„Der Wald ist Retter im Klimaschutz“

Braunschweig.  Klimaserie: Holz übernimmt eine zentrale Aufgabe als CO2-Speicher, sagt Klaus Merker, Chef der Niedersächsischen Landesforsten.

Ein Forstwirt der Niedersächsischen Landesforsten pflanzt im Forstamt Fuhrberg bei Hannover eine junge Buche. 

Ein Forstwirt der Niedersächsischen Landesforsten pflanzt im Forstamt Fuhrberg bei Hannover eine junge Buche. 

Foto: Niedersächsische Landesforsten

Kennen Sie den Unterschied zwischen erstem, zweitem und drittem Wald? Alle drei spielen beim Klimaschutz eine bedeutende Rolle – mal aktiv, mal passiv. Und die reicht weit über die des Opfers des Klimawandels hinaus. Denn Wald trägt als CO2-Speicher viel zum Klimaschutz bei, betont Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten, im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Unternehmen bewirtschaftet hauptsächlich die Waldbestände des Landes Niedersachsen. Das entspricht nach Angaben der Landesforsten etwa 28 Prozent der niedersächsischen Waldfläche.

Erster Wald

Dieser Wald ist längst vergangen und liegt zum Beispiel als Kohle unter der Erde. Auch dieser vor 200 Millionen oder gar 300 Millionen Jahren abgestorbene Wald funktionierte wie der heutige. Über die Blätter entnahmen die Bäume der Luft CO2, über die Wurzeln aus dem Boden Wasser. Aus beidem produzierten sie Sauerstoff, der an die Umgebung abgegeben, und Zucker, der eingelagert wurde. Auch CO2 wurde in den Bäumen gespeichert. Energiequelle der Photosynthese war wie heute das Sonnenlicht.

Durch die über viele Jahrzehnte stark steigende Nutzung fossiler Energie wie Kohle, aber auch Öl und Erdgas wird das in ihnen vor Jahrmillionen eingelagerte CO2 wieder freigesetzt. Die Folge: Zusätzlich zum CO2, das ohnehin über aktuelle natürliche Prozesse entsteht, steigt der Ausstoß des Klimagases durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas in Heizungen, Motoren und Kraftwerken.

„Dieses CO2 wird also zusätzlich dem natürlichen Kreislauf hinzugefügt“, sagt Merker. Dieser Effekt begünstige die Erd-Erwärmung. Wissenschaftler rund um den Globus sind daher überzeugt, dass der CO2-Ausstoß zurückgefahren werden muss, um die Erd-Erwärmung zu bremsen. Und dazu gehört der Verzicht auf das Verbrennen des ersten Waldes.

Zweiter Wald

Das ist der Wald, wie wir ihn kennen. Die Deutschen gelten als besonders waldverliebt, suchen Erholung, Entspannung, Sport und Naturerlebnis in direkter Nachbarschaft von Kiefern, Fichten Buchen, Eschen oder Eichen. Immer wieder ist der Zustand des Waldes daher ein heiß diskutiertes öffentliches Thema – etwa als der saure Regen in den 1970er und 1980er Jahren dem Wald zusetzte oder aktuell in der Debatte über die Folgen des Klimawandels. Und die sind auch für Waldexperten wie Merker drastischer als angenommen. „Bis vor fünf Jahren haben wir angenommen, der Klimawandel ist ein schleichender Prozess. Diese Auffassung haben wir revidiert“, sagt er.

Dürre, Borkenkäfer, Baumsterben – das sind Schlagzeilen, für die der Wald in der jüngeren Vergangenheit sorgte. Ursächlich ist der Klimawandel, der auch in Deutschland und unserer Region für Wetterextreme sorgt. Dazu gehörten in diesem und im vergangenen Jahr Trockenheit und Hitzerekorde. „Bäume wie Fichte und Buche geraten in Trockenstress und werden besonders anfällig für Schadorganismen, die vielfach von Sturm und Trockenheit profitieren. Aktuell ist der Wasserspeicher im Unterboden leer und muss sich erst wieder auffüllen“, erläutert Merker.

