Wolfsburg: Aktivisten übernachten im Globus der Autostadt

Wolfsburg.  Eine bislang unbekannte Gruppe hat einen Zug mit Neuwagen in Wolfsburg blockiert. Dazu seilten sich vier Mitglieder von einer Brücke ab.

Protestaktion auf der Eisenbahnbrücke an der Tappenbecker Landstraße über den Mittellandkanal.

Protestaktion auf der Eisenbahnbrücke an der Tappenbecker Landstraße über den Mittellandkanal.

Foto: Sebastian Priebe / regios24

Mit der Blockade eines mit 200 VW-Neuwagen beladenen Autozuges und einer weiteren Aktion in der Autostadt des Wolfsburger Konzerns haben Klimaschutz-Aktivisten auf spektakuläre Art und Weise auf die ihrer Meinung nach „verfehlte Klimapolitik der Bundesregierung im Bezug auf Mobilität“ aufmerksam gemacht. Sie forderten eine sofortige Verkehrswende.

Dazu hatten sich die Protestierer auch von einer Eisenbahnbrücke über den Mittellandkanal zwischen VW-Werk und Fallersleben abgeseilt und sich zudem an den Gleisen festgekettet. Auswirkungen auf die Produktion und die Auslieferungen habe die Aktion nach aktuellem Stand nicht gehabt, sagte ein Volkswagen-Sprecher. Man sei mit Kritikern im Dialog. „Klimaschutz und Dekarbonisierung sind zentrale Themen der Konzernstrategie“, so VW.

Die mit einem Großangebot von 120 Beamten angerückte Polizei holte gegen 17.45 Uhr zunächst vier Mitglieder der Gruppe zurück auf die Brücke, die sich abgeseilt hatten. Zum Einsatz kamen auch Beamte des Sondereinsatzkommandos.

Wolfsburgs Polizeisprecher Sven- Marco Claus betonte aber, dass die Aktion „ruhig und besonnen“ abgelaufen sei. Die Aktivisten seien nicht gewaltbereit gewesen. Die Räumung der Gleise zog sich bis in die Abendstunden hin. Die Teilnehmer müssen mit Anzeigen wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Güter- und Warenverkehr rechnen.

Protestaktion Verkehrswende in Wolfsburg

Die Aktion habe sich nicht speziell gegen Volkswagen gerichtet, sagte David Neisser, einer der Sprecher der offenbar nur lose verbundenen Gruppen. „Den VW-Standort Wolfsburg haben wir ausgewählt, weil er für uns ein Symbol für die gesamte Autobranche ist“, so Neisser. Kritik und Forderungen sind fundamental. „Die Probleme sind struktureller Art und individuelle Lösungen reichen nicht aus – eine solidarische Wirtschaft jenseits von Wachstumszwang ist möglich und angesichts der Klimakrise auch dringend nötig“, fordert Neisser in einer E-Mail der „koordinierte Kleingruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung“ mit der Adresse „autoverkehr nirgendwo“. Man verlange die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Weiter heißt es in der Mail: „Wir fordern den sofortigen, flächendeckenden Ausbau des klimafreundlichen und kostenlosen öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV). Der Autoverkehr in den Städten soll radikal minimiert werden.“ Die bisherige Wachstumsphilosophie biete keine Lösungen für die aktuellen Probleme.

Parallel zur Blockade des Zuges hatten sich sechs Mitglieder einer anderen Gruppe in der von vielen Besuchern frequentierten Autostadt an einen in der Kuppel der Piazza aufgehängten Globus angekettet. Auch hier verlief der Protest friedlich.

