Wirecard: Ex-Asienchef offenbar auf Philippinen verstorben

Berlin.  Der frühere Asienchef von Wirecard ist laut Medienberichten im Alter von 44 Jahren verstorben. Der Skandal wird immer mysteriöser.

Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard wird immer mysteriöser.

Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard wird immer mysteriöser.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Schon jetzt klingt der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister und Dax-Konzern Wirecard wie ein überzeichneter Hollywoodfilm: 1,9 Milliarden Euro, die womöglich nie existierten, der Ex-Chef in Untersuchungshaft und ein Top-Manager mit Geheimdienstkontakten auf der Flucht. Das Ende der Fahnenstange ist aber wohl noch nicht erreicht. Denn jetzt gibt es in dem Wirtschaftskrimi einen Todesfall.

Christopher B. ist laut Berichten der „Financial Times“ und des „Handelsblatts“ im Alter von nur 44 Jahren verstorben. B. war der frühere Geschäftsführer der Asienniederlassung von Wirecard und führte zuletzt Unternehmen, die eng mit Wirecard zusammenarbeiteten – und unter Verdacht der Geldwäsche stehen. B. soll zudem laut den Berichten ein enger Vertrauter des flüchtigen Top-Managers Jan Marsalek gewesen sein. Auch gegen B. selbst liefen zuletzt Ermittlungen wegen des Verdachts der Geldwäsche.

Wirecard: Starb der frühere Manager schon im Juli?

In der vergangenen Woche sei B. den Behörden in Manila als tot gemeldet worden, berichtet die „Financial Times“. Auf der Seite einer Lokalzeitung aus dem Rhein-Neckar-Gebiet findet sich zudem eine Todesanzeige des früheren Wirecard-Managers, in der der 27. Juli als Todesdatum angegeben wird.

Der Vater von B. sagte dem „Handelsblatt“, dass sein Sohn nicht krank gewesen sei. Allerdings sei er wegen eines Schwächeanfalls ins Krankenhaus eingeliefert worden. „Ich glaube, es war eine natürliche Sache“, zitiert das „Handelsblatt“ B.s Vater. Die Familie störe sich an den Gerüchten um die möglichen Gründe für den Tod seines Sohnes, schreibt die Zeitung.

In einer Investigativrecherche hatte bereits Anfang Juli der „Spiegel“ die Verbindung von B. zu Wirecard offengelegt. B. sei aber „wie vom Erdboden verschluckt“, schrieb das Magazin.

Hintergrund: Wirecard ist ein Wirtschaftskrimi mit ungewissem Ausgang

Philippinischer Justizminister will Todesfall noch nicht bestätigen

Die Philippinen sind ein Dreh- und Angelpunkt in dem Skandal. Auf den Philippinen wollte Wirecard die fehlenden 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten geparkt haben. Die entsprechenden Banken gaben an, dass das Geld nie bei ihnen eingegangen ist.

Doch wie valide sind die Informationen zu B.s Tod? Nachdem bei der Aufklärung des womöglich größten deutschen Bilanzskandals aller Zeiten bereits mehrfach falsche Fährten in die Philippinen gelegt worden, hält sich der philippinische Justizminister Menardo Guevarra mit einer Bestätigung zurück. Erst müsse überprüft werden, ob es sich um dieselbe Person handele, wie die, gegen die gerade ermittelt werde“, sagte Guevarra der „Financial Times“.

Ex-Wirecard-Chef Braun wieder in Untersuchungshaft
Ex-Wirecard-Chef Braun wieder in Untersuchungshaft

B. führte einen philippinischen Zahlungsdienstleister – und ein Busunternehmen

Feststeht, dass Christopher B. sicher etwas zur Aufklärung des Falls hätte beitragen können. Denn seine geschäftliche Tätigkeit ist eng mit der Wirecards verknüpft.

Nachdem er als Geschäftsführer von Wirecard Asien ausschied, machte sich B. zusammen mit seiner Frau selbstständig und arbeitete als Geschäftsführer für den philippinischen Zahlungsabwickler PayEasy Solutions – der zuletzt über 290 Millionen Euro zum Umsatz für Wirecard beisteuerte. Auch den Zahlungsabwickler Centurion Online Payment International soll das Paar vertreten haben. Zudem führte B. ein Busunternehmen in Parañaque, einer Stadt im Großraum von Manila.

Wie undurchsichtig die Geschäfte sind, wird bei dem Busunternehmen deutlich. Mit 148 Touristenbussen wirbt das Unternehmen auf seiner Webseite. Wer sich dagegen auf der Webseite über die Zahlungsmodalitäten informieren möchte, wird zum österreichischen Online-Casino „Betano“ weitergeleitet, ein Klick auf die Preisauskunft führt direkt zu einer Porno-Seite. Glücksspiel und Pornos – mit diesen Zahlungsabwicklungen wurde auch einst Wirecard groß.

Kommentar: Warum der Wirecard-Skandal weit über den Konzern hinausgeht

Möglicherweise hatte B. Kontakte zu Jan Marsalek

Gute Kontakte soll B. auch zu Jan Marsalek unterhalten haben. Das schreibt das „Handelsblatt“ und beruft sich dabei auf Insiderkreise aus dem Konzern. Marsalek, die frühere Nummer zwei im Wirecard-Konzern hinter dem mittlerweile in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Chef Markus Braun, zählt zu den ominösesten Personen des Skandals.

Er soll in Kontakt mit Geheimdiensten gestanden haben und offenbar sogar geplant haben, libysche Milizen anzuheuern. Gerüchten zufolge soll Marsalek Hunderte Kilo Bargeld auf die Philippinen geschafft haben, so das „Handelsblatt“.

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Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard ist der womöglich größte Bilanzskandal in der deutschen Geschichte. Der Fall ist längst zum Politikum geworden und kann für einige Politiker gefährlich werden. Diskutiert wird, ob ein Untersuchungsausschuss im Bundestag eingesetzt wird – dafür braucht es aber die Zustimmung der Grünen. Es deutete sich zuletzt schon an, dass ein Untersuchungsausschuss immer wahrscheinlicher wird. Vor allem für Olaf Scholz wäre ein solcher Ausschuss problematisch – immerhin gilt er als möglicher Kanzlerkandidat der SPD. Scholz hat bereits angekündigt, die Finanzaufsicht zu reformieren. Auch der Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, fordert mehr Biss bei den Kontrolleuren.

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