Diese Schädigung des Waldes ist nicht nur für den Betrachter abgestorbener Fichtenbestände im Harz ein ästhetisches Übel. Auch und ganz besonders unter Klimaschutzaspekten ist sie fatal. Denn aus den oben beschriebenen Gründen ist jeder Baum und jeder Wald ein CO2-Speicher.

Um welche Dimensionen es dabei geht, zeigt folgender Vergleich: Nach Zahlen der Landesforsten sind im aktuellen Waldbestand des Unternehmens 100 Millionen Tonnen CO2 gespeichert, hinzu kämen etwa 150 Millionen Tonnen CO2, die im Waldboden gebunden seien. Das entspricht der CO2-Menge, die der Stahlkonzern Salzgitter AG in rund 31 Jahren ausstößt – gemessen am aktuellen CO2-Ausstoß des Unternehmens von acht Millionen Tonnen im Jahr. Der Konzern ist damit für ein Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich.

Das Prinzip des CO2-Speichers Wald: Je mehr gesunde Bäume in gesunden Wäldern Photosynthese betreiben, desto mehr CO2 wird eingelagert. „Die Wiederaufforstung oder das Aufforsten zusätzlicher Wälder trägt daher aktiv zum Klimaschutz bei“, sagt Merker.

Nach seinen Angaben hat sich der Holzbestand auf den Flächen der Landesforsten in den vergangenen 45 Jahren nahezu verdoppelt. „1974 betrug der Bestand 58 Millionen Kubikmeter Holz, in diesem Jahr sind es 100 Millionen Kubikmeter.“ Dazu sei es gekommen, weil auf den Flächen der Landesforsten stets mehr Bäume nachwüchsen als geerntet würden, zudem seien zusätzliche Flächen aufgeforstet worden. Das geschieht zum Beispiel, wenn für große Bauvorhaben mit entsprechendem Flächenverbrauch Ausgleichsflächen bereitgestellt werden müssen.

Laut Merker pflanzen die Landesforsten jährlich fünf Millionen Bäume, dafür investiere das Unternehmen 10 Millionen Euro. Seit 1990 seien für 250 Millionen Euro
120 Millionen Bäume gesetzt worden. Das Geld muss selbst erwirtschaftet werden. Allerdings verderben die Auswirkungen des Klimawandels die Bilanz. Betrug der Gewinn der Landesforsten 2017 noch 5,6 Millionen Euro, machte das Unternehmen im vergangenen Jahr 5,9 Millionen Euro Verlust.

Die Strategie der Landesforsten konzentriert sich nicht allein auf das Nachpflanzen von Bäumen, sondern auf den Umbau der Wälder. Umbau bedeutet zweierlei: So sollen Monokulturen wie die Fichtenbestände im Harz abgelöst werden von Mischwäldern. Sie gelten als robuster als Monokulturen, weniger anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer, der aktuell die Fichtenbestände im Harz dahinrafft. „Es zeigt sich, dass gemischte Wälder widerstandsfähiger sind und über ein größeres Vermögen verfügen, nach Extremereignisse wieder zu ihrem ursprünglichen Zustand zurückzufinden“, sagt Merker.

Umbau heißt aber auch, dass Baumarten ersetzt beziehungsweise ergänzt werden. Nach Einschätzung des Landesforsten-Präsidenten sind nicht alle Baumarten gleichermaßen geeignet, dem Klimawandel zu widerstehen. So habe sich in der Trockenheit der beiden vergangenen Jahre gezeigt, dass Fichten und Buchen besonders anfällig und damit gefährdet seien. Deshalb halten auch nicht-heimische Baumarten Einzug in die niedersächsischen Wälder – etwa die aus Nordamerika stammenden Douglasien und Roteichen.

Diese Strategie ist unter Naturschützern nicht unumstritten. So gibt es Stimmen, die weiterhin den Einsatz ausschließlich heimischer Baumarten fordern. Zwar seien alte Bestände heimischer Arten durch Wetterextreme gefährdet – junge nachwachsende Bäume würden sich aber an die sich verändernden Bedingungen anpassen. Welche Strategie die bessere ist, lässt sich derzeit kaum beurteilen. Das Ergebnis wird sich erst in Jahren zeigen.