Die Ereignisse im Ticker

Update: 11.50 Uhr: Vier Aktivisten haben sich von der Brücke abgeseilt und hängen über dem Mittellandkanal, andere haben sich vor und hinter dem Autozug angekettet. Polizei und Wasserschutzpolizei sind vor Ort. Noch ist unklar, welches Ziel #BlockVW verfolgt oder ob es Forderungen an das Unternehmen gibt

Update: 12 Uhr: In der Eingangshalle der Autostadt klettern in einer Blitzaktion sechs Aktivisten, vier Männer und zwei Frauen, in den großen Globus. Autostadt-Mitarbeiter sperren den Bereich auf der Piazza ab und legen zur Sicherheit der Aktivisten mehrere Matten unter den Globus. „Wir haben ihnen ein Dialog-Angebot gemacht. Dieses wurde aber abgelehnt“, sagt Autostadt-Sprecher Tobias Riepe. Die Aktivisten wollten sich nicht persönlich, sondern nur über Megafon austauschen. Die Sicherheitsmitarbeiter der Autostadt halten sich im Hintergrund. Riepe fordert die Aktivistin lediglich auf: „Bitte den Globus nicht zum Schaukeln bringen.“

Update: 13.40 Uhr: Es handelt sich offenbar um rund 30 Aktivisten. 4 hängen von der Brücke, andere haben sich vor und hinter dem Autozug angekettet. Polizei und Wasserschutzpolizei sind vor Ort, können aber offenbar derzeit wenig ausrichten.

Update: 13.54 Uhr: VW teilte soeben mit, dass es noch keine Forderungen der Gruppe ans Unternehmen gibt. Der Zug soll auf öffentlichem Gelände stehen.

Update: 14.22 Uhr: Jetzt äußert sich die Gruppe auch öffentlich. Aktivist David Neisser sagt, man habe VW stellvertretend für die Branche ausgewählt. Es gehe nicht vorrangig um Elektroautos oder neue Mobilitätsstrategien – man wolle eine Verringerung des PKW-Bestandes und die Verlagerung des Verkehrs auf den ÖPNV erreichen. Das Verhältnis zu Polizei und VW-Werkschutz sei „sehr entspannt“. Angst vor Regressforderungen habe er persönlich nicht.

Update: 14.36 Uhr: Jetzt soll es auch noch eine spontane Aktion in der Wolfsburger Fußgängerzone geben. Das wurde über Whats-App verbreitet.

Update: 15 Uhr: Die sechs Aktivisten in der Autostadt sitzen – ausgestattet mit Hängematten und einem Netz – in dem großen Globus und entrollen Plakate. Vereinzelt bleiben Besucher stehen und beobachten das Treiben unter der Hallendecke. Die Situation ist friedlich. Die Mitarbeiter der Autostadt stellen den Aktivisten auf einem Tisch sogar (veganes und vegetarisches) Essen und Getränke (in Glasflaschen) zur Verfügung. „Wir sehen das als Beschwichtigungsversuch der Autostadt und wollen das nicht annehmen“, sagt Timo aus Berlin. Er hat sich abgeseilt und spricht mit unserer Zeitung über die Aktion. „Wir können hier ein, zwei Tage ausharren“, meint er. „Wir haben genug Verpflegung mit.“

Noch ist die Traglast der Konstruktion nicht erreicht. Das hat man mit den Aktivisten besprochen, die sich diesbezüglich kooperativ zeigten. Ein Ende der Aktion ist nicht absehbar, ein Dialogangebot der Autostadt wurde nicht angenommen.

Update: 15.30 Uhr: Am Bahngleis trifft immer mehr Polizei ein, auch aus angrenzenden Landkreisen und aus Braunschweig. Mehrere Schiffe stauen sich im Mittellandkanal vor der Autostadt. Sie haben zwangsgeankert, da sie die Eisenbahnbrücke nicht passieren dürfen. Die Aktivisten äußern sich in einer Mitteilung schriftlich: die Kleingruppen der sogenannten Klimagerechtigkeitsbewegung hätten demnach einen mit fabrikneuen Fahrzeugen beladenen Autozug gestoppt, um auf die verfehlte Klimapolitik der Bundesregierung im Bezug auf Mobilität aufmerksam zu machen und eine sofortige Verkehrswende zu fordern.

Update: 15.52 Uhr: In der Porschestraße haben sich am Vormittag spontan zehn Aktivisten versammelt, nachdem sie bei Twitter von der Zugblockade gelesen haben.

