Mein Zahlenteufel hat ein Gehirn aus Stahl made in Braunschweig

Braunschweig.  Zeitvertreib mit Wissenschaft – Mit Mathematik kann man denken, rechnen, Spaß haben und auch einmal alles um sich herum vergessen.

Die Brunsviga-15-Rechenmaschine mit (von oben) Umdrehungszählwerk, Anzeigewerk, Einstellwerk und Resultatwerk. Rechts die Rechenkurbel.

Die Brunsviga-15-Rechenmaschine mit (von oben) Umdrehungszählwerk, Anzeigewerk, Einstellwerk und Resultatwerk. Rechts die Rechenkurbel.

Foto: Henning Noske

Eigentlich wollte ich über erste Erfolge meines Crash-Coachings in Sachen Astronomie und Himmelsbeobachtung bei den Sternfreunden Braunschweig-Hondelage berichten. Aber seit drei Tagen notorisch bedeckter Himmel – Augen, Fernglas und Fernrohr blicken ins Trübe. Da gibt’s für mich grad nichts zu entdecken. Also später.

Auch das ist Wissenschaft, man kann sich zwar die Zeit damit vertreiben, aber man braucht eben auch welche. Und muss sie sich nehmen. Und man braucht günstige Bedingungen. Da gibt’s keine Kompromisse. In der vergangenen Woche haben wir uns hier auf dem Schreibtisch mit der Mutter der Ordnung beschäftigt, mit dem Sichten und Sortieren aller Elemente im Periodensystem. Mit Chemie.

Jetzt zur elementaren Sprache der Wissenschaft, zu den Zahlen – und zu ihrer Philosophie, der Mathematik. Bitte bleiben Sie dran, es wird kurzweilig. Denn das ist der Sinn dieser kleinen Serie. Sie kann nicht den Anspruch erheben, seriöse Wissenschaft zu betreiben. Aber schon ein bisschen Lust zu machen, sich damit mal zu beschäftigen.

Ein schönes „Spielzeug“ für Spaß an der Mathematik – die alte Rechenmaschine Marke Brunsviga aus Braunschweig

Insofern ist es ganz gut, mit einer Disziplin fortzufahren, die in der Liste der Lieblingsfächer eher weiter hinten rangiert. Unberechtigterweise. Ich musste daran denken, als ich kürzlich meinen Auktionserfolg bei eBay feierte – eine Brunsviga-15-Rechenmaschine der Maschinenwerke Grimme, Natalis und Co., Braunschweig, Baujahr zwischen 1932 und 1948.

Damals gab’s noch keine Taschenrechner, keine App auf dem Smartphone. Nur das 12 Kilo schwere Gehirn aus Stahl (siehe Logo), geschmiedet und montiert aus 1000 Einzelteilen. Ein Schätzchen, heute ein phantastisches mechanisches Spielzeug, für das im Jahr 1934 noch stolze 640 Reichsmark für Kontor, Kanzlei oder Schreibstube zu berappen waren.

Steht es vor dir, musst du paradoxerweise zu rechnen verstehen, um damit rechnen zu können. Nehmen wir die interessante Aufgabe:

111 x 111

Im Einstellwerk ratschen wir die kleinen Hebel auf 1 bei den Einern, 1 bei den Zehnern, 1 bei den Hundertern. Diese 111 erscheint im Anzeigewerk und mit einer Umdrehung der schweren Stahlkurbel im Uhrzeigersinn rutscht sie runter ins Resultatwerk. Ganz oben im Umdrehungszählwerk werden die Kurbelumdrehungen gezählt. Da steht jetzt eine 1 bei den Einern. Also:

1 x 111 = 111

Den Schlitten des Resultatwerks schieben wir nun klackend um eine Stufe nach rechts auf die zweite Stelle, um den Zehner zu rechnen. Kurbeldrehung. Im Umdrehungszählwerk steht jetzt 11 (einmal Einer gedreht, einmal Zehner), im Anzeigewerk immer noch 111. Und im Resultatwerk 1221:

11 x 111 = 1221

Jetzt klackt der Schlitten wieder eine Stelle weiter, um den Hunderter zu rechnen. Kurbeldrehung. Umdrehungszählwerk: 111. Anzeigewerk 111. Resultatwerk: 12321

111 x 111 = 12321

Und so geht’s weiter:

1111 x 1111 = 1234321

11111 x 11111 = 123454321

111111 x 111111 = 12345654321

Wie lange können wir das machen, bis das Stahlgehirn den Geist aufgibt? Bis zur achten Stelle, 11111111 x 11111111. Ergebnis:

123 Billionen

456 Mrd.

787 Mio.

6 HT

5 ZT

4 T

3 H

2 Z

1 E

Macht 15 Stellen, wunderschön zu lesen wie ein mathematisches Palindrom. Das kann man von vorn und von hinten lesen so wie Hannah und Otto im Regallager. Das Kunststück zeigt aber nur schlicht und wunderschön den Zehnerübergang mit Lösung des Rätsels der Null, eine überlegte, strategische Operation, die Stahlhirn Brunsviga mühelos beherrscht.

Parallelen zum wunderschönen Kopfkissenbuch „Der Zahlenteufel“ sind gewünscht und gezielt herbeigeführt

Falls Sie jetzt Parallelen zum wunderschönen Kopfkissenbuch „Der Zahlenteufel“ von Hans Magnus Enzensberger entdecken sollten, so sind diese gewünscht und gezielt herbeigeführt. Jetzt rutschen wir wie Robert im Mathewald von den baumhohen Einsen runter, rechnen auf der Brunsviga Kommas und Dezimalstellen ein (mit Plastikschiebern), knobeln und kniffeln mit Primzahlen, doktern mit allerlei Wurzeln herum – und bekommen voll reinratschend auch noch die explosive Wirkmächtigkeit exponentiellen Wachstums gerade in diesen Zeiten eindrucksvoll eingedreht. Auch dafür sorgt eine atemberaubende Mechanik der Rechenmaschine mit Sprossenrädern, vom Universalgenie Leibniz ersonnen.

Und klar ist auch: Für manche der verblüffenden Regelmäßigkeiten im Zahlenstrom, die wir schon bei diesen ersten Operationen erkennen können, fehlt im Mathe-Kosmos bis heute eine letzte Erklärung beziehungsweise ringen sehr mathe-affine Humanhirne noch um die Deutungshoheit.

Das ficht uns nicht an, schon lange habe ich nichts mehr getan, das die Zeit so sehr schmelzen ließ. Nachts kommen die Zahlen übrigens zurück, so wie bei Robert. Und am nächsten Morgen, summasummarum, bist du wieder frisch für neue Aufgaben in diesen Tagen.

Tipps:

Rechenmaschine Brunsviga, Grimme & Natalis, Braunschweig, Flohmarkt, eBay, ab 25 Euro (Zustand beachten!)

Taschenrechner auf dem Smartphone oder Tablet, App-Store, kostenlos

Buch : Hans-Magnus Enzensberger, Der Zahlenteufel – ein Kopfkissenbuch, Hanser-Verlag, 12,95 Euro

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