Fünf Jahre VW-Dieselskandal: Als Volkswagen Milliarden verbrannte

Wolfsburg.  2015 erschütterte der Abgas-Betrug den Wolfsburger Autobauer. Im größten Fall von Wirtschaftskriminalität gibt es noch immer keinen Verantwortlichen.

In einem Video-Statement entschuldigte sich der damalige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn für die von VW manipulierten Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen.

In einem Video-Statement entschuldigte sich der damalige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn für die von VW manipulierten Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Mit rund 32 Milliarden Euro ließe sich schon etwas anfangen. Sie könnten dafür zum Beispiel ohne groß zu handeln 9697 Lamborghini Veneno Roadster kaufen – für jeweils 3,3 Millionen Euro. Vielleicht gibt es sogar noch ein Lamborghini-Cap dazu. Sie könnten dafür auch 38 Fußball-Teams mit einem Kader beglücken, der dem des FC Bayern entspricht – aktueller Marktwert: 838 Millionen Euro. Ein Trikot für den Eigenbedarf ist da bestimmt auch noch drin. Sie könnten an Ihren 214 liebsten Urlaubszielen jeweils einen eigenen Airbus A380 platzieren, der Sie ohne nervige Begleiter und lästiges Schlangestehen hin- und herfliegt. Kosten je Flugzeug: 149,2 Millionen Euro. Ok, ziehen wir ein Flugzeug wegen der Personalkosten ab.

Oder Sie verbessern endlich die Bildungs- und Forschungslandschaft in Deutschland und übernehmen 21 Monate lang den Etat des entsprechenden Bundesministeriums. Noch eine Variante: Sie drücken etwas auf den Sparknopf und finanzieren die mit 33 Milliarden Euro veranschlagte Elektro-Mobilitäts-Strategie des VW-Konzerns bis 2024. Das hätten die Wolfsburger mit den 32 Milliarden Euro wohl auch lieber selbst getan, die sie bisher für die Aufarbeitung des Abgas-Betrugs zahlen mussten. Doch soweit waren sie damals noch nicht.

Am 18. September 2015 platzte die Bombe

Damals – das ist noch gar nicht so lange her. Öffentlich bekannt wurde der Betrug am 18. September 2015, einem Freitag vor gut fünf Jahren. Zu dieser Zeit spielten viele Themen, die heute eine zentrale Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit des VW-Konzerns haben, noch in der Nische. Das gilt vor allem für Digitalisierung und Elektro-Mobilität. Damals – das war noch die Zeit der Spaltmaße und Oberflächen-Veredelung im Fahrzeug-Innenraum.

Die Nachricht, dass VW Verursacher einer der größten Wirtschaftskriminalitätsfälle überhaupt ist, traf die Öffentlichkeit wie auch die Mitarbeiter des Autobauers wie eine Blutgrätsche einen sprintenden Stürmer kurz hinter der Strafraumgrenze. VW war 2015 und in den Jahren davor Stammlieferant von Rekordzahlen.

Hier geht’s zum Podcast: Tatort Niedersachsen -Podcast- Der VW-Diesel-Skandal

Ein ums andere Mal übertrafen die Wolfsburger ihre Verkaufszahlen. Schon damals sorgte das Chinageschäft für starken Rückenwind. Das Duo Martin Winterkorn an der Vorstandsspitze und Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrats wirkte kongenial und schien unschlagbar.

Aus dem einst staubigen Autobauer Volkswagen hatten sie nach Vorarbeit ihrer Vorgänger – allen voran Carl Hahn, der Seat und Skoda zu VW holte und die Wolfsburger nach China brachte – einen echten Weltkonzern geformt. VW stand auf allen Kontinenten für verlässliche Autos. Ein Makel in dieser Erfolgsbilanz waren allerdings die USA. Auf dem damals weltweit größten und wichtigsten Automarkt fuhr insbesondere die Marke VW nur auf dem Standstreifen. Bulli, Käfer und Rabbit (Golf) waren zwar als automobile Ikonen in den USA nach wie vor bekannt, doch so richtig sexy war VW nicht. Das sollte sich nach dem Willen der VW-Spitze unbedingt ändern.

