Das Hygienekonzept im Braunschweiger Stadion: Lieber strenger

Braunschweig.  Bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft am Wochenende werden die Beteiligten durch ein ausgeklügeltes System auf Abstand gehalten.

Die DLV-Macher Manfred Mamontow (links) und Marco Buxmann vor einer großen Kiste mit Hygiene-Material, das am Wochenende reichlich im Eintracht-Stadion Verwendung finden wird.

Die DLV-Macher Manfred Mamontow (links) und Marco Buxmann vor einer großen Kiste mit Hygiene-Material, das am Wochenende reichlich im Eintracht-Stadion Verwendung finden wird.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Eigentlich hatten sie sich beim deutschen Leichtathletik-Verband viel von den Fußballern und den Basketballern abschauen wollen. „Aber das war überhaupt nicht vergleichbar, sagt Generaldirektor Idriss Gonschinska im Blick auf die Corona-Hygienekonzepte. „Die Basketballer hatten eine perfekte Quarantäne bei ihrem Finalturnier, und die Fußballer sind sieben Tage vor dem Start in die Isolation gegangen.“ Zur deutschen Leichtathletik-Meisterschaft aber kommen an diesem Wochenende im Braunschweiger Eintracht-Stadion knapp 500 Athleten aus zig Vereinen zusammen.

Also musste eine eigene Strategie her, um die behördlichen Auflagen zu erfüllen. Und zwar die aus dem April, als das Konzept entwickelt und zur Genehmigung eingereicht wurde. So waren zunächst die Mittelstreckenläufe außen vor, was dem Verband einigen Ärger mit seinen Athleten einbrachte. Doch mittlerweile dürfen die 34 Wettbewerbe in üblicher Weise stattfinden. Das Hygienekonzept des DLV fand allgemein große Anerkennung bei den Prüfinstitutionen, und die Macher um Eventdirektor Marco Buxmann sind stolz auf ihr „Leuchtturmprojekt“.

Vier Zonen mit Eigenleben

Seit Dienstag wird im Stadion aufgebaut, das in seiner Weitläufigkeit wie gemacht ist für Titelkämpfe unter strengen Corona-Auflagen. Dabei geht es erstmal darum, die Wege der verschiedenen Beteiligten so zu führen, dass das Abstandsgebot eingehalten wird. Das Areal ist in vier Zonen aufgeteilt, die für sich relativ abgeschlossen bleiben, eigene mobile Toiletten bekommen und in denen sich die Berechtigten im Einbahnstraßensystem bewegen: Innenraum, Tribüne und Katakomben, Umlauf und Presseplätze sowie Aufwärmbereich.

Über allen Planungen schwebt zudem die Maßgabe, dass zu keinem Zeitpunkt mehr als 999 Menschen im Stadion sein dürfen. Das bedeutete zunächst mal, dass die Teilnehmerfelder in allen Bereichen zusammengestrichen wurden – über den Daumen gab es für Athleten, Betreuer, Kampfrichter, Helfer, Dienstleister und Medienvertreter jeweils höchstens die Hälfte der üblichen Akkreditierungen. Selbst der DLV entsende nur eine Mini-Delegation mit Präsident Jürgen Kessing, dem Generaldirektor und dem Vizepräsidenten für Leistungssport, betont Buxmann.

Ins Stadion nur in festen Zeitfenstern

Trotzdem sind nach seiner Schätzung rund 1500 Menschen involviert. So wurden die beiden Wettkampftage in vier Sessions unterteilt wurden, um die Zahl der jeweils anwesenden Athleten- und Betreuer zu limitieren und in den Pausen Zeit für ausgiebige Desinfektionsmaßnahmen zu haben.

Worauf müssen sich die Athleten also einstellen?

Training am Vortag ist nicht möglich. Das Stadion öffnet erst am Samstag und immer nur für diejenigen, deren festgelegtes Zeitfenster das Betreten erlaubt – zwei bis zweieinhalb Stunden vor dem Start. Die Sportler haben mit ihren Betreuern an der Rheingoldstraße einen eigenen Eingang, während alle anderen Gruppen über die Hamburger Straße eingelassen werden.

Hitzeschock beim Fiebermessen?

Jeweils Pflicht: Ein unterschriebener Corona-Fragebogen, ein Identitätscheck und Fiebermessen. „Da könnte es bei der Hitze noch Probleme geben“, ahnt Stadionchef Stephan Lemke aus seiner Erfahrung mit den Fußballspielen der Eintracht.

