Dürre und Brände: Wie geht es weiter mit unseren Wäldern?

Berlin.  Wegen Dürre nehmen Flächenbrände in Deutschland zu. Experten suchen Konzepte für verbrannte Natur: Welcher Wald soll dort entstehen?

Bundesregierung will über eine halbe Milliarde für Wälder bereitstellen

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner stellt angesichts massiver Schäden durch Brände, Dürre und Schädlinge mehr Geld für deutsche Wälder in Aussicht.

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Dietrich Henke kann sich noch gut erinnern, wie alles harmlos begann. Wie die Flammen nur am Boden loderten. Wie sie dann auf die jungen Bäume mit hohem Nadelanteil übergriffen und schließlich zur Feuerwalze wurden. Wie die Feuerwehr nicht mehr in den Wald durfte und schließlich Hubschrauber der Bundeswehr zu Hilfe kamen, drei Dörfer evakuiert werden mussten.

Henke ist Stadtförster in Treuenbrietzen, einer Kleinstadt im Südwesten Brandenburgs. Den größten Waldbrand des Landes der letzten 30 Jahre wird er so schnell nicht vergessen.

Fast zwei Jahre ist das große Feuer her. Seitdem sucht Henke nach dem besten Weg für seinen neu entstehenden Wald. Er steht vor einer Frage, die sich in Zukunft häufiger stellen wird: Was soll mit den Flächen geschehen, über die die Flammen hinweggezogen sind?

Immer mehr Waldbrände: Beginnt das Zeitalter des Feuers?

Experten sagen, die Welt könnte am Beginn des Pyrozäns stehen, dem Zeitalter des Feuers. Das heißt: Es wird häufiger brennen – auch in Deutschland. Der April war extrem trocken. Aktuell herrscht in einigen Teilen des Landes höchste Waldbrandstufe, im nordrhein-westfälischen Gummersbach brannten vor zwei Wochen 35 Hektar Wald.

Henkes Wald soll widerstandsfähig werden, sagte er, gerade in Zeiten des Klimawandels. Aber auch Ertrag soll er bringen. Um die beste Lösung zu finden, hat er einen Teil seines Forstes in die Hände der Wissenschaft gelegt.

Der Wald von Treuenbrietzen wird zum Forschungsfeld

Etwa in die von Jeanette Blumröder von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Und die tut auf der abgebrannten Fläche vor allem: nichts. „Das hier kommt alles von ganz allein“, sagt sie inmitten der fast zwei Meter hohen Pappeln. Dazwischen kleine Weiden, Birken und Kiefern. Am Boden Moos, das die umgestürzten schwarzen Stämme überwuchert.

Es sind Kleinode inmitten von Kiefern, die verkohlt sind bis auf halbe Höhe. Ein Alter, eine Höhe, akkurat gesetzt. Selbst die Furchen sind noch zu sehen, 60 Jahre nachdem hier für die schnelle Ernte gepflanzt wurde. Ein Forst wie viele andere in der Region.

Kühler und feuchter – das Mikroklima hat sich wegen Dürre geändert

Natürlich, so die Ökologin, Pappeln, Weiden, Birken – das seien keine Arten, die einen Wald formen. Aber Laub brächten die erst mal rein und Boden mit einer echten Humusschicht. Danach könne sich alles Weitere entwickeln, Buchen und Eichen.

Ein „vielversprechendes Mikroklima“ habe sich schon jetzt gebildet. Die Luft ist bis zu fünf Grad kühler, der Boden feuchter, die Erosion geringer als ohne Bäume. All das verringert das Waldbrandrisiko.

Die Zahl der Brände hat sich vervierfacht – und das Risiko steigt weiter

Allein für 2018 zählte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für Deutschland mehr als 1700 Waldbrände, mehr als viermal so viele wie im Jahr zuvor. Und das Umweltbundesamt sagt für Deutschland ein steigendes Waldbrandrisiko voraus. Nach dem extrem trockenen Jahr 2019 könnte auch 2020 eine neue Dürre bevorstehen.

Zurück auf dem Treuenbrietzener Versuchsfeld, einige Hundert Meter weiter. Hier ist alles kahl, mehr als 300 Hektar, bis zum Horizont. Die Luft ist trocken, der Wind pfeift. Vereinzelt ragen Stümpfe auf. Keine Spur von Grün. Allein die frischen Furchen deuten an, hier ist etwas im Gange.

