Corona-Impfallianz: Wie sich Deutschland Impfstoff sichert

Berlin.  Gemeinsam mit anderen Ländern hat sich Deutschland 300 Millionen Corona-Impfdosen gesichert. Wir erklären den Plan der Impfallianz.

Coronavirus: Fortschritte bei Suche nach Impfstoff

Über 150 Projekte forschen weltweit nach einem Impfstoff. Jetzt gibt es die ersten Erfolge.

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Die ganze Welt wartet auf einen Impfstoff gegen das Coronavirus Sars-CoV-2. Denn erst dann kann ein Leben frei von Einschränkungen wie das Tragen von Masken und das Halten von Abstand wieder möglich sein. Wie lange es allerdings noch dauert, bis eine Impfung zur Verfügung steht – darüber scheiden sich die Expertengeister. Frühestens nächstes Jahr, sagen die Vorsichtigen. Schon Ende dieses Jahres die Optimisten.

Deutschland schließt Vertrag über 300 Millionen Impfdosen

Um zumindest schnellstmöglich Zugriff auf einen möglichen Impfstoff zu haben, haben Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Italien mit einem Hersteller einen Vertrag über mindestens 300 Millionen Impfdosen geschlossen. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium am Samstag mit. Über den Zeitpunkt äußerte sich das Ministerium optimistisch: Die Entwicklung eines Impfstoffs könnte im günstigen Fall bereits Ende dieses Jahres abgeschlossen sein, hieß es.

Konkret geht es um den Covid-19-Impfstoff AZD1222, den Forscher an der britischen Universität Oxford entwickelt haben und den nun das Pharmaunternehmen AstraZeneca herstellen und vertreiben möchte. Dabei handelt es sich um eine abgeschwächte Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen.

Der Impfstoff hat sich bei 320 Personen als sicher erwiesen

Das Virus enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Die Impfung soll die körpereigene Abwehr auf Trab bringen, damit es den Erreger im Falle einer Infektion unschädlich machen kann. Seit Anfang Mai wird der Impfstoffkandidat mit Menschen getestet.

Bislang hätten 320 Personen den Impfstoff erhalten und er habe sich als sicher und gut verträglich erwiesen, heißt es in einer Mitteilung von AstraZeneca. Das Unternehmen weist jedoch darauf hin, dass auch Nebenwirkungen wie Fieber, grippeähnliche Symptome, Kopfschmerzen oder Armprobleme möglich seien.

Von dem Impfstoff-Deal sollen alle EU-Staaten profitieren

Von dem Deal profitieren sollen nicht nur die vier Länder, sondern alle EU-Staaten, die dabei sein wollen. Die Impfdosen würden relativ zur Bevölkerungsgröße aufgeteilt. AstraZeneca nannte sogar eine Lieferung von „bis zu 400 Millionen Dosen“. Nach eigenen Angaben hatte das Unternehmen zuvor schon ähnliche Vereinbarungen unter anderem mit Großbritannien, den USA und Indien über 1,7 Milliarden Impfdosen abgeschlossen.

Spahn: „Viele Länder haben sich Impfstoffe gesichert, Europa nicht.“

In den kommenden Monaten soll der Impfstoff in einer Studie an insgesamt gut 10.000 Erwachsenen geprüft werden. Der Impfstoff sei in der klinischen Entwicklung am weitesten fortgeschritten, betont das Bundesgesundheitsministerium. „Viele Länder der Welt haben sich schon Impfstoffe gesichert, Europa noch nicht“, erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Samstag zum Vertragsabschluss. „Durch das zügige koordinierte Agieren einer Gruppe von Mitgliedsstaaten entsteht in dieser Krise Mehrwert für alle EU-Bürger.“

Der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza betonte, der Versuchsprozess sei in einem „fortgeschrittenen Stadium“ und werde im Herbst abgeschlossen. Dann könne bis Ende des Jahres mit der Verteilung der ersten Tranche begonnen werden. „Der Impfstoff ist die einzige endgültige Lösung für Covid-19“, schrieb er auf Facebook. Auch interessant: So teuer könnte der Corona-Impfstoff werden

Produktionskapazitäten frühzeitig sichern

Die vier EU-Staaten haben sich laut Bundesgesundheitsministerium zu einer Impfallianz zusammengeschlossen und sind mit mehreren Unternehmen im Gespräch, die an Impfstoffen forschen. „Damit Impfstoffe sehr zügig nach einer möglichen Zulassung in diesem oder im nächsten Jahr in großer Zahl verfügbar sind, müssen Produktionskapazitäten schon jetzt vertraglich gesichert werden“, hieß es.

Laut dem Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) laufen derzeit (Stand 11. Juni) weltweit mindestens 150 Impfstoffprojekte, von kleinen Firmen wie Biontech aus Mainz oder Curevac in Tübingen bis zu Konzernen wie Sanofi und GlaxoSmithKline.

AstraZeneca bereitet bereits Massenproduktion vor

Noch vor kurzem dauerte die Entwicklung von Impfstoffen 15, manchmal 20 Jahre. Neue Technologien und Vorgehensweisen können den Prozess beschleunigen: So bereitet etwa AstraZeneca schon jetzt die Massenproduktion des Präparats vor. Lesen Sie hier: So läuft die Entwicklung eines Impfstoffs ab

Wie lange die britische Studie braucht, um belastbare Resultate zu erbringen, hängt auch vom Verlauf der Pandemie ab: „Wenn die Übertragungsrate hoch bleibt, könnten wir in einigen Monaten genug Daten haben, um zu beurteilen, ob die Impfung funktioniert“, schrieb die Universität Oxford.

„Aber wenn die Übertragung abfällt, könnte dies bis zu sechs Monate dauern.“ Daher würden in der Studie vor allem Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko wie etwa Mitarbeiter im Gesundheitswesen getestet.

Der Impfstoff könnte dennoch scheitern

Und wenn die Impfung doch nicht schützt oder andere Hersteller schneller sind? Die Uni Oxford räumt ein, dass ein beträchtlicher Teil der Impfstoffe in klinischen Studien scheitert. Dafür, so das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage, gebe es Vertragsklauseln.

Und auch AstraZeneca betont, man sei sich bewusst, dass der Impfstoff möglicherweise nicht funktioniere. Das Unternehmen habe sich trotz dieses Risikos verpflichtet, „das klinische Programm sowie die Herstellung zügig voranzutreiben“, heißt es in der Mitteilung.

Bund beteiligt sich mit 300 Millionen Euro an Impfstoffhersteller CureVac

Auch an anderer Stelle kümmert sich die Bundesregierung bereits um die Corona-Impfungen der Zukunft: Der Bund beteiligt sich an dem in der Corona-Impfstoffforschung aktiven Tübinger Biotechunternehmen CureVac. In den kommenden Tagen werde die staatliche KfW-Bank für 300 Millionen Euro 23 Prozent der Anteile an CureVac zeichnen, kündigte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Montag in Berlin an.

Mit dieser Beteiligung solle CureVac finanzielle Sicherheit gegeben werden. Auf die geschäftspolitischen Entscheidungen von CureVac werde der Bund keinen Einfluss nehmen, sagte Altmaier.CureVac arbeitet gemeinsam mit dem bundeseigenen Paul-Ehrlich-Institut an der Herstellung eines Impfstoffs.

(lary/dpa)

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