Applaus statt Pfiffe: Gündogan trifft

Watutinki  Mesut Özil meldet sich über die sozialen Netzwerke zu Wort - aber nicht zum umstrittenen Besuch beim türkischen Präsidenten Erdogan. Ilkay Gündogan kann sich fern von Deutschland über Beifall freuen. Löw sieht seine wichtigste Aufgabe: Beide in den Flow zu bekommen.

Ilkay Gündogan zeigte sich beim öffentlichen Training agil und entschlossen.

Foto: dpa

Ilkay Gündogan zeigte sich beim öffentlichen Training agil und entschlossen.

Endlich durfte Ilkay Gündogan wieder Applaus und aufmunternde Zustimmung genießen.

Mesut Özil schickte derweil persönliche WM-Signale an seine Fans und das Gastgeberland Russland, ohne auf das weiter heftig diskutierte Treffen und die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einzugehen. "Ich freue mich nicht nur auf die Spiele, sondern auch auf das Land, seine Leute und Kultur", twitterte Social-Media-König Özil in russischer Sprache: "Das ist Teil jedes Turniers." Für die gebürtigen Gelsenkirchener Özil und Gündogan wird es auf jeden Fall ein sehr spezielles.

"Wir haben mehrmals gesprochen mit den Spielern, mit dem DFB, mit der Kanzlerin", sagte Bundestrainer Joachim Löw. "Meine Aufgabe ist jetzt, beide Spieler, die sicher von der Situation beeindruckt waren und gelitten haben, so weit in Form zu bringen, dass sie für unsere Mannschaft einen Mehrwert haben." Es könne sein, dass Özil und Khedira auch bei der WM von einigen Pfiffen begleitet werden. Es gehe für ihn aber darum, dass beide jetzt "in den Flow kommen", unterstrich der 58-Jährige.

Für ihn als Trainer sei "zu diesem Thema alles gesagt in der Öffentlichkeit", ergänzte Löw. "Ich hoffe, dass beide im Kopf den Schalter umlegen und sich jetzt auf das konzentrieren können, was für uns wichtig ist."

Nach Ansicht von DFB-Präsident Reinhard Grindel geht das Thema weit über die Nationalmannschaft hinaus: Auch im Sport spiegele sich die veränderte Sicht der Gesellschaft auf Zuwanderung und Integration wider. "Aber jetzt sollten wir uns wieder darauf besinnen, dass der Fußball eine Integrationskraft hat." Und wenn Özil schon keine Antworten in Interviews geben wolle, "dann auf dem Platz", erklärte der Verbandschef. Und die Fans sollten alles tun, "um der Mannschaft den Rücken zu stärken".

Beim öffentlichen Training der Nationalmannschaft am Mittwoch in Watutinki wirkte Gündogan auf dem Spielfeld wieder agiler und entschlossener, hat auch Löw beobachtet. "Jeder hat gesehen, dass er nach dem Spiel in Leverkusen erst einmal geknickt war", bemerkte der DFB-Chefcoach. Die zwei, drei Tage danach Im Kreise seiner Familie wären dann gut gewesen für Gündogan. "Da hat er etwas Zuspruch bekommen", sagte Löw.

Zusammen mit Özil, dessen Pässe auf dem Übungsplatz herausstachen, übte Gündogan am Mittwoch zunächst in einer Gruppe. Pfiffe gegen beide gab es vom überwiegend jungen Publikum nicht im Moskauer Vorort, in dem rund 12.000 Menschen in riesigen Plattenbauten wohnen. Als Gündogan beim Trainingsspiel Acht gegen Acht das erste Tor des Kleinfeld-Turniers erzielte, bekam er Applaus von den Rängen.

Löw sprach auf dem Rasen kurz unter vier Augen mit Özil, der beim 2:1 gegen Saudi-Arabien wegen einer Knieprellung geschont worden war. Özil und der DFB verbreiteten - diesmal in Englisch - die Botschaft: "Pünktlich zu unserem ersten Training in Russland zurück." Dazu war ein Bild eines lachenden Özil mit dem Teamkollegen Marco Reus zu sehen. Über das umstrittene Foto mit Erdogan will sich der Profi des FC Arsenal auch während der WM-Zeit in Russland nicht äußern.

Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatten mit Özil und Gündogan gesprochen. Der DFB bemühten sich um Schadensbegrenzung. Wirklich gelungen ist das bislang nicht, wie die massiven Unmutsbekundungen der deutschen Fans gegen Gündogan beim Spiel gegen den WM-Teilnehmer Saudi-Arabien in Leverkusen zeigten.

Löw kontaktierte deshalb auch den Spielerrat, um mögliche Folgen der Affäre auf die sportliche Leistung des Teams auszuloten: "Alle sind fokussiert auf die sportliche Ziele. Die beiden Spieler sind in der Mannschaft respektiert und anerkannt", berichtete Löw und ergänzte: Beide würden "wahnsinnig gern" für Deutschland spielen.

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