„Batman“ Diess und die Schatten über Wolfsburg

Wolfsburg.  Der VW-Chef beklagt „verkrustete“ Strukturen am Konzern-Stammsitz Wolfsburg. Der Niedersachsenblock im VW-Vorstand soll Veränderungen anschieben.

In einem Video von VW ist VW-Chef Herbert Diess mit Batman-Maske zu sehen, als er mit einem Seat auf einer Teststrecke fährt.

In einem Video von VW ist VW-Chef Herbert Diess mit Batman-Maske zu sehen, als er mit einem Seat auf einer Teststrecke fährt.

Foto: Screenshot / LinkedIn

Was soll uns das sagen? In einem an Neujahr veröffentlichten Video steigt VW-Chef Herbert Diess an einem nasskalten Wintertag in einen Formentor, ein Modell der Seat-Tochter Cupra, murmelt etwas, und düst auf der Teststrecke auf dem Wolfsburger Werksgelände eine Steilwand entlang. Dann – nach 37 Sekunden des 41 Sekunden dauernden Videos und einem scharfen Bremsmanöver – der Kameraschwenk ins Fahrzeuginnere. Am Steuer sitzt weiterhin Diess, nun blickt er erstmals kurz direkt in die Kamera - mit einer Batman-Maske. Die Botschaft des Videos: „Ready for 2021!“ – bereit für 2021. Sonst nichts.

Batman – der Einzelgänger, der aneckt

Die allermeisten kennen wohl die Comicfigur Batman, den Fledermausmann, der für Recht und Gesetz und somit gegen das Böse kämpft. Damit gehören Batman zwar Sympathie und Dankbarkeit der Geretteten und Beschützten. So richtig liebenswert, der nette Kumpel von nebenan, ist Batman allerdings nicht. Eher ein Einzelgänger, einer, der aneckt, einer, der nicht einfach ist, nicht unbedingt geliebt werden will. Und ganz offensichtlich sieht sich Diess beim Autobauer Volkswagen genau in dieser Rolle – wenn auch unter veränderten Vorzeichen. Der Kampf gegen das Böse wird ersetzt durch den Kampf für Veränderung, Beschleunigung, Erfolg.

Dabei ist Diess vieles, nur nicht konfliktscheu. Widerstände empfinde er als Ansporn, schrieb er im sozialen Netzwerk „LinkedIn“. Seine Mission: das Aufbrechen der „Behörde“ Volkswagen. VW sei an vielen Stellen zu „verkrustet und kompliziert“.

Machtkampf als eine Art fünfte Jahreszeit

Diess‘ forsche Art führt bei VW regelmäßig zum Krach – insbesondere in der Konzernzentrale Wolfsburg. So wie das Rheinland den Karneval als fünfte Jahreszeit zelebriert, wird in Wolfsburg ein nahezu alljährlicher Machtkampf ausgefochten. Dort laufen bisher die Machtfäden zusammen, dort sind die VW-Traditionen und -Eigenheiten am stärksten ausgeprägt. Die Wolfsburger „VW-Familie“ ist zum Teil schon in der dritten Generation beim Autobauer beschäftigt. Selbst in Betriebsratskreisen wird mitunter genervt die Augenbraue gehoben und von einer enormen Anspruchshaltung einiger Mitarbeiter berichtet – Stichwort „betreutes Arbeiten“.

Andere verdienen mehr Geld als Wolfsburg

Insbesondere Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh rasseln regelmäßig aneinander. Zuletzt im vergangenen Dezember, als es um den künftigen Zuschnitt des VW-Vorstands und personelle Besetzungen ging. Während Konflikte mit der Arbeitnehmervertretung eine geradezu logische Konsequenz der unterschiedlichen Interessenlagen sind, arbeitet sich Diess in Wolfsburg zusätzlich an Punkten ganz anderer Art ab. Ihm gehen die geforderten Veränderungen in Sachen Digitalisierung, Elektro-Mobilität und vor allem die Offenheit der Belegschaft für Neuerungen nicht schnell genug.

Der Standort ist ihm an zu vielen Stellen zu behäbig, zu selbstzufrieden, zu miesepetrig, zu wenig ehrgeizig, zu wenig bereit, Erfolg zu haben und zu feiern. Und: Wolfsburg verdient im konzerninternen Vergleich zu wenig Geld, das hat Diess immer wieder deutlich gemacht. Es sprudelt viel üppiger von Porsche, Audi, den Braunschweiger Finanzdienstleistungen und aus China.

