Genitalverstümmelung ist auch in Wolfsburg ein Problem

Wolfsburg.  Elf Frauen aus Afrika hat die Wolfsburger Flüchtlingssozialarbeiterin Alexandra Fastnacht 2019 beraten. Alle elf waren beschnitten.

Plüschvaginas und Plüschgebärmuttern kommen zum Einsatz, wenn Alexandra Fastnacht in Wolfsburg mit Flüchtlingsfrauen über Schwangerschaften oder Genitalverstümmelung spricht. 

Plüschvaginas und Plüschgebärmuttern kommen zum Einsatz, wenn Alexandra Fastnacht in Wolfsburg mit Flüchtlingsfrauen über Schwangerschaften oder Genitalverstümmelung spricht. 

Foto: Helge Landmann / regios24

Genitalverstümmelung. Das ist doch etwas, das nur irgendwo in den rückständigsten Regionen Afrikas stattfindet. So wohl die allgemeine Annahme. Doch auch in Ägypten, dem Irak, Iran und Oman werden Frauen beschnitten. Und einige von ihnen leben heute in Wolfsburg.

Ihnen möchte Alexandra Fastnacht helfen. Die Flüchtlingssozialarbeiterin des evangelischen Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen ist in der Frauen- und Schwangerenberatung aufgefallen, dass Frauen aus bestimmten Regionen auffällig oft mit Kaiserschnitt entbanden oder nach der Entbindung Probleme mit Entzündungen oder Inkontinenzen hatten. Durch vorsichtiges Nachfragen erfuhr sie, woran das lag, sprach das sensible Thema dann mit der Zeit in ihren Beratungen etwas direkter an und stellte fest, wie viele Betroffene es gibt. „Im letzten Jahr hatte ich elf Frauen aus afrikanischen Ländern in der Beratung, und elf waren auch beschnitten und vernäht“, sagt Fastnacht.

Das „Desert Flower Center“ ermöglicht Rekonstruktionen in Berlin

Alexandra Fastnachts Meinung: „Wir müssen viel offener damit umgehen.“ Denn die Frauen hätten auch Töchter. „Und da sind wir dann ganz schnell beim Kinderschutz.“ Also besuchte die Sozialarbeiterin Weiterbildungen – und lernte so das Berliner Krankenhaus Waldfriede kennen, das rekonstruierende Operationen anbietet. Die Chirurgen, Psychologen und Berater des „ Desert Flower Center “ haben nach Angaben der Klinik bereits mehr als 500 Frauen behandelt.

Alexandra Fastnachts Plan lautet, auch Wolfsburger Frauen Operationen und damit einen normalen Blut- und Urinabfluss, ein Leben ohne ständige Schmerzen und ein normales Empfinden zu ermöglichen. Nicht jede Betroffene will das, schon gar nicht auf Anhieb: „Für die Frauen ist ihr Zustand normal. Erst hier erfahren sie, dass es nicht normal ist, dass es hier verboten ist, dass eine Frau nicht dauernd Schmerzen haben muss, dass sie ein Recht am eigenen Körper, ein Recht auf eigene Sexualität hat“, erzählt die Sozialarbeiterin.

Für Flüchtlingsfrauen ist die Operation eine Entscheidung gegen ihre Kultur

Es ist auch eine Entscheidung gegen die Herkunftskultur, und dieser Entscheidung geht ein langer Prozess voraus. Was folgt, ist dann mitunter ein Spießrutenlauf durch die deutsche Bürokratie. Je nach Aufenthaltsstatus haben die Frauen lediglich Anspruch auf medizinische Akutversorgung. Um Fahrtgeld zu erhalten, müssen Gutachten herbeigeschafft werden. Bei jedem Termin sind Angst und Scham zu überwinden.

Der evangelische Kirchenkreis möchte den Frauen, die sich für eine Operation entscheiden, zumindest den Kampf um die Reisekosten ersparen. Er bittet um Spenden auf das Spendenkonto des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen bei der Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg, IBAN DE88 2695 1311 0011 0000 49, BIC NOLADE21GFW. Stichwort: Hilfe für Flüchtlingsfrauen.

Zwei Frauen aus Wolfsburg bereiten sich auf den Eingriff vor

Eine erste Frau aus Wolfsburg hat schon einen OP-Termin in Berlin vereinbart. Wegen der Coronapandemie wurde er abgesagt, die Zugreise erschien zu riskant. Zurzeit bereiten sich zwei alleinerziehende Mütter auf den Eingriff vor.

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