Software-Manipulationen an Diesel-Motoren

Mit der „Clean-Diesel-Strategie“ wollte Wolfsburg den von Benzin-Modellen dominierten amerikanischen Automarkt angreifen. Um potenzielle Käufer von Diesel-Modellen zu überzeugen, ließ VW in Werbespots 2015 eine Dame auftreten, die ihr weißes Halstuch vor den Auspuff ihres Dieselautos hält. Sozusagen als Beweis dafür, wie sauber das Auto ist. Der Haken dabei, wie später die Öffentlichkeit erfahren sollte: So sauber waren die Diesel nicht, dazu bedurfte es einer illegalen Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung. So waren die Autos auf dem Prüfstand gesetzeskonform, nicht aber im Alltagsbetrieb auf der Straße.

Aufgedeckt wurde der Betrug von der US-Organisation ICCT, die auch in Europa forscht. Sie untersuchte die VW-Diesel mit dem Ziel, die Autobauer unter Druck zu setzen, auch in der EU – wo die Stickoxid-Grenzwerte nicht so streng wie in den USA sind – sauberere Autos zu bauen. Nach dem Motto: Seht her, VW kann doch die strengeren Grenzwerte in den USA auch einhalten. Konnten die Wolfsburger aber nicht, und so machten schließlich US-Behörden den Betrug am 18. September 2015 öffentlich. Die Dimension des Falls ist gigantisch. VW beziffert die Zahl der weltweit betroffenen Autos auf elf Millionen. Mit der manipulierten Software war die Generation der EA 189-Diesel-Motoren ausgerüstet.

Die Folgen: Börsenbeben, Schockstarre, Klage-Industrie

Was nach der Bekanntgabe folgte, kann wohl am besten mit den Begriffen Börsenbeben, Schockstarre und Lawine zusammengefasst werden. Börsenbeben, weil die VW-Aktien brutal an Wert verloren haben. Schockstarre – das galt vor allem für Wolfsburg und die Mitarbeiter. Und der Staub der Lawine hat sich wegen der noch Jahre laufenden Gerichtsverfahren nach wie vor nicht gelegt. Im Zuge des Abgas-Betrugs ist geradezu eine Klage-Industrie entstanden.

Die Lawine wirbelte aber auch intern viel durcheinander. Und damit sind nicht nur Personalwechsel im Vorstand gemeint. VW hat sich als Lehre aus dem Abgas-Betrug auf den Weg der Erneuerung, des Umbaus begeben. Kein anderer der klassischen Autobauer setzt inzwischen so konsequent auf die Elektrifizierung seiner Flotte. Das geschieht freilich nicht aus reiner Liebe zur Umwelt, sondern unter dem Druck der sich verschärfenden CO2-Grenzwerte und damit drohender Strafen, sollten sie nicht eingehalten werden.

Auch die Digitalisierung wird nun ernst, nein sehr ernst genommen. Besonders im Fokus steht in diesem Zusammenhang der Aufbau der eigenen Kompetenz. Software-Experten haben in diesen Tagen beste Berufsaussichten bei VW und finden trotz Einstellungsstopps noch einen Arbeitsplatz.

Eine große Rolle spielt auch der selbst verordnete Kulturwandel beim Autobauer. Dabei geht es darum, ein offenbar unter Winterkorn und Piëch verfestigtes System des „Befehls und Gehorsams“ aufzubrechen. Führungskräfte sollen kritikfähiger werden, Mitarbeiter mutiger. Die konstruktiv-kritische Diskussion soll zum Alltag gehören. Zugleich wollen die Wolfsburger internationaler, vielfältiger, weiblicher werden. Das klingt schwer nach Dauerbaustelle – ist aber sicher im Sinn der internationalen Ausrichtung und Glaubwürdigkeit lobenswert.

