Marke VW will bis zu 7000 Stellen streichen

Wolfsburg.  Betroffen ist vor allem die Verwaltung in Wolfsburg. Der Betriebsrat will Altersteilzeit auch für die Produktion.

Ein VW-T-Roc in einem Turm der Autostadt.

Ein VW-T-Roc in einem Turm der Autostadt.

Foto: Peter Steffen / dpa

Um mehr finanziellen Spielraum für Investitionen zu haben, verschärft die Marke VW ihren Sparkurs. Das kündigte der Autobauer am Mittwoch an. Das Ziel: Ein Ergebnisverbesserungsprogramm soll ab 2023 jährlich 5,9 Milliarden Euro einbringen. Dabei geht es je zur Hälfte um Einsparungen, aber auch um höhere Erträge.

Ralf Brandstätter, der das operative Geschäft der Marke VW leitet, begründete das neue Sparpaket mit den hohen Investitionen für die Digitalisierung und den Umbau zur Elektromobilität. 2016 sei der Autobauer davon ausgegangen, dass er dafür 7 Milliarden Euro benötige. „Inzwischen rechnen wir mit insgesamt 19 Milliarden Euro an Investitionen“, sagte er. Die Differenz beträgt also 12 Milliarden Euro.

Ein zentraler Sparhebel ist der Abbau von Arbeitsplätzen. Im Gespräch sind 5000 bis 7000 Stellen, die in der Verwaltung wegfallen sollen. Dort sollen Routinevorgänge durch den Einsatz digitaler Technik automatisiert werden. Betroffen ist nach Angaben Brandstätters insbesondere die Markenzentrale in Wolfsburg, wo besonders viele Verwaltungsaufgaben angesiedelt sind.

Wie er weiter ausführte, sollen die Stellen vor allem über über Altersteilzeit, also ohne betriebsbedingte Kündigungen abgebaut werden. Über die Altersteilzeit könnten in den nächsten drei Jahren bis zu 11.000 Stellen gestrichen werden. Für die deutschen Werke gilt eine Beschäftigungssicherung bis mindestens 2025.

Schon der 2016 mit dem Betriebsrat vereinbarte „Zukunftspakt“ für die Marke VW beinhaltet allein in Deutschland den Abbau von 14.000 Arbeitsplätzen und ein Sparziel von drei Milliarden Euro bis 2020. Wie Brandstätter ausführte, wurden davon bereits 2,4 Milliarden Euro erreicht. Mehr als 9000 Altersteilzeitverträge wurden bisher unterschrieben, 6300 Stellen laut Brandstätter netto aufgebaut. Der „Zukunftspakt“ werde nun „konsequent“ zu Ende gebracht. Das neue Ergebnisverbesserungsprogramm soll sich dann vom nächsten Jahr an nahtlos anschließen. Werden Zukunftspakt und das neue Sparprogramm zusammengerechnet, reduziert die Marke VW die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland innerhalb von acht Jahren um etwa 20.000.

2000 neue Arbeitsplätze sollen geschaffen werden

Beide Sparprogramme sehen aber nicht nur das Streichen von Jobs vor, sondern auch den Aufbau. Dabei geht es um Stellen in sogenannten „Zukunftsfeldern“. Gemeint sind vor allem IT- und Software-Spezialisten. Laut Brandstätter wurden in diesem Segment seit 2016 bereits 2700 Arbeitsplätze geschaffen. Weitere 2000 sollen hinzukommen. Angekündigt war allerdings allein im „Zukunftspakt“ der Aufbau von 9000 Stellen in den „Zukunftsfeldern“.

VW-Personalvorstand Gunnar Kilian kündigte an, dass nun gemeinsam mit dem Betriebsrat Bereich für Bereich im Unternehmen durchgearbeitet werden, um Stellen zu identifizieren, die wegfallen können. Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte am Mittwoch, der Betriebsrat werde dem Abbau der Stellen nur zustimmen, wenn die Arbeit, die an den Stellen hängt, tatsächlich wegfällt. „Einer Fremdvergabe werden wir nicht zustimmen. Der Betriebsrat sieht die Aussagen der Unternehmensseite zu den 5000 bis 7000 Arbeitsplätzen daher sehr kritisch.“ Osterloh fügte hinzu: „Hirngespinste von externen Unternehmensberatungen werden wir nicht akzeptieren.“

Laut Osterloh hat sich der VW-Vorstand bisher „geweigert“, die Jahrgänge nach 1961 für die Altersteilzeit (ATZ) freizugeben. „Gut, wenn sich das jetzt endlich ändert.“ Der Betriebsratschef forderte jedoch, dass das Altersteilzeit-Angebot nicht auf die Verwaltung beschränkt bleiben dürfe, sondern auch für die Mitarbeiter in der Produktion gelten müsse. „Der Betriebsrat will nicht, dass der Vorstand eine Zwei-Klassen-Belegschaft einführt – die einen bekommen ATZ, die anderen nicht. Für uns gibt es nur eine Belegschaft, nämlich die von VW“, sagte er.

Osterloh betonte: „Altersteilzeit kann es nur nach dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit geben: Die jeweilige Aufgabe muss entfallen und betroffene Kolleginnen und Kollegen müssen früher in den Ruhestand wollen.“ Sonst hätten sie Anspruch auf eine andere Aufgabe, die ihren Fähigkeiten entspreche – und für die falls nötig qualifiziert wird“, sagte Osterloh. Zugleich forderte er eine Betriebsvereinbarung, „die unsere Informations- und Mitbestimmungsrechte regelt“. Neu- und Weiterqualifizierung müssten dabei im Vordergrund stehen.

Während sich der Betriebsrat also sehr schnell positioniert hat, bleibt das Land Niedersachsen als VW-Großaktionär abwartend zum Thema Stellenabbau. Anke Pörksen, Sprecherin der Landesregierung, sagte: „Das Land erwartet die Vorlage und Diskussion substanzieller und abgestimmter Planungen des Vorstands im Aufsichtsrat und wird zuvor von einer Stellungnahme absehen.“

Neben dem Abbau von Arbeitsplätzen sieht das neue Sparprogramm eine Steigerung der Produktivität im Fahrzeug- und Komponentenbau um jährlich 5 Prozent bis 2023 vor. Ein weiterer Baustein ist die Verringerung der Komplexität. Das bedeutet konkret, dass VW-Modelle künftig nicht mehr in der Variantenvielfalt wie bisher angeboten werden. Insbesondere will der Autobauer die Motor-Getriebe-Varianten reduzieren. Dasselbe gilt für Bauteile.

Rendite solle von aktuell 3,8 auf 6 Prozent bis 2022 steigen

Arno Antlitz, Finanzvorstand der Marke VW, kündigte an, dass das Ergebnisverbesserungsprogramm eine Rendite von 6 Prozent im Jahr 2022 ermöglichen soll. Die sei erforderlich, um die anstehenden Investitionen stemmen zu können. Zum Vergleich: Im abgelaufenen Jahr erzielte die Marke eine Rendite von 3,8 Prozent.

Um bei den Zahlen zu bleiben: Der Umsatz der Marke stieg von knapp 79,2 Milliarden Euro 2017 auf knapp 84,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Der operative Gewinn sank hingegen von 3,3 Milliarden auf rund 3,2 Milliarden Euro. Ein Grund dafür sind die Probleme bei der Umstellung auf das Verbrauchs- und Abgas-Prüfverfahren WLTP. Vom operativen Gewinn müssen noch 1,9 Milliarden Euro für die Aufarbeitung des Abgas-Betrugs abgezogen werden.

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