Die Gluthitze von Braunschweig: So war die Leichtathletik-DM

Braunschweig.  Viele Favoriten fehlten – das tat den Wettkämpfen gut. Ein Wolfsburger wurde zum schnellsten Mann Deutschlands.

Leichtathletik-Star Malaika Mihambo jubelt über den Meistertitel.

Leichtathletik-Star Malaika Mihambo jubelt über den Meistertitel.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Laufen in gesundheitsgefährdender Hitze? Da werden Erinnerungen wach an die Wüsten-Weltmeisterschaften in Doha im vergangenen Herbst. Doch wir reden über Braunschweig und die 37 Grad im Schatten am Samstag im Eintracht-Stadion, über deutsche Leichtathletik-Meisterschaften, bei den die außergewöhnlichen Wetterbedingungen die Sportler stärker beeinträchtigten als die besonderen Hygiene- und Abstandbedingungen, unter denen diese Titelkämpfe stattfinden mussten.

Die Hitze drängte Corona ein wenig zurück

Die DLV-Organisatoren waren plötzlich mit Fragen nach mehr schattenspendenden Sonnenschirmen an der Dreisprunganlage oder einer Verlegung des 5000-Meter-Laufs in die Abendstunden konfrontiert, statt nach der Notwendigkeit des Maskentragens im gesamten Stadionrund. Ein gutes Zeichen, dass zumindest die angereisten Athleten die DM wohl doch richtig ernst nahmen und beste Voraussetzungen für starke Leistungen einforderten.

Dass eine Handvoll der bekanntesten Gesichter fehlte, kochte besonders bei den Fernsehanstalten negativ hoch. ARD und ZDF sendeten immerhin fünf Stunden live aus Braunschweig und hätten dafür eben gerne auch Konstanze Klosterhalfen, Gina Lückenkemper, Thomas Röhler, Christoph Harting und Christina Schwanitz präsentiert.

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Fiese Fragen an glückliche Gewinner

Die Debatte führte beispielsweise dazu, dass sich 100-Meter-Meisterin Lisa Marie Kwayie fragen lassen musste, ob ihr Titel in 11,30 Sekunden denn nun weniger wert sei, weil Lückenkemper und Tatjana Pinto nicht gestartet waren. Doch die 23-Jährige (Neuköllner SF) konterte gelassen und zutreffend, sie habe sich ja mit Rebekka Haase (Wetzlar/11,34) ein spannendes und gutklassiges Duell geliefert.

Das traf erst recht für die männlichen Sprintkollegen zu, die in Deniz Almas vom VfL Wolfsburg so etwas wie den Retter des ersten Tages hervorbrachten. Nach den 10,09 Sekunden des neuen deutschen Meisters vor Joshua Hartmann (Köln/10,23) und Altmeister Julian Reus (Erfurt/10,26) durfte nicht länger über die langsame Braunschweiger Bahn lamentiert werden. Der 23-Jährige Hallenmeister bestätigte in souveräner Manier seine Topzeit aus Weinheim, wo er eine Woche zuvor auf der speziellen Bahn in 10,08 Sekunden der aktuell schnellste Europäer geworden war.

Wolfsburger ist schnellster Deutscher

Almas steckte den Druck der neuen Favoritenrolle erstaunlich cool weg und nährte die Hoffnung, dass er ein neues Aushängeschild der deutschen Leichtathletik sein kann. Am Sonntag fokussierte sich die Aufmerksamkeit auf die drei größten Stars, die auch tatsächlich ablieferten.

Allen voran Weltklasse-Speerwerfer Johannes Vetter, der im Vorfeld einige Kollegen für ihr Fernbleiben scharf kritisiert hatte. Mit 87,36 Meter setzte der Offenburger ein Zeichen, dass bei diesen Titelkämpfen durchaus Topleistungen möglich waren. Gleich mit vier Versuchen übertraf er 84 Meter und klagte über den etwas zu glatten Untergrund. „Sonst wären vielleicht auch 90 Meter drin gewesen.“

Sein Rivale Andreas Hofmann (77,35/Mannheim) musste sich mit Silber begnügen. „Aber er kam aus einer Verletzung und hat sich richtig gut durchgebissen“, lobte Vetter den Kollegen und sagte im Blick auf die, die wegen Formschwäche „nicht die Eier hatten“, in Braunschweig anzutreten: „Das ist das Engagement, das wir in unserer Gesellschaft zeigen müssen.“

Weltmeisterin Malaika Mihambo (LG Kurpfalz) gewann den Weitsprung souverän mit 6,71 Meter, obwohl sie auf der schwingenden Steganlage mit deutlich verkürzten Anlauf, mit 16 statt 20 Schritten, loslegte. „Das hat gut geklappt“, sagte sie. Der böige Wind sei allerdings schwierig gewesen.

Und Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko (Leverkusen) hatte schon mit 2,23 Meter gewonnen, setzte aber mit 2,28 noch eins drauf.

Ohne Überflieger waren interessante Wettkämpfe zu sehen

Die meisten großen Favoriten setzen sich relativ sicher durch ohne ganz groß zu glänzen, was sicher auch dem Fehlen von Zuschauern und ihrem emotionaler Push geschuldet war. Wo ein Überflieger fehlte, wurde es oft richtig spannend. So boten diese so besonderen Titelkämpfe unter dem Strich viele ordentlich, aber nur wenige herausstechende Leistungen.

Doch wie hätte es angesichts der Corona-Pause und der abgesagten internationalen Höhepunkte auch anders sein sollen? Wer will da einen Vergleich ziehen mit unter normalen Umständen erbrachten internationalen Topwerten?

Traurige Mienen bei den Verlierern

Die meisten Athleten zeigten sich froh, dass der DLV diese Titelkämpfe und somit einen echten Saisonhöhepunkt allen Widrigkeiten zum Trotz angeboten hatte. Und wer scheiterte, war erstmal untröstlich, wie die tragischen Figuren des ersten Tages. Hindernis-Star Gesa Krause, die nach zwei Dritteln kraftlos aus ihrem 3000-m-Rennen ausgestiegen war, und Hürden-Ass Pamela Dutkiewicz, die im Halbfinale an einer Hürde hängen geblieben war, ärgerten sich maßlos, dass sie keinen guten Auftritt zustande gebracht hatten.

Die Titelkämpfe hätten „einen symbolischen Wert“ gehabt, sagte Mihambo. „Unter den Umständen und für die Kürze der Zeit hat der Verband was Gutes auf die Beine gestellt“, lobte auch Vetter. Es habe Weltklasseleistungen gegeben, wenn auch nicht so viele wie erhofft, sagte er. „Das Fernsehen kann froh sein, dass sie uns übertragen haben.“

Und die Hitze? „Es ist ja nicht so, dass wir uns keine Gedanken gemacht hätten“, sagte DLV-Eventdirektor Marco Buxmann.

Verschiedene Hitze-Maßnahmen

Man habe die Lage mit Medizinern erörtert und zusätzliche Trinkgelegenheiten und Abkühlungsmöglichkeiten aufgebaut. Die langen Rennen von 17 Uhr kurzfristig noch weiter in den Abend zu legen, sei aber nicht möglich gewesen, was auch an den Auflagen zur Coronabekämpfung lag: „Die Athleten waren ja längst zu bestimmten Timeslots ins Stadion bestellt worden.“

Und außerdem, fügte Buxmann in Erinnerung an die ursprüngliche Bestimmung dieser Titelkämpfe als Olympiaqualifikation an: „Wer in Tokio dabei sein möchte, muss sich an die Temperaturen gewöhnen. Das hatte hier schon was von Tokio.“

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