Die Ostfalia schaltet um auf Onlinemodus

Wolfenbüttel.  Die Ostfalia Hochschule stemmt 60.000 Prüfungen pro Semester unter Corona-Bedingungen.

Auch im Wintersemester gilt an der Ostfalia-Hochschule das Abstandsgebot für Studenten und Dozenten. Hier demonstrieren das im Audimax Präsidentin Rosemarie Karger (Mitte) sowie die Vizepräsidenten Susanne Stobbe und Volker Küch.

Auch im Wintersemester gilt an der Ostfalia-Hochschule das Abstandsgebot für Studenten und Dozenten. Hier demonstrieren das im Audimax Präsidentin Rosemarie Karger (Mitte) sowie die Vizepräsidenten Susanne Stobbe und Volker Küch.

Foto: Jörg Kleinert

An den vier Standorten der Ostfalia-Hochschule in Wolfenbüttel, Wolfsburg, Calbecht und Suderburg begann im Oktober das zweite Semester in Folge unter Corona-Bedingungen. Wie hat sich die Hochschule technisch und infrastrukturell darauf vorbereitet, wie gehen die rund 13.000 Studenten mit der Situation um? Jörg Kleinert sprach dazu mit Ostfalia-Präsidentin Professor Rosemarie Karger, Vizepräsidentin Susanne Stobbe (Lehre, Studium und Weiterbildung) und Vizepräsident Volker Küch (Personal und Finanzen).

Das erste Online-Semester an der Ostfalia hat Dozenten und Studenten herausgefordert. Frau Karger, wie fällt Ihre Bilanz aus?

Rosemarie Karger: Am 2. März zu Beginn des Sommersemesters war das Haus voll. Und Haus voll heißt bei uns 13.000 Studierende und 1000 Beschäftigte, die sich in 80 Gebäuden dieser Hochschule an vier Standorten tummelten. Dann kam der Lockdown. Das war für alle ein Schock und sehr herausfordernd.

Volker Küch: Als sich das abzeichnete, haben wir sofort unsere Arbeitsgruppe Corona-Schutz, also einen Krisenstab, eingesetzt. Wir haben uns also schon früh intensiv mit dem Thema beschäftigt, auch, wenn sich zu der Zeit noch niemand vorstellen konnte, was alles noch passieren sollte.

Rosemarie Karger: Wir als Hochschule für angewandte Wissenschaften waren ja bereits in die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters gestartet und daher ging es sehr kurzfristig zur Sache bei uns. Wir mussten die Studierenden versorgen und quasi über Nacht wurde das Haus geschlossen mit dem Lockdown – das heißt, es wurden 80 Gebäude an vier Standorten auch wirklich abgeschlossen. Wir haben von jetzt auf gleich von der Präsenzlehre auf die Onlinelehre umstellen müssen. Und ich kann sagen, es war klasse, was alle unternommen haben. Es haben alle an einem Strang gezogen und tun es auch jetzt noch, denn die Herausforderungen dieser besonderen Zeit begleiten uns ja nach wie vor. Aber in dieser ersten Zeit war es besonders fordernd. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Professorinnen und Professoren. Und selbstverständlich für die Studierenden. Diese haben sich positiv geäußert, weil sie auch gehört wurden. Der Allgemeine Studierendenausschuss ist in der Arbeitsgruppe Corona-Schutz beteiligt, so dass wir die Studierenden immer dabei hatten und wir haben eine Studierendenbefragung gemacht, um zu hören, was schon gut läuft und was noch hakt.

Volker Küch: Seit dem 18. Mai haben wir dann wieder vorsichtig geöffnet. Wir haben erste Lehrveranstaltungen wieder in Präsenz ermöglicht, zum Beispiel für Labore. Auch Bibliotheken waren wieder für die Studierenden offen, denn gerade am Anfang war die Bücherversorgung schwierig. Wir haben quasi „Books-to-go“ angeboten. Die Studierenden konnten vorher anmelden, was sie haben wollten aus der Bibliothek und das wurde ihnen dann herausgegeben.

Sind denn die Ostfalia-Standorte im jetzt laufenden Wintersemester wieder Orte der Begegnung und des direkten Austausches der Studenten? Oder wird eine Mischform aus Präsenz-Formaten und Online-Betrieb bestehen bleiben?

Susanne Stobbe: Zu Beginn des Wintersemesters haben wir mit etwa 15 bis 20 Prozent der Veranstaltungen in Präsenz geplant und sind so auch Anfang Oktober gestartet. Wir passen unser Verfahren aber natürlich immer an die aktuelle Situation der Pandemie und die Verordnungen des Landes an. Die Regel ist in diesem Semester die Online-Lehre, Präsenz wird nur in sehr begrenztem Umfang möglich sein. Es gibt auch Konzepte für hybride Veranstaltungen, für die Studierende in Gruppen aufgeteilt werden, in denen sie im wöchentlichen Wechsel an die Hochschule kommen, während die anderen Gruppen die Vorlesungen von zu Hause verfolgen. Das ist von Fakultät zu Fakultät unterschiedlich. Und wir wägen genau ab, je nach Entwicklung.

Es gibt Studenten, die zu Hause kein eigenes Zimmer zum Lernen und keine geeigneten technischen Voraussetzungen haben. Wie helfen Sie denen?