Auch die Art und Weise der Waldnutzung polarisiert. Soll der Wald ein sich selbst überlassener Urwald werden wie im Nationalpark Harz oder ein Wirtschaftswald bleiben, mit dem sich Geld verdienen lässt?

Etwa 10 Prozent des von den Landesforsten betreuten Waldgebiets ist sich selbst überlassen, der allergrößte Teil wird also bewirtschaftet. Merkers Position dazu ist klar: Auch unter Klimaschutzaspekten sei die Bewirtschaftung des Waldes besser, ist er überzeugt. Durch das aktuell großflächige Absterben von Baumbeständen wie im Harz entstünden Freiflächen. Würden diese nicht rasch aufgeforstet, werde das in den Waldböden gebundene CO2 freigesetzt, argumentiert Merker. Dasselbe gelte für die in einem sich selbst überlassenen Wald für die derzeit großen Mengen von Totholz. Zu einer ausgeglichenen CO2-Bilanz eines nicht bewirtschafteten Waldes komme es erst, wenn das Verhältnis zwischen nachwachsenden und verrottenden Bäumen ausgeglichen sei. In einem bewirtschafteten Wald werde das geerntete Holz dagegen meist sofort weiterverwendet und bleibe somit ein CO2-Speicher.

Neben dem Wald sind Moore große CO2-Speicher, von denen sich einige auf dem Gebiet der Landesforsten befinden. Werden diese Moore – wie in der Vergangenheit geschehen – trocken gelegt, geben sie das in ihnen gespeicherte CO2 ab. Daher wurden trockene Moorflächen wiedervernässt. Merker: „Weil unter diesen Bedingungen dann wieder Torfmoose wachsen, die der Atmosphäre CO2 entziehen, sind diese dann intakten Moore klimaschützende CO2-Speicher.“

Dritter Wald

Dieser „Wald“ wurde bereits kurz erwähnt. Dabei handelt es sich um Holz, das nach seiner Ernte für unterschiedliche Zwecke weiterverwendet wird. Dabei dient das Holz weiterhin als CO2-Speicher; weil es nicht verrottet, bleibt das CO2 gebunden. Ein Sonderfall ist Brennholz. Das gibt zwar CO2 bei seiner Verbrennung ab, aber eben kein fossiles. Daher bleibt die CO2-Bilanz von Brennholz zumindest ausgeglichen – es kommt also zu keiner zusätzlichen Belastung. Dank verbesserter Filter werden bei modernen Holzheizungen nach Experten-Einschätzung auch die Feinstaub-Grenzwerte eingehalten.

Der Einsatz von Holz ist äußerst vielfältig: etwa als Alltagsgegenstand im Haushalt, als Baustoff, Spielzeug oder Möbel. Die Faustregel: Je mehr Holz weiterverwendet wird, desto mehr CO2 bleibt gespeichert. Durch neue Techniken erweitert sich das Spektrum, zum Beispiel beim Einsatz von Holz zum Bau von Gewerbeimmobilien.

Dadurch kommt es laut Merker zu einem weiteren Effekt: Holz könne zunehmend Materialien wie Beton, Kunststoff oder Stahl ersetzen. Dadurch könne perspektivisch die Produktion dieser Materialien zurückgefahren werden, was den CO2-Ausstoß reduziere und die Klima-Bilanz verbessere. Zudem setze die Holz-Produktion selbst vergleichsweise wenig CO2 frei.

Als Beleg dafür zitiert Merker eine Studie der Hochschule Weihenstephan. Demnach benötigt die Produktion von einem Kilogramm Bauholz 0,7 Kilowattstunden Energie. Das ist in diesem Vergleich der niedrigste Wert. Beton kommt demnach auf 3 Kilowattstunden, Stahl auf 8, Kunststoff auf 30 und Aluminium sogar auf 72,5.

Merker: „Der Wald ist Retter im Klimaschutz.“

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