Sie selbst sind privat organisiert und gehören keiner größeren Gruppierung an, haben auch nichts mit #BlockVW zu tun.

Die Blockade begrüßen sie allerdings: "Wir müssen leider zu solchen Mitteln greifen, mit netten Worten und bunten Plakaten erreichen wir die Politik nicht", sagt Aktivistin Lisanne Menzel.

Die Forderungen der Gruppe sind unter anderem autofreie Ortskerne, 0-Tarif im öffentlichen Nahverkehr, verbesserte Arbeitsbedingungen für Lokführer und Bahnfahrer und gleichzeitig die Enteignung der Automobilkonzerne.

Um ihren Protest kenntlich zu machen haben sie ihre Forderungen mit Kreide und Graffiti auf die Pflastersteine, die Bänke und Mülleimer in der mittleren Porschestraße geschrieben. Dabei handelt es sich um eine so genannte Spontan-Demo, die laut den Organisatoren nicht angemeldet habe werden müssen.

Einige neugierige Passanten blieben stehen und kamen mit den Aktivisten ins Gespräch, von Vorbeigehenden hieß es aber auch: "Was wollen diese Idioten denn?"

Auch diesen Aktivisten gehe es übrigens nicht um einen Schlag gezielt gegen VW, sondern die Autoindustrie allgemein. VW stehe exemplarisch als Zentrum der deutschen Autoindustrie.

"Spontan-Demos wie diese sind auch ohne vorherige Anmeldung erlaubt, sofern keine Flyer verteilt werden", bestätigt Polizeisprecher Sven-Marco Claus.

Update: 16.28 Uhr: Die Polizei hat die Aktivisten aufgefordert, das Gleisbett zu verlassen. „Jetzt warten wir ab“, berichtet Wolfsburgs Polizeisprecher Claus.

Update: 17.15 Uhr: Die Einsatzkräfte beginnen, das Gleisbett zu räumen. Vier Aktivisten, die sich abgeseilt hatten, werden abgeführt. Auch ein Polizeischiff ist im Einsatz. Laut Claus verläuft die Aktion „ruhig und besonnen“.

Update: 18.12 Uhr: VW hat mittlerweile ein Statement zu den Vorfällen veröffentlicht. Der Autobauer erklärt darin, dass ein von der Autostadt angebotener Dialog von den Aktivisten, die in den Globus über der Piazza geklettert sind, abgelehnt wurde. Zudem verweist der Konzern unter anderem darauf, dass er bereits im März die "bilanzielle CO2-Freiheit des Unternehmens bis 2050 angekündigt" hat. Außerdem heißt es in der Mitteilung: "Nach bisherigem Stand haben die Aktionen keine Auswirkungen auf die Produktion und Auslieferungen Fahrzeugen."

Update: 21.59 Uhr: Laut einem Polizeisprecher verharren die Aktivisten noch immer festgekettet am Gerüst des Globus der Autostadt aus.

Update: 6:58 Uhr: Die Aktivisten teilen über Twitter mit, dass in der Nacht der Feueralarm und das Licht eingeschaltet wurden. Dennoch blieb die Gruppe über Nacht im Globus der Autostadt. Für 12 Uhr hat die Gruppe eine Pressekonferenz zum Abschluss der Aktion angekündigt.

Update: 13.10 Uhr: Die Aktion ist beendet. Die Polizei zieht Bilanz .

Mitteilung der Gruppe

In einer Mitteilung heißt es, dass Kleingruppen der sogenannten Klimagerechtigkeitsbewegung einen mit fabrikneuen Fahrzeugen beladenen Autozug um auf die verfehlte Klimapolitik der Bundesregierung im Bezug auf Mobilität aufmerksam zu machen und eine sofortige Verkehrswende zu fordern. Zu diesem Zweck wird der Zug mittels einer Kletteraktion sowie mehreren angeketteten Menschen über viele Stunden festgesetzt.

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