jeder Besucher wird doppelt durchsucht. Es gibt die Befürchtung, dass der jungen Frau, die in ein Opferschutzprogramm der Polizei aufgenommen wurde, etwas zustoßen könnte. Wo sie sich aufhält, weiß nicht einmal ihr Anwalt.

Doch ist Alaa tatsächlich derjenige, der die Schüsse abfeuerte? War es ein anderes Mitglied der großen Familie? Ist die Liebesbeziehung das Mordmotiv?

Der Angeklagte schweigt bis zum Schluss. Die Tatwaffe bleibt verschwunden. DNA-Spuren am Tatort: Fehlanzeige. Niemand kann den Schützen zweifelsfrei identifizieren. „Wir mussten das Urteil auf Indizien stützen“, sagt der Vorsitzende des Schwurgerichts Ralf-Michael Polomski. Die allerdings seien in der Summe eindeutig.

Ein Bündel von Indizien

Da sind die Schmauchspuren an der Hand und in der Jackentasche des Angeklagten. Die Drohungen, die er gegenüber dem Getöteten ausgestoßen habe. Da ist der Hinweis seines Chefs, den Alaa nach einer Waffe fragte. „Es frisst mich auf! Ich kann nicht mehr schlafen! Ich töte die beiden“, habe der Hilfsarbeiter geklagt. Da ist das Ehepaar K., deren Beschreibung der Person auf dem Parkplatz auf den Angeklagten passt. Da ist die Kleidung des Schützen, die auf einem Überwachungsvideo dokumentiert ist – und die auffallend der ähnelt, die der Angeklagte bei seiner Festnahme trug. Seine Lieblingsjacke und seine roten Schuhe. Nur das Fell vom Kragen der Kapuze war verschwunden.

Am Ende der sechsmonatigen Beweisaufnahme ist sich die neunte große Strafkammer des Landgerichts sicher: Als Täter kommt nur Shirins ältester Bruder infrage. Die Richter stellen fest: Es war ein heimtückischer Mord aus niedrigen Beweggründen. Das einzig mögliche Urteil: eine lebenslange Freiheitsstrafe. Und sie attestieren die besondere Schwere der Schuld.

Den Urteilsspruch nimmt der Verurteilte auf wie den gesamten Prozess: gelassen, als sei er mit sich im Reinen. Nur als seine Schwester aussagte, sprang er auf und zischte: „Du Verräterin, ich bin dein Bruder“. Der Schwurgerichtsvorsitzende Polomski spricht von einer Hinrichtung: „Sie haben ihr eigenes Urteil gefällt und vollstreckt.“

Wird das Urteil rechtskräftig, besteht für den Verurteilten keine Chance, nach 15 Jahren Haft vorzeitig frei zu kommen. Doch die Verteidigung zweifelt die Indizien an und fordert einen Freispruch. Noch hat der Bundesgerichtshof über ihren Revisionsantrag nicht entschieden.

War der Mord zu verhindern?

Die Anwälte stellen auch das Vorgehen der Polizei infrage. Im Mittelpunkt steht ein zufällig abgehörtes Telefonat. Darin erklärt der Angeklagte seinem damaligen Arbeitgeber: Er wolle seine Schwester töten. Vergeblich fragt er nach einer Waffe. Ermittler geben diese Information nicht an Milad und Shirin weiter. Ein „Staatsversagen“, befinden die Verteidiger. „Sie versuchen die Schuld zu verschieben“, widerspricht der Erste Staatsanwalt Christian Wolters. Dass man ihm mit dem Tode drohte, sei dem Paar da längst bewusst gewesen.

Auch die Richter sehen weder Behördenversagen noch Gründe für einen Strafrabatt. Beamte hätten sich an die Familie des Angeklagten gewendet, um Schlimmeres zu verhindern. Ohne Ergebnis. Die Vermittlerin aus einer muslimischen Gemeinde hatte den Eindruck: Da ist nichts zu machen. Und ohne seine Familie in ein Schutzprogramm zu gehen, habe Milad abgelehnt. „Ob der Hinweis auf den versuchten Waffenkauf etwas geändert hätte, ist sehr fraglich“, meint der Kammervorsitzende.

„War es das wert“, fragt der Richter

Am Ende gibt es nur Verlierer: Milad verlor sein Leben. Seine Mutter einen Sohn, die Schwester den Bruder. Shirin verlor den Mann, den sie heiraten wollte – und ihre Familie. Sie lebt vermutlich unter neuem Namen an einem geheimen Ort. Alaa verlor seine Freiheit. „War es das wert?“, fragt ihn der Richter.

„Was machst du, wenn ich sterbe? Bringst du mir Blumen? Zieh mir meine Lieblingsjacke an, wenn ich tot bin.“ So spricht Milad zwei Wochen vor seinem Tod. Shirin erschrickt: „Sag so etwas nicht! Versprich, dass du lebst. Für mich.“

Wenig später liegen Rosen auf dem Asphalt eines Hinterhofs an der Berliner Straße. Daneben Kreidelinien, Umrisse eines Körpers.

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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