„In Salzgitter wird Zukunft gestaltet“

Salzgitter.  Die E-Mobilität bietet der Stadt Chancen, findet nicht nur OB Klingebiel. Salzgitter könnte sich mit Batterie-Know-how profilieren.

Ein VW-E-Auto ohne Blechkleid. Das Batteriesystem, das den E-Antrieb speist, befindet sich im Unterboden zwischen den Achsen.

Ein VW-E-Auto ohne Blechkleid. Das Batteriesystem, das den E-Antrieb speist, befindet sich im Unterboden zwischen den Achsen.

Foto: Bernward Comes

Salzgitter ist nicht unbedingt eine Stadt, die positive Schlagzeilen am Laufband produziert. Wirtschaftliche und soziale Probleme beuteln die Stadt. Gestern aber war es so weit: Die Eröffnung der Pilotanlage von VW zur Produktion von Batteriezellen in der Stahlstadt erzeugte ein bundesweites Echo. Elektro-Fahrzeuge versprechen eine saubere Zukunft der Mobilität. Das Thema ist aktuell heiß – befeuert von den Klimaschutz-Debatten. Und weil das Herz eines E-Autos nun mal die Batterie ist, spielt Salzgitter eine zentrale Rolle in der Elektrifizierungsstrategie des weltgrößten Autobauers aus Wolfsburg.

Entsprechend stolz zeigte sich daher am Montag Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU). „Während in ganz Deutschland über Elektromobilität und Klimaschutz geredet wird, wird in Salzgitter bereits die Zukunft aktiv gestaltet“, ließ er sich in einer Mitteilung der Stadt zitieren. Tatsächlich könnte sich die Stahlstadt neu profilieren – dank der Pilotanlage, dank einer Batteriefabrik, die in naher Zukunft errichtet werden soll, aber auch dank der Wasserstoffaktivitäten von Unternehmen in der Stadt.

So beschäftigt sich VW mit Wasserstoff-Technik, aber auch die benachbarte Salzgitter AG und der Zugbauer Alstom. Wenn sich die Fahrzeug- und Stahlindustrie aus sich heraus neu erfindet und modernisiert – das wäre doch was.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg . Das gilt auch für die E-Mobilität. VW hat vor zwei Wochen zwar sein erstes Modell aus der rein elektrischen ID.-Familie vorgestellt – den Kompaktwagen ID.3. Die Produktion läuft aber erst Ende des Jahres an, zu den Händlern kommt das Auto im neuen Jahr. Noch weiß niemand, wie gut sich das Auto wirklich verkauft, wie sehr die E-Mobilität vom Kunden angenommen wird. Erfahrungswerte fehlen. Daher kann auch noch nicht gesagt werden, ob sich die VW-Fabrik in Salzgitter ohne großen Schmerzen Schritt für Schritt vom Motorenwerk zum Batterie-Standort wandelt. „Es ist ein ungeheurer Akt von Forschung und Entwicklung, um den Standort Salzgitter neu aufzustellen”, sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU), der am Montag nach Salzgitter gereist war. Er betonte aber auch: Der VW-Konzern leiste einen „entscheidenden Beitrag” für die Mobilitätswende und den Klimaschutz. VW setze ein wichtiges Signal.

Damit nichts durcheinander gerät: Während VW mit der Pilotanlage, die am Montag unter dem Beifall der Mitarbeiter eröffnet wurde, grundlegendes Wissen generieren will, soll dieses Wissen in der Batteriefabrik konkret angewendet werden. Dabei geht es unter anderem um Reichweite, Sicherheit, Leistungsdichte, Alterungsprozesse und natürlich Kosten.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh sieht seinen Arbeitgeber auf einem guten Weg, wie er am Montag in Salzgitter betonte. Das Fachwissen bei VW rund um die Batteriezelle sei inzwischen so exzellent, dass der Autobauer seine Zulieferer beim Aufbau ihrer Anlagen unterstütze.

Dennoch will VW in die Fertigung von Batteriezellen nur mit einem Partner einsteigen – zumindest vorerst. Das sagte Stefan Sommer, Beschaffungs- und Komponentenvorstand des Autobauers. Der Ausbau der E-Mobilität erzeuge mit der Batterie-Produktion eine neue Großindustrie, die Milliarden-Investitionen erfordere. „Und das bei einem Markt, der noch gar nicht existiert“, sagte Sommer.

Daher sei VW bestrebt, die Investitionen und das unternehmerische Risiko mit Partnern zu teilen. In Salzgitter errichten die Wolfsburger die Batteriefabrik mit dem schwedischen Partner Northvolt, an dem sich VW mit 20 Prozent beteiligt hat.

Nach Angaben Sommers kostet der Aufbau einer Produktionskapazität von 10 Gigawattstunden eine Milliarde Euro. Die Batteriefabrik in Salzgitter, in der die Produktion zum Jahreswechsel 2023/24 anlaufen soll, ist für eine Jahreskapazität von 16 Gigawattstunden ausgelegt. Nach Sommers Rechnung belaufen sich die Investitionen also auf
1,6 Milliarden Euro. Die Pilotanlage dagegen verfügt über eine Kapazität von deutlich unter einer Gigawattstunde. Den Bedarf für den Ausbau der E-Mobilität in Europa bezifferte Sommer auf 150 Gigawattstunden bis 2025. „Wir brauchen daher Partner“, betonte er.

Eine große Rolle soll in Salzgitter nicht nur die Erforschung und Produktion von Batteriezellen spielen, sondern auch deren Recycling. Die Zellen würden nicht eingeschmolzen, sondern geschreddert. So könnten die Rohstoffe besser zurückgewonnen werden, erläuterte Frank Blome, Leiter Batterie- und Energiesysteme bei Volkswagen. Der Autobauer strebe eine Recyclingquote von mehr als 90 Prozent an – das wäre ein nahezu geschlossener Kreislauf. Auch mit dieser Nachricht könnte der Standort Salzgitter weit über die Stadtgrenzen hinaus für positive Schlagzeilen sorgen.

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