Eine andere riesige Baustelle und damit das Besondere an dem Abgas-Betrug findet sich aber an anderer Stelle: Zwar ist das Motiv bekannt, allerdings gibt es nach wie vor keinen final Verantwortlichen für den Betrug. Der damalige Vorstandschef Martin Winterkorn hat zwar die politische Verantwortung für den Skandal übernommen und ist zurückgetreten. Den Vorwurf einer Beteiligung an dem Betrug weist er aber zurück.

Alle Texte zum Abgasbetrug finden Sie hier.

Gegen Winterkorn laufen zwei Verfahren in Braunschweig

Vor dem Landgericht Braunschweig laufen zwei Verfahren gegen Winterkorn: wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation und wegen des Vorwurfs des banden- und gewerbsmäßiger Betrugs. Die Strafverfahren wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen den damaligen Finanzvorstand und aktuellen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und den damaligen Chef der Marke VW und heutigen Konzern-Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess wurden gegen eine Zahlung von je 4,5 Millionen Euro an die Staatskasse eingestellt.

Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben inzwischen gegen 19 VW-Mitarbeiter Anklage erhoben. Eine Anklage gegen fünf Beschuldigte – zu denen Winterkorn zählt – wurde zugelassen. Dagegen muss das Landgericht noch über zwei weitere Anklagen mit acht beziehungsweise sechs Beschuldigten entscheiden. Zusätzlich wird noch gegen 74 Beschuldigte in Zusammenhang mit dem Abgas-Betrug ermittelt.

Daneben läuft noch ein Strafverfahren gegen den früheren Audi-Chef Rupert Stadler, den ehemaligen Audi-Motorenchef und Porsche-Technikvorstand Wolfgang Hatz und zwei weitere Ingenieure vor dem Landgericht München. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Betrug, irreführende Werbung und mittelbare Falschbeurkundung vor. Bis die Urteile in Braunschweig und München gesprochen werden, dürften noch Jahre vergehen.

Die Justiz in den USA war dagegen deutlich schneller. Am härtesten traf es dort den Ex-VW-Manager Oliver S. Er wurde 2017 als Mittäter zu sieben Jahren Gefängnis und 400.000 Dollar (340.000 Euro) Geldstrafe verurteilt. Allerdings gehörte S. dem Vorstand nicht an.

So wie die Strafverfahren in Deutschland Jahre beanspruchen, werden sich auch Zivilverfahren noch strecken. Vor dem Oberlandesgericht Braunschweig läuft zum Beispiel ein Musterverfahren, in dem Anleger Schadenersatz in Milliardenhöhe fordern. Ihr Vorwurf: VW habe sie nicht rechtzeitig über den Abgas-Betrug informiert.

Allerdings schließt sich auch der ein oder andere Aktendeckel. So erzielte VW mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen im Frühjahr einen Vergleich. In dieser Auseinandersetzung forderten VW-Besitzer Schadenersatz für ihre manipulierten Autos. Das Thema Schadenersatz wurde in Deutschland ohnehin hitzig diskutiert, weil VW ihn hierzulande seinen Kunden nicht freiwillig zustand – anders als in den USA.

Der Ausgang der noch laufenden Verfahren ist offen. Während noch nicht absehbar ist, ob sich tatsächlich ein Vertreter aus der damaligen Vorstandsriege für den beispiellosen Betrug verantworten muss, darf ganz sicher davon ausgegangen werden, das mit den bisher von VW gezahlten 32 Milliarden Euro noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Da werden noch Millionen, wenn nicht Milliarden hinzukommen. Geld, das an anderer Stelle viel, viel besser investiert worden wäre.

„Tatort“: Die große Crime-Serie unserer Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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