Gefährliche Situation für das Stammwerk

Für das Stammwerk ist dies eine gefährliche, ja geradezu hoch-explosive Gemengelage. Wolfsburg, das ist schon länger zu spüren, ist unter Diess nicht mehr automatisch die „Kaiserpfalz“ unter den VW-Standorten, nicht mehr unberührbar, kein heiliger Ort. Davon zeugt zum Beispiel, dass die Zentrale der Car-Software-Organisation, die ein einheitliches Betriebssystem für alle Konzernmodelle entwickeln soll, nicht in Wolfsburg angesiedelt wurde, sondern bei Audi in Ingolstadt. Diese Entscheidung ist aus Wolfsburger Sicht gleichzusetzen mit dem Verlust von Macht und Bedeutung. Und das bei einer solch wichtigen Zukunftstechnik.

Produktionszahlen sind unbefriedigend

Corona hat dem Werk Wolfsburg stark zugesetzt. Produktionszahlen um die 500.000 Autos jährlich wie 2020 reichen auf Dauer nicht aus, um die geforderte Wirtschaftlichkeit zu bringen. Schon vor Corona waren die Produktionszahlen nicht zufriedenstellend. Neue Modelle sollen das zwar ändern, doch ein zukunftsweisender Stromer kommt erst in einigen Jahren. Bis dahin sind die Wege weit und staubig. Viel von diesem Staub könnte sich auf die Konzernzentrale legen.

Diess will Führungsstil ändern

Wie geht es also weiter in Wolfsburg? Diess will bei sich selbst anfangen, seinen Führungsstil ändern. Das kündigt der Konzernchef ebenfalls bei „LinkedIn“ an und gesteht gleichzeitig ein Scheitern ein. Er sei 2015 mit dem Auftrag angetreten, VW zu verändern. Das sei ihm im Konzern vielerorts zwar gelungen, nicht aber in Wolfsburg. Am Mittellandkanal sei er mit seiner konfrontativen, direkten Art nicht ans Ziel gekommen. Eine für ihn neue Erfahrung, die nun Folgen haben soll. Er wolle sich in Wolfsburg künftig mehr zurücknehmen und die Verantwortung an Vorstandskollegen weitergeben, die mit mehr „Stallgeruch“ ausgestattet sind, sprich die Wolfsburger Verhältnisse und Eigenheiten besser kennen. Namentlich nennt Diess den Chef der Marke VW, Ralf Brandstätter, Personalvorstand Gunnar Kilian, Technikvorstand und Komponentenchef Thomas Schmall und Christian Vollmer, Produktionsvorstand der Marke VW.

"System" Wolfsburg soll verändert werden

Ihr Job soll es nun sein, das „System“ Wolfsburg zu ändern. „Weniger konfrontativ, mit mehr Empathie“, wie Diess bei „LinkedIn“ schreibt. Was unausgesprochen bleibt: Den genannten Vorständen, zu denen auch der aus Braunschweig stammende Porsche-Chef Oliver Blume und der künftige Konzern-Finanzvorstand Arno Antlitz gerechnet werden dürfen, bleibt nicht allzu viel Zeit, um in Wolfsburg etwas zu bewegen. Diess wird weder seine Ungeduld noch seinen Ehrgeiz, seinen Hunger auf Erfolg ablegen.

Teslas Kampfansage

Im Gegenteil: Quasi in direkter Nachbarschaft stampft Tesla in Rekordzeit in Brandenburg eine Fabrik für E-Autos aus dem Boden, die als Kriegserklärung auch an VW gewertet werden muss. Diess‘ angekündigte Änderung des Führungsstils könnte daher als eine Art Ultimatum für den Stammsitz gewertet werden. Scheitert die Niedersachsen-Fraktion im Vorstand mit ihrer Wolfsburg-Mission, dann dürfte es am Mittellandkanal auch mit Blick auf die Arbeitsplätze ungemütlich werden wie nie zuvor. Die Wolfsburg, sie könnte fallen. Und Batman düst in seinem Batmobil im Mondschein davon.

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