Corona-Krise: Leiharbeiter sind ihren Job schnell wieder los

Berlin.  Arbeitsministerium: Jeder zweite Beschäftigte verliert seine Stelle innerhalb von nur drei Monaten. Vielen droht die Altersarmut.

Auch der Windkraft-Anlagenbauer Enercon setzte in seinen Werken auf Leiharbeit.

Auch der Windkraft-Anlagenbauer Enercon setzte in seinen Werken auf Leiharbeit.

Foto: dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa

Auftragsspitzen abfedern, schnell auf unvorhersehbare Lagen reagieren – der Einsatz von Leiharbeitern ist beliebt in der Industrie. Doch die Beschäftigungsform ist in den vergangenen Jahren immer mehr wegen des Vorwurfs des Lohndumpings in Verruf gekommen. Seit 2017 sollen Gesetze die Situation Hunderttausender Leiharbeiter deutlich verbessern. Doch in der Corona-Krise zeigt sich: Die besonders flexibel einsetzbaren Arbeitskräfte sind oft auch die ersten, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren Job los sind.

Neue Zahlen aus dem Bundesarbeitsministerium belegen, dass Leiharbeiter ohnehin in einer schwierigen Situation sind. Gerade einmal die Hälfte aller Beschäftigungsverhältnisse hat demnach länger als drei Monate Bestand – und drei von vier Leiharbeitern sind ihren Job schon nach neun Monaten wieder los. Jeder Fünfte, der seinen Job verliert oder kündigt, landet innerhalb der nächsten 90 Tage wieder in der Leiharbeit – während 38 Prozent erst einmal ohne Beschäftigung sind.

Diese Zahlen gehen aus einer Antwort aus dem Haus von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf eine Kleine Anfrage des AfD-Bundestagsabgeordneten René Springer, arbeits- und sozialpolitischer Sprecher der Fraktion, hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Leiharbeiter: Tarifverträge erlauben Einsatz von bis zu zehn Jahren

Um die negativen Auswüchse in der Leiharbeit zu beschränken, gilt seit 2017 das Prinzip der gleichen Bezahlung wie Stammarbeitskräfte (Equal Pay) und eine Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten im selben Betrieb. Mit Tarifverträgen können jedoch beide gesetzlichen Vorgaben umgangen werden – und davon machen den Angaben des Arbeitsministeriums zufolge etliche Branchen Gebrauch. Demnach waren im Tarifregister des Bundes Ende 2019 insgesamt 31 Tarifverträge verzeichnet, mit denen vom Equal-Pay-Grundsatz für bis zu 15 Monate abgewichen werden kann.

Hinzu kommen nach Ministeriumsangaben sogar 173 Tarifverträge, die längere Leiharbeitereinsätze als die gesetzlich zulässigen 18 Monate ermöglichen. In den Bereichen Post und Telekommunikation, Straßenverkehr, Spedition, Schiff- und Luftfahrt dürfen Leiharbeiter demnach bis zu zehn Jahre am Stück im selben Betrieb eingesetzt werden. Lesen Sie hier: Tönnies und Co.: Das ist das Problem mit Werkverträgen

Und: Wer in der Leiharbeit landet, verdient in der Regel deutlich weniger als andere Arbeitnehmer. Das mittlere Bruttomonatsentgelt von Vollzeitbeschäftigten lag nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) 2019 bei 3401 Euro. Leiharbeiter kamen auf 1983 Euro. Damit ist vielen Beschäftigten der Weg in die Altersarmut geebnet: 55 Prozent der Leiharbeiter (insgesamt 419.000 Beschäftigte) kamen im vergangenen Jahr nicht über ein Jahreseinkommen von 24.000 Euro brutto.

Dies ist erforderlich, um nach 45 Arbeitsjahren im Alter einen Rentenanspruch über der Grundsicherung zu erreichen. „Das Modell Leiharbeit wird systematisch ausgenutzt, um Löhne zu drücken“, sagte AfD-Politiker Springer unserer Redaktion. Er kreidet der Bundesregierung Lohndumping an. „In der Leiharbeit muss der Grundsatz gelten: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ab dem ersten Arbeitstag.“ Hintergrund: Im Alter ausgesorgt: Vier Tipps für den monatlichen Sparplan

Corona-Krise verschärft rückläufige Beschäftigungsentwicklung

Deutlich ist zudem der Jobabbau bei den Personaldienstleistern in der Corona-Krise ausgefallen. Gab es zum Jahreswechsel noch rund 700.000 Leiharbeiter in Deutschland, waren es nach den jüngsten verfügbaren Zahlen im Juni noch 630.600. Das entspricht einem Rückgang um 15,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

Kurzarbeitergeld wird bis Ende 2021 verlängert
Kurzarbeitergeld wird bis Ende 2021 verlängert

Laut dem Arbeitsmarktbericht der BA verstärkt sich in der Corona-Krise die schon vorher rückläufige Entwicklung. Große Industrieunternehmen wie Airbus hatten angekündigt, wegen der Corona-Krise Leiharbeiter nach Hause zu schicken – im Fall des Flugzeugbauers allein in Norddeutschland 1100 Beschäftigte.

Gewerkschaften wie die IG Metall begrüßen, dass auch Leiharbeiter in der Corona-Krise bis Ende 2021 Kurzarbeitergeld beziehen können. Zuvor mussten Betriebe Leiharbeiter als Erste vors Tor setzen. Dennoch weist die IG Metall auf Defizite hin: Um den Missbrauch von Werkvertrags- und Leiharbeit zu vermeiden, bräuchten Betriebsräte mehr Mitbestimmungsrechte bei der Fremdvergabe von Aufträgen, appelliert die Gewerkschaft an die Politik. „In der jetzigen Form führen Werkverträge und Leiharbeit zur Spaltung von Belegschaften in den Unternehmen und zu Mehrklassengesellschaften in den Betrieben“, betont die IG Metall.

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