Neue Bäume sind im vergangenen Jahr gesetzt worden. Schaut man genauer hin, erkennt man die zehn Zentimeter hohen Pflänzchen, grau und unscheinbar – Kiefern. Vertrocknet, weil das vergangene Jahr zu trocken und warm war. Dazwischen einzelne grüne Stiele. Ebenfalls Kiefern, gesetzt in diesem Jahr.

Das, was hier geschieht, nennt man den klassischen Weg: Eine Holzernte-Maschine sägt die verbrannten Baumreihen ab. Der Boden wird umgewälzt, die Asche untergepflügt. Dann wird rasch aufgeforstet mit Pflanzen, die schnell wachsen und Ertrag bringen. Als es noch mehr Regen gab, hat das funktioniert.

Wald, der sich finanziell lohnen soll, braucht menschlichen Eingriff

„Hart mit anzusehen“, nennt das Blumröder. Wie die Fehler der Vergangenheit wiederholt würden. Unmengen an Arbeit, Geld und Ressourcen flössen hinein, um keinen Schritt weiter als die Natur zu sein. Im Gegenteil: Die Bäume, die gepflanzt wurden, hätten offensichtlich deutlich schlechtere Aussichten als jene, die als Samen zwischen den verbrannten Stämmen gelandet waren.

So einfach ist es nicht, sagt Förster Henke. Moose, Pilze, Feuchtigkeit, das sei alles schön, sagt er mit Blick auf die Flächen, die sich selbst überlassen sind. Bis dort aber von allein Wald entsteht, der auch finanziellen Nutzen bringe, sprich Holz, dauere es zu lange.

Die Stadt will pro Jahr 100.000 Euro Erlös aus dem Wald ziehen

Die Kiefer siedele sich bei derart großen Flächen nicht ausreichend selbst an, sagt Henke. „Da sitzt mir die Stadt im Nacken.“ 100.000 Euro wolle die an Erlös im Jahr aus dem Wald ziehen. „Wenn wir hier nur einen ökologisch wertvollen Wald wollen, müssen wir auf das Ökonomische verzichten.“

Anruf bei Johann G. Goldammer, einem der bekanntesten Feuerökologen Deutschlands. Seit Jahrzehnten untersucht er von Indonesien bis Polen, wie sich Brände auf die Natur auswirken. Für die trockenen Wälder Nordostdeutschlands gibt er zu verstehen: Eigentlich bräuchte es mehr Feuer.

Goldammers Idee: Ein Wald nach dem Vorbild der sibirischen Taiga. Bislang, so Goldammer, verstehe man naturnahen Wald allein als artenreichen Mischwald. „Der Klimawandel wird uns dafür aber an vielen Stellen keine Gelegenheit lassen.“

Nur eine Gattung besiedle weltweit die extremsten Standorte: „Pinus, die Kiefer, mit ihren 105 Arten und ihren tiefen Pfahlwurzeln.“ Die Taiga mache uns vor, wie sie auf nährstoffarmen Sandböden stabile Systeme bilde. Und das fast in Reinkultur.

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Schafe und Rotwild könnten die Flammen „imitieren“

Den entscheidenden Unterschied zu den Kiefernplantagen wie etwa in Brandenburg mache nur eines: das Feuer. Das zieht alle 20 bis 30 Jahre über die Wälder hinweg, entfernt schwache Bäume.

Verschiedene Altersklassen entstehen, mit viel Licht dazwischen. Parkähnliche Naturwälder statt Plantagen, und dennoch „wirtschaftlich interessant“, nennt es Goldammer.

Kontrolliert Brennen müsste man eigentlich dafür, sagt er, also gezielt kleine Feuer legen. Weil die Vorbehalte dagegen groß sind, will er die Flammen imitieren. Mit Schafen und Rotwild etwa.

Die Tiere würden das leicht brennbare trockene Gras fressen und sorgten dafür, dass weniger Bäume nachkommen. Die bräuchten weniger Wasser, mehr Licht bliebe für die ohnehin stärkeren.

Der Ökologe widerspricht: Deutschland ist und wird nicht Sibirien

Und was sagen die Eberswalder Wissenschaftler? Er könne den Vorschlag „aus waldökologischer Sicht überhaupt nicht verstehen“, erklärt der leitende Ökologie-Professor, Pierre Ibisch. Er sagt: „Auch wenn man vieles noch nicht weiß – gerade für die Anpassung an den Klimawandel ist das komplett die falsche Richtung.“

Noch immer befinde man sich hier in der Zone der Laubmischwälder, das ändere sich auch nicht kurzfristig und auf keinen Fall hin zu einer Situation wie in Sibirien.

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