Die Leichtathleten werden dann direkt in den Aufwärmbereich geleitet. Dort können sie kleine Zelte beziehen oder eigene aufbauen und auf Videowänden das Stadion-Geschehen verfolgen. Platz sei auf den Rasenplätzen hinter der Arena genug, damit alle auf Abstand ihre Vorbereitung durchziehen können, betont Manfred Mamontov, aus Salzgitter stammender technischer Direktor des DLV. „Ich wüsste nicht, wo es in Deutschland noch so ein großzügiges Angebot zum Aufwärmen gibt“, sagt der Ex-Mittelstreckler der LG Braunschweig mit der Erfahrung von nunmehr 20 Jahren DM-Organisation.

Ein Stuhl für jeden Athleten

Zum Wettkampf werden die Athleten in ihrer Starter-Gruppe über den Callroom in den Innenbereich geführt, so wie es bei größeren Meisterschaften ohnehin üblich ist. Die Werfer müssen alle ein eigenes Wurfgerät mitbringen und dürfen nicht tauschen. Zwischen den Wettkampfversuchen wird nicht zusammen auf der Bank gesessen, sondern jeder bekommt einen Stuhl zugewiesen.

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Anfeuern verboten

Nach dem Wettkampf dürfen sich Sportler maximal eine Stunde auslaufen, dann haben sie das Stadion zu verlassen. Traurig für die Medaillengewinner: Sie müssen sich ihr Edelmetall selbst von einem Tisch nehmen. Und in der Arena noch die Teamkollegen anzufeuern, ist auch verboten. Dann sei man ja Zuschauer, und die seien nicht zugelassen, erklärt Buxmann. Auch die Trainer dürften sich nur so lange wie nötig in den Coachingzonen aufhalten.

Umkleiden und Duschen bleiben zu. Sie würden aber unter normalen Umständen auch kaum genutzt, erläutert der Eventdirektor. „Die Athleten kommen fast alle umgezogen aus dem Hotel und fahren zum Duschen wieder zurück.“

Maskenpflicht und Hygieneberater

Insgesamt herrscht neben dem Abstandsgebot auch Maskenpflicht für jeden, der sich im Stadion bewegt. „Wir hatten anfangs sogar Corona-Schnelltests für alle geplant und hatten schon ein Labor an der Hand“, erzählt Mamontow. Doch das sei nach der aktuellen Landesverordnung zum Glück nicht mehr nötig gewesen, die ja Wettkampfsport in kleinen Gruppen erlaubt.

Dafür haben sich die DLV-Verantwortlichen dazu entschlossen, einen unabhängigen Hygieneberater zu Rate zu ziehen. Dr. Tilman Grommé, Facharzt und Hygieneexperte, soll die Einhaltung der Regeln streng überwachen und auch weisungsbefugt sein. „Wenn jemand auffällig wird oder sich über etwas beschweren will, haben wir einen Clearing Point eingerichtet, an dem die Sache geklärt wird“, verdeutlicht Buxmann.

Kein Problem für Hendel und Lawnik

Unter dem Strich ein Riesenaufwand also, von dem die Athleten aber nicht sonderlich beeinflusst werden. Denn viele werden es so praktizieren, wie Braunschweigs 5000-Meter-Ass Sebastian Hendel. „Ich lese mir die Sachen am Tag vorher durch und halte mich dran, so wie sonst auch“, sagt der deutsche Meister von 2018 aus dem Vogtland. „Da mache ich mir keine große Platte.“

Und auch sein Teamkollege Julius Lawnik hat sich nicht besonders mit den Auflagen beschäftigt, will sie aber akkurat einhalten und hat nichts zu kritisieren. „Die Bedingungen sind doch für alle gleich“, sagt er. „Und ich bin ja froh, dass überhaupt ein richtiger 800-Meter-Lauf stattfindet und wir nicht in Bahnen bleiben müssen.“

Mulmiges Gefühl wegen Corona-Zahlen

Nach heutigen Corona-Regeln wäre manche kleinere Einschränkung vielleicht nicht mehr nötig. Aber die Genehmigung für das Konzept der Titelkämpfe stammt eben aus dem Frühsommer. „Und was da steht, setzen wir um“, betont Mamontow.

Beim DLV hofft man, dass alle Athleten und Betreuer mitziehen und ist sicher froh, dass die zu zweifelhaftem Ruhm gekommene Corona-Leugnerin Alexandra Wester nicht startet. Lieber etwas strenger als zu lax auf Abstand gehen heißt die Devise. Denn Buxmann gibt zu, es sei ihm zuletzt wieder etwas mulmiger geworden angesichts der bundesweit steigenden Corona-Zahlen. „Und wir wollen mit der Meisterschaft ja durch sportlichen Erfolg in Erinnerung bleiben.“

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