Susanne Stobbe: Solange es die Situation zulässt, ermöglichen wir es Studierenden, sich in leere Hörsäle, in die leere Mensa oder in Pool-Räume zu setzen, um Online-Vorlesungen zu verfolgen. Natürlich immer mit Abstand und unter Einhaltung aller Regeln des Hygieneplans der Hochschule.

Sie mussten für Ihre Hochschule einen Hygieneplan entwickeln. Welche sind die wesentlichen Inhalte?

Volker Küch: Wir haben einen Rahmen-Hygieneplan aufgestellt, der für alle Ostfalia-Standorte gilt und der auch immer wieder an neue Verordnungen, die sich abzeichnende Lage und Erkenntnisse angepasst wurde und wird. Die wesentlichen Inhalte sind die gängigen Verhaltensweisen wie das Abstandhalten, Hygieneregeln, das Lüften und das verpflichtende Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung.

Wie dokumentieren Sie in der Hochschule, wer sich wann in welcher Hochschul-Veranstaltung befunden hat?

Volker Küch: Die Räume sind mit QR-Codes ausgestattet. Unser Rechenzentrum hat ein eigenes System aufgelegt. Man scannt mit seinem Handy den QR-Code ein und ist in dem Raum registriert. Man muss auf diese Weise nur einmalig seine Daten eingeben. So können wir sicherstellen, dass wir für eine Nachverfolgung wissen, wer wann in welchem Raum war. Die Daten werden nur im Ernstfall an das Gesundheitsamt weitergegeben, ansonsten werden diese nach 21 Tagen gelöscht.

Welche Vorkehrungen treffen Sie noch in den Räumen?

Volker Küch: Das regelmäßige Lüften bekommt eine wichtige Bedeutung. Die großen Hörsäle, die mit Lüftungsanlagen versehen sind, arbeiten alle mit Frischluft. Wir haben keine Umwälzanlagen. Die Lüftungsanlagen fahren wir derzeit von Hand. Man muss wissen, dass diese mit CO 2 -Sensoren ausgestattet sind. Sind die Hörsäle voll, wird automatisch nachgelüftet. Das Problem bei den CO2-Sensoren: Sind zu wenig Leute da, springt der Sensor nicht an. Deshalb werden diese Anlagen von uns derzeit per Hand unter Volllast gefahren. Die Durchlüftung ist permanent gesichert.

Wie läuft es in Corona-Zeiten mit Klausuren und Examen? Sind beispielsweise Online-Klausuren denkbar? Wie ist die Rechtslage?

Susanne Stobbe: Da haben wir im Grunde kaum Erfahrungen gesammelt im letzten Sommersemester. Es ist schwierig, eine Situation zu schaffen, in der man sicherstellen kann, dass Studierende nicht schummeln. Deshalb haben wir Online-Klausuren auch nicht empfohlen. Wir haben stattdessen unseren Lehrenden empfohlen, sich Gedanken über andere Prüfungsformate zu machen. Also statt Klausur eine mündliche Prüfung, eine Hausarbeit oder ein Referat. Das sind Formate, die man auch online ableisten kann. Das ist in vielen Fakultäten dankbar aufgenommen worden. Wir haben zum Ende des Sommersemesters auch Klausuren in Präsenz schreiben lassen. Und zwar in ganz vielen Räumen. Wir haben in Wolfenbüttel die Lindenhalle oder in Wolfsburg den Kongresspark angemietet, um eben Abstände einhalten und unter fairen Bedingungen prüfen zu können.

Rosemarie Karger: Unter dem Strich haben wir pro Semester rund 60.000 Einzelprüfungen. Man kann sich vorstellen, was wir für einen Aufwand betreiben mussten, um das vernünftig durchzuführen.

Sprechen wir übers Geld: Corona kostet. Welche Mehrkosten für Hygiene, Personal oder Umbauten hat die Hochschule pro Semester zu stemmen?

Volker Küch: Auf Initiative der Landeshochschulkonferenz haben wir Zahlen erhoben, was uns das Sommersemester zusätzlich gekostet hat. Für die Ostfalia waren das etwa 450.000 Euro. Darin erfasst sind nicht der personelle Mehraufwand, die Überstunden und die Mehrarbeit der Lehrenden, die ganze Vorlesungen umstellen mussten. Wir mussten technisch aufrüsten, weil wir zum Beispiel Video- oder Konferenzsysteme nicht im benötigten Umfang hatten. Allein 300.000 Euro sind in die technische Ausrüstung geflossen. Jetzt im Wintersemester kommen noch einmal 300.000 Euro für Investitionen dazu, damit die Technik stabil funktioniert. Auch die Hygienematerialien kosten. Für Desinfektionsmittel für die Hände zum Beispiel wurden in der Anfangsphase von Corona teils horrende Preise aufgerufen.

Wer hilft Ihrer Hochschule finanziell?

Volker Küch: Was die Technik angeht, sind wir Gott sei Dank vom Land unterstützt worden. Niedersachsen hat für Sofortmaßnahmen in der Digitalisierung 330.000 Euro bereitgestellt, die wir jetzt gemeinsam mit der Hochschule für Bildende Künste verwenden. Unser Rechenzentrum versorgt nicht nur die Ostfalia, sondern auch die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.

Hinweis: Das Interview wurde zu Beginn des Wintersemesters im Oktober 2